Zeitung für Solidarität und Widerstand

Trotz Waffenruhe: Angriffe in Gaza, Westbank und Libanon

Nachdem es bereits nach kürzester Zeit zu Brüchen der Waffenruhe von Seiten Israels kam, nimmt die Gewalt kein Ende. Neben Angriffen von Siedlern im Westjordanland greift das Militär weiter Gaza und Libanon an. Zudem kommen weiterhin nicht ausreichend Hilfslieferungen in Gaza an.

Erneut hat ein israelischer Luftangriff im Libanon stattgefunden. Wie Al Jazeera berichtet, kam es am 8. November zu einem Angriff auf ein Fahrzeug zwischen den südöstlich gelegenen libanesischen Städten Ain Ata und Shebaa. Bei diesem Angriff wurden zwei Libanes:innen getötet. Dieser Angriff ist laut Libanons Nationaler Nachrichten Agentur (NNA) der jüngste Verstoß gegen die ein Jahr alte Waffenruhe zwischen Libanon und Israel.

Ebenfalls am Samstag führte Israel einen Drohnenangriff aus. Dieses Mal auf ein Auto in der Nähe des Salah Ghandour Krankenhauses in der im Süden des Libanons gelegenen Stadt Bint Jbeil. Es seien zwei Raketen auf das in einer dicht besiedelten Gegend parkende Auto gefeuert worden. Laut Angaben des libanesischen Ministeriums für Gesundheitsangelegenheiten wurden dabei sieben Menschen verletzt.

Ein dritter Angriff fand am selben Tag im südlichen Libanon statt und traf ein Auto in Baraachit. Es kursiert ein Foto einer Straße über dem starken Rauch aufsteigt und zahlreiche Trümmerteile dieselbe Straße blockieren. NNA berichtet über einen Toten und vier verletzte Libanes:innen. Laut Aussagen der IDF seien die Angriffe auf Standorte der Hisbollah gerichtet gewesen. Beweise gibt es dafür keine.

Auch am Montag Morgen kam es zu einem Drohnenangriff auf ein Auto in der Nähe der Stadt al-Bisariya. Nach Angaben der NNA wurde dabei eine Person getötet.

Was bedeutet der vermeintliche Waffenstillstand im Libanon?

Israel führt trotz der 2024 beschlossenen Waffenruhe regelmäßig solche Angriffe aus. Davon sind auch Zivilisten direkt betroffen. Der Sprecher für EU-Auslandsangelegenheiten, El Anouni, sagte in Richtung Netanjahu: „Die EU fordert Israel auf, alle Tätigkeiten, die die Resolution 1701 und die Übereinkunft der Waffenruhe […] verletzen, einzustellen.“

Siedlergewalt bei Olivenernte

Im Westjordanland griffen israelische Siedler am Samstag eine Gruppe von palästinensischen Dorfleuten, Aktivisten und Journalisten an, welche versuchten Oliven zu ernten. Die Siedler waren vermummt, trugen Knüppel und Schlagstöcke mit Nägeln und warfen schwere Steine auf die Erntenden.

Die Fotojournalistin der Nachrichtenagentur Reuters, Raneen Sawafta, berichtete über die Olivenernte im besetzten Westjordanland. Sie und andere Journalist:innen wurden dabei von Siedlern angegriffen. Sawafta berichtet, dass sie an Stellen getroffen wurde, die durch ihre Presseweste nicht geschützt waren. „Wir rannten weg, das Gelände war bergig. Ich trug die Presseweste, und sie schlugen auf die Stellen ein, die von der Weste nicht bedeckt waren“, erklärte sie gegenüber Al Jazeera.

Das palästinensische Dorf namens Beita, welches südlich der Stadt Nablus in der West Bank liegt, war in den vergangenen Jahren ein Hotspot für Angriffe durch Siedler:innen geworden. Diese nahmen nach Beginn des Genozids in Gaza vor zwei Jahren deutlich zu und eskalierten zu Beginn der diesjährigen Olivenernte im Oktober. Laut der UN seien mindestens 50 palästinensische Dörfer betroffen. Es gäbe insgesamt 200 Verletzte seit Beginn der diesjährigen Ernte.

Israelische Streitkräfte und Siedler haben im vergangenen Monat im Westjordanland 2.350 Angriffe durchgeführt. Die Kommission der Palästinensischen Autonomiebehörde für Kolonisierung und Widerstand gegen die Mauer (CRRC) spricht von einem „andauernden Zyklus des Terrors“. Seit dem 7. Oktober wurden über 1.000 Palästinenser:innen im Westjordanland getötet.

E1-Pläne begraben die Zwei-Staaten-Lösung endgültig

Im Interview mit NTV berichtet die Anwohnerin Afaf Abu Alia über die Ausmaße der Siedlergewalt. Sie wurde kürzlich von mehreren Männern mit Nägeln bestückten Schlagstöcken zuerst am Kopf und dann überall am Körper geschlagen und schwer verletzt. Die Siedler zerstörten ebenso Olivenbäume sowie Autos und töteten Schafe der Palästinenser:innen.

Israelische Streitkräfte haben am Montag zudem ein dreitägiges Militärmanöver mit Bodentruppen, Luftwaffe und Spezialeinheiten begonnen, um die Einsatzbereitschaft für mögliche Eskalationen zu testen.

Angriffe in Gaza gehen weiter

Auch in Gaza kommt es weiterhin fast täglich zu Luftangriffen des israelischen Militärs. Seit Beginn des verhandelten Waffenstillstands sind mindestens 241 Palästinenser durch andauernde israelische Angriffe getötet und 619 verletzt worden.

In den vergangenen Tagen zerstörte die IDF Häuser im Stadtteil Zeitoun und führte im Osten von Gaza-Stadt sowie in den nördlichen und östlichen Gebieten von Khan Younis schwere Luftangriffe durch. Zusätzlich wurden Drohnen über dem Westen der Stadt eingesetzt und Artilleriegeschosse auf az-Zanna im Süden von Gaza abgefeuert.

Israel bricht Waffenruhe – Spannungen in der Regierung und mit den USA

Israel brach bereits in der Vergangenheit ohne jegliche Konsequenz die Waffenruhe. Zudem werden weiterhin Lebensmittel- und andere Hilfslieferungen zurückgehalten. „Sie lassen einfach nichts, was UNRWA gehört, hinein“, so John Whyte, stellvertretender leitender Direktor von UNRWA für Gaza. „Also müssen wir unsere Vorräte an andere Organisationen übergeben, die sie dann hereinbringen. Aber wir müssen auch das UNRWA-Logo von allem entfernen, was uns viel Aufwand bereitet.“

Ismail Radwan, ein hochrangiger Hamas-Vertreter erklärte gegenüber Al Jazeera Arabic, dass der Grenzübergang Rafah, der wichtigste Ein- und Ausgangspunkt für Palästinenser aus Gaza, geöffnet sein müsse und dass die vereinbarte Menge an Hilfslieferungen nicht eingehalten werde, da täglich weniger als ein Drittel der vereinbarten Lastwagen eintrifft.

Am Montag soll es nun auch zu einem Treffen zwischen dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und dem US-Präsidentenberater Jared Kushner kommen. Am Dienstag will der französische Präsident Macron dann Mahmoud Abbas, den Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, treffen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) erklärten derweil, dass sie wahrscheinlich nicht an der vorgeschlagenen internationalen Stabilisierungstruppe für Gaza teilnehmen werden, solange kein klarer politischer und operativer Rahmen vorliegt. Sie betonten jedoch, dass sie alle politischen Friedensbemühungen unterstützen und weiterhin humanitäre Hilfe leisten wollen.

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!