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Berater, Aufsichtsrat, Autoverkäufer: Lindners Schnellkurs in Sachen „Drehtür”

Ein Jahr nach seinem Rauswurf startet Christian Lindner (FDP) seine Ex-Politiker-Karriere in der freien Wirtschaft. Der Drehtür-Effekt verschafft ihm dabei innerhalb von zwei Monaten ganze sechs Anstellungen. Und die Kontrollinstanzen? Nicken alles brav ab. – Ein Kommentar von Vinzent Kassel.

Politik ist ein hartes Stück Arbeit und für einen Vorzeigekapitalisten wie Christian Lindner vermutlich auch ein ziemlich schlecht bezahltes obendrein. Da er jetzt von dieser Last befreit ist und nicht mehr Koalitionen torpedieren muss, hat er nun ausreichend Zeit, sich direkt seiner großen Liebe hinzugeben: dem Kapital. In welchem Ausmaß er sich diesem vor die Füße wirft, ist allerdings dann doch ungewöhnlich. Offenbar reicht ein einzelner Job nicht mehr aus, um seine diversen Sportwagen zu tanken. Insgesamt sechs Tätigkeiten geht der ehemalige FDP-Chef seit Anfang Dezember nach.

Seine neueste Beschäftigung wurde vergangene Woche publik: Beim Kalksteinhersteller Lhoist Germany wird er sich zukünftig im Aufsichtsrat einbringen. Das Unternehmen betreibt mehrere Steinbrüche im Rheinland und erhofft sich, Lindners „geo- und industriepolitische Erfahrung“ zunutze machen zu können. Wie bereits erwähnt ist seine neueste Anstellung nicht seine einzige Liaison mit dem Kapital. Grund genug, um chronologisch seine Jobsuche nachzuzeichnen.

Das Sabbatical ist vorbei

Am 6. November 2024 entband der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) Finanzminister Lindner von seinen Aufgaben. Daraufhin wurde es erst hitzig und dann plötzlich ruhig um den Ex-FDP-Vorsitzenden. Ein knappes Jahr ließ er verstreichen, bis es im Oktober 2025 auf einmal Schlag auf Schlag ging: Am 7. Oktober titelte die Taz – neben dem Versuch einer Art Gleichstellung des Leids in Israel und Palästina – u.a. auch: „New Step für Christian Lindner“.

Der Lindner-Artikel spielt darauf an, dass er beim Jobportal Stepstone als „unabhängiges Mitglied“ in das Shareholder-Board berufen wurde. Dort vertritt er seitdem die Interessen der Anteilseigner, bestehend aus dem amerikanischen Finanzinvestors KKR und dem Axel Springer-Konzern. Die Drähte zu dem Medienkonzern sind offenbar kurz, arbeitete doch seine Frau Franca Lehfeldt in unterschiedlichen Positionen für den Fernsehsender Welt, der zum Springer-Kosmos gehört.

Gerade einmal zwei Tage später (!) veröffentlichte die Hagedorn Unternehmensgruppe ein Statement, in dem verlautbart wurde, dass sie ihren Beirat um zwei Personen erweitern würde. Neben dem derzeitigen Vonovia-Vorsitzenden Rolf Buch ist seitdem auch Christian Lindner mit an Bord, um „die Perspektive auf marktwirtschaftliche Rahmenbedingungen, Kapitalmärkte und Standortpolitik innerhalb des Gremiums“ zu vertiefen.

Eine Woche Verschnaufpause war ihm dann von den Medien vergönnt, ehe am 16. Oktober sein zukünftiges Engagement als Startup-Investor öffentlich wurde. Ab Dezember wolle er mit seiner Beteiligungsfirma in aufstrebende junge Unternehmen investieren und diesen mit seiner „Expertise“ zur Seite stehen. Das war der dritte Streich.

Lindner berät Agentur bei Commerzbank-Übernahme

Nur sechs Tage nach dieser Nachricht berichtete das Handelsblatt von einer abermaligen Anstellung: Bei der Beratungsagentur Teneo steigt Lindner als Senior Advisor ein. Der Chef der Consulting-Firma Paul Keary hofft vor allem auf „seine Erfahrung auf dem höchsten Regierungslevel und seine tiefe wirtschaftliche Expertise“ – vielleicht aber auch auf seine Insiderinformationen in Bezug auf die Commerzbank.

Als Finanzminister war er für die Beteiligungen des Bundes an dieser Bank verantwortlich. Auch wenn Lindner eigentlich gegen eine Übernahme war, trennte sich die BRD von einem Teil ihrer Anteile an der Bank mit Sitz in Frankfurt noch während seiner Amtszeit. Interessant ist dies vor allem im Hinblick auf seine aktuelle Tätigkeit bei Teneo. Die Agentur berät nämlich Unicredit bei dessen geplanter Einverleibung der Commerzbank. Ein Schelm, wer hierbei einen Interessenskonflikt vermutet.

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Ebenfalls medienwirksam war seine bislang letzte Neuanstellung bei der Autoland AG. Die Aktiengesellschaft, die sich selbst als „größten Autodiscounter“ bezeichnet, verpflichtete ihn Ende November für die Bereiche Marketing und Vertrieb. In der Folge sparten die Medien nicht mit Häme und beschrieben seinen Werdegang vom Bundesminister zum „Gebrauchtwagenhändler“. Lindner soll’s recht sein, bringt er damit doch bereits seine fünfte Einnahmequelle unter die Haube – zusammen mit der „Arbeit“ im Aufsichtsrat von Kalksteinhersteller Lhoist Germany sind’s dann stolze sechs.

Bereits sein Urgroßvater soll vor mehr als hundert Jahren als Arbeiter und Sprengmeister im Kalkwerk Dornap in Wuppertal gearbeitet haben, so die Romantisierung seiner unersättlichen Geldgier. Dass Lindner im Aufsichtsrat heute solche Arbeiter:innen, wie sein Urgroßvater damals einer war, für sich und die Anhäufung von Profit ausbeutet, anstatt selbst für Lohn oder Gehalt zu arbeiten, sollte an dieser Stelle einmal klargestellt sein.

Bundeskabinett genehmigte seine Tätigkeiten

Die meisten seiner beruflichen Avancen wurden im Oktober durch das Kabinett gewunken, denn ehemalige Regierungsmitglieder müssen neue Tätigkeiten innerhalb von 18 Monaten nach Amtsende melden. Mögliche „Interessenskonflikte“ sollen dadurch ausgeschlossen werden. Scheinbar konnten diese selbst bei seiner Beratertätigkeit für Teneo nicht nachgewiesen werden. Oder aber der Bundesregierung bleibt zwischen Kriegsertüchtigung und Hetze gegen Geflüchtete keine Zeit mehr, um die Masse seiner Genehmigungsanträge sorgfältig zu überprüfen.

Dass Kapitalist:innen zwischen Politik und Wirtschaft heiter hin- und herwechseln, ist beileibe nichts Neues. Doch die aktuelle Unverfrorenheit Lindners ist selbst für einen ehemaligen FDP-Chef erstaunlich. Nun ja, wer sich dem Kapital anschmachtet, wird auch von ihm beschützt. Das wurde in den letzten Wochen nochmal besonders deutlich.

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Vinzent Kassel
Vinzent Kassel
Perspektive Autor seit 2024. Schwäbischer Student mit einem Faible für Geographie und Sport. In der Freizeit hauptsächlich in der Kurve anzutreffen, aber auch immer wieder mal auf der Straße bei Demos aktiv.

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