Auf griechischen Inseln wie Kreta sitzen derzeit rund 200 Jugendliche und junge Erwachsene hinter Gittern – die meisten aus dem Sudan. Viele von ihnen wurden bereits zu langen Haftstrafen verurteilt, anderen wird aktuell der Prozess gemacht. Eine weitere Manifestation der menschenfeindlichen Grenzpolitik Europas. – Ein Kommentar von Nika Jazani.
Kreta, 24. November 2025: An diesem Tag wird acht sudanesischen Jugendlichen unter dem Tatvorwurf der illegalen Einreise und Beihilfe zur illegalen Einreise nach Griechenland der Prozess gemacht. Die längste Verhandlung dauert gerade einmal 17 Minuten, die kürzeste knappe vier. Der Prozesstag endet mit sieben Verurteilungen zu jeweils 10 Jahren Haft bei lediglich einem hart erkämpften Freispruch.
Sieben unschuldige Jugendliche, die allesamt voller Hoffnung auf ein besseres Leben vor Krieg, Folter und Zwangsarbeit geflohen sind, werden an ihrem Zufluchtsort mit menschenverachtender Brutalität für den Rest ihrer Jugend ins Gefängnis gesteckt.
Entsprechend deutliche Worte fand das Unterstützer:innennetzwerk der Inhaftierten, bestehend aus verschiedenen Organisationen, Anwält:innen und Aktivist:innen in ihrem nach der Urteilsverkündung veröffentlichten Statement: „Wir verurteilen das System und alle, die an der Durchsetzung dieser Urteile gegen so junge Jugendliche beteiligt sind. Wir prangern die Behörden an, die fesseln, erniedrigen und inhaftieren.“
Vom Asylrecht zur Abschreckungspolitik
Derzeit ist Menschenschmuggel das zweithäufigste Delikt, weswegen Menschen in griechischen Gefängnissen einsitzen. Oft sehen die Angeklagten ihre Anwält:innen am Prozesstag zum ersten Mal. In der Regel fehlt adäquate Übersetzung, und die Prozesse münden allzu oft ohne handfeste Beweise innerhalb weniger Minuten in Verurteilungen zu hohen Strafen.
Dieser staatliche Umgang ist jedoch keineswegs eine Überraschung, wenn man sich die europäische „Tradition“ im Umgang mit Geflüchteten vor Augen führt: Die Kriminalisierung von Schutzsuchenden reiht sich ein in eine lange Kette von menschenunwürdigen Asylgesetzen und Praktiken der europäischen Staaten.
Wenn Geflüchtete nicht Opfer von brutalen Pushbacks werden, finden sie sich in griechischen Aufnahmelagern wieder, in denen die Lebensbedingungen unzumutbar sind. Meist sind sie in abgelegenen Gegenden weit weg von Siedlungen errichtet und nur für Kurzaufenthalte ausgelegt. Dennoch müssen Menschen dort teilweise Jahre verbringen. Überfüllte Räume, mangelnde Hygiene, unzureichende medizinische Versorgung und fehlende Privatsphäre bestimmen den Alltag.
„Bett, Brot, Seife“: Söders Offensive gegen Asylbewerber:innen in Bayern
In Griechenland erreichte dies einen vorläufigen Höhepunkt, als das Aufnahmelager Moria auf der griechischen Insel Lesbos im September 2020 niederbrannte. In dem stark überfüllten Lager lebten bis zu 20.000 Menschen. Im Zuge eines Corona-Ausbruchs kam es derzeit zu Unruhen, in deren Verlauf das Lager abbrannte.
Immer mehr Geflüchtete kommen an
In diesem Jahr sind allein auf Kreta bereits mehr als 10.000 Menschen mit dem Boot angekommen. Das hängt nicht zuletzt mit dem Ausbruch des blutigen Bürgerkriegs zwischen den Sudanesischen Streitkräften (SAF) und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) im Sudan im Jahr 2023 zusammen.
Täglich werden Frauen, Männer und Kinder Opfer von Massentötungen und sexualisierter Gewalt. Über 12 Millionen sind bislang vertrieben worden. Die Lebensgrundlage unzähliger Menschen ist unwiederbringlich zerstört. Auf eine Chance zum Überleben hoffend nehmen junge Menschen die lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer in Kauf, um sich bald in der nächsten Hölle wiederzufinden.
Abschottung ist die Antwort der griechischen Regierung auf den Hilferuf der flüchtenden Massen. Im Juli diesen Jahres hat das griechische Parlament beschlossen, die Asylanträge für Personen, die per Boot aus Nordafrika ankommen, für drei Monate auszusetzen und ihre Rückführung – ohne Registrierung ihrer Anträge – zu ermöglichen. Die Kriminalisierung der Flucht seitens der EU soll für Abschreckung sorgen und Migration verhindern.
Schicksale, die im Gerichtssaal nicht zählen
Die Biografien der Jugendlichen zeigen, wie brutal die Realität hinter den Anklagen ist. Bada Ruman Steven etwa verlor im Sudan seine Eltern und wurde auf der Flucht nach Griechenland unter Waffengewalt gezwungen, ein GPS-Gerät zu halten. Auch Mousab, 19, wurde von Schleppern bedroht und gezwungen, ein Boot zu steuern – heute sitzt er für 25 Jahre im Gefängnis. Ihre Geschichten werden vor Gericht kaum berücksichtigt, obwohl sie selbst Überlebende von Krieg, Ausbeutung und Gewalt sind.
Was ist notwendig, um sich das Grundrecht auf Asyl zu verdienen?
Suleman Mazen und der erst 17-jährige Chol Hani Zacheria sind weitere Beispiele für diese systematische Entmenschlichung: Beide flohen nach dem Verlust ihrer Familien aufgrund des Kriegs und landeten direkt nach ihrer Ankunft in überfüllten Gefängnissen. Chol erfuhr kurz darauf vom Tod seiner Mutter, die einen Panikanfall erlitt, als sie von seiner Inhaftierung hörte. „Wir sind keine Kriminellen“, erzählt er, „wir sind Kinder des Krieges und der Zerstörung.“
Verschiedene Menschenrechtsorganisationen haben daraufhin die Kampagne Freetheboys gestartet und setzen sich für die Freilassung der inhaftierten Jugendlichen ein. Die nächsten Prozesse sind für den 1. Dezember in der Stadt Chania auf Kreta angesetzt.

