In der juristischen Fakultät an der Universität Leipzig kehrt seit Semesterstart keine Ruhe ein: Ein Professor macht mit frauenfeindlichen Social Media-Beiträgen auf sich aufmerksam und nun ist ein Flugblatt aufgetaucht, dass sexualisierte Belästigung durch einen Mitarbeiter anprangert.
Die juristische Fakultät der Universität Leipzig hat schon seit geraumer Zeit mit einem schlechten Ruf zu kämpfen. Anders als in den meisten Städten gibt es hier keine Zulassungsbeschränkungen, also sind die Anforderungen an die Bewerber:innen relativ gering. Schenkt man den Studierenden Gehör, schlägt sich das auch in der Lehre nieder.
So wird von überfüllten Hörsälen, ausgebuchten Modulen und überfordertem Personal berichtet. Seit Anfang dieses Semesters plagt die Studierenden aber noch ein ganz anderes Problem.
Der Fall Tim Drygala
Seit dem Start des Wintersemesters betreibt Tim Drygala – Professor für Bürgerliches Recht, Handels-, Gesellschafts- und Wirtschaftsrecht, sowie Mitglied von Frauke Petrys Verein Team Freiheit – einen eigenen Account auf der Plattform X. Seitdem haben sich mehr als 3.000 Beiträge auf seinem Profil angehäuft. Immer wieder finden sich darunter Äußerungen, in denen er sich abfällig und teilweise offen feindlich gegenüber Frauen, LGBTI+ und Migrant:innen äußert.
Die ersten großen Empörungen seitens der Studierenden gab es, nachdem Drygala ein Bild seines Kühlschrankes veröffentlicht, an dem ein ausgedrucktes Bild von Heidi Reichinnek, der Fraktionsvorsitzenden der Linken, klebt. Er fügt folgende Bildunterschrift hinzu: „Unsere Kühlschranktür schließt schlecht. Man muss immer mit der Faust dagegennschlagen [sic], damit sie richtig zu ist. Damit ich das nicht vergesse, habe ich mir jetzt einen kleinen Reminder gebastelt. Wirkt 1a.“ Mittlerweile ist der Beitrag gelöscht.
Angezeigt hat die Politikerin den Professor trotzdem. Sie fühle sich von dem veröffentlichten Beitrag „beleidigt und bedroht“.
Doch damit nicht genug. Immer wieder finden sich auf Drygalas Account Aussagen, bei denen Gewalt an Frauen im Mittelpunkt steht. Mal mit mehr, mal mit weniger humoristischem Anspruch.
So kommentiert er ein Video britischer Aktivistinnen, die einen Konzernchef konfrontieren, kurz angebunden mit „Aufs Maul“. Einem Artikel der Bild mit dem Titel „Ex-Staatsanwalt (91) erschlägt Ehefrau mit Beil – 7 Jahre Haft!“, hat der ehemalige Dekan der juristischen Fakultät nur die ironische Bemerkung „er hat das Ehegattensplitting wohl falsch verstanden“ hinzuzufügen.
Eine Kontroverse von vielen
Im Austausch mit den Studierenden der juristischen Fakultät stößt man auf breite Ablehnung gegenüber Drygalas Äußerungen, doch öffentliche Kritik blieb bisher weitgehend aus. Zu groß sei die Gefahr ins Visier der Professoren zu geraten und benachteiligt zu werden. Vor Kurzem erschien ein offener Brief, welcher von 33 (teils ehemaligen) wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen der juristischen Fakultät unterzeichnet ist. Dort heißt es: „Notwendig sind sowohl Änderungen der fakultätsinternen Kultur, als auch strukturelle Veränderungen“.
Sie beziehen sich dabei auf wiederholte Berichte über sexualisierten Machtmissbrauch. Der Auslöser scheint hierbei ein Flugblatt zu sein, welches anonymisiert in den Räumen der Universität verteilt wurde.
Es regt sich Widerstand
Nachdem vermehrt anonyme Vorwürfe und Forderungen laut geworden sind, haben sich nun auch Fakultät und Fachschaftsrat zu Wort gemeldet. Sie seien an einem konsequenten Vorgehen und unverzüglichen Maßnahmen interessiert, außerdem bieten sie Betroffenen die Möglichkeit geschützte Gespräche mit Fakultätsvertreter:innen zu vereinbaren: Grundsätze, die sie auch schon vorher so beschlossen und durchgesetzt haben sollen. Konkrete Äußerungen zu möglichen Fällen patriarchaler Gewalt an der Universität bleiben aber aus.
Ein Missstand, den das Studierendenkollektiv, eine sozialistische Studierendenorganisation, in einem Statement anprangert: „Die Fakultät verschleiert dies[en Fall] komplett, ließ den Mitarbeitenden im Aufhebungsvertrag gehen, statt echte Konsequenzen zu ziehen“.
Anfang November organisierten sie eine Kundgebung vor der Universität, bei der Reden über die verschiedenen Fälle und Lösungsvorschläge präsentiert wurden. Zu lange wurden die Probleme verschwiegen und „das Patriarchat […] durch die universitären Strukturen abgesichert“. Damit soll jetzt Schluss sein: Sie rufen dazu auf sich gegen patriarchale Strukturen an der Universität zu organisieren und dem systematischen Machtmissbrauch entgegenzutreten.

