Sowohl im Leistungssport als auch im Breitensport sind Frauen mit übergriffigen Trainern konfrontiert. Eine Handballspielerin berichtet im Interview über ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit dem Patriarchat im Sport.
Hallo Hannah*, du hattest schon häufiger mit patriarchalem Verhalten und Gewalt im Sport zu tun, richtig?
Genau, darum ist mir das Thema auch so wichtig. Ich musste ständig Erfahrungen damit machen – mich selbst betreffend oder auch hinsichtlich der Dinge, die ich von anderen Frauen mitbekommen habe. Das fängt an bei herablassenden Sprüchen über Frauen und sexualisierten Kommentaren, geht über ungewollte Berührungen bis hin zu sexuellen Kontakten oder auch vertuschten Übergriffen.
Beispielsweise gab es in meiner alten Handballmannschaft mehrere Vorfälle: Neben allgemein abwertenden Sprüchen „bei den Männern würde es so etwas nicht geben”, hat sich ein Trainer systematisch an alle neuen Spielerinnen rangemacht und ist auch mit manchen ein sexuelles Verhältnis eingegangen, ohne dass sie voneinander wussten. Ein anderer Trainer ist durch ungewollte Berührungen sowie unangebrachte Textnachrichten aufgefallen. Beide haben ihre Position als Trainer ausgenutzt, um auf die ein oder andere Weise Macht über uns auszuüben. Grenzverletzungen und Manipulation haben dazu geführt, dass eine Atmosphäre entstanden ist, in der wir uns nicht mehr wohlgefühlt haben.
Wie seid ihr damit umgegangen? Hattet ihr Möglichkeiten, euch zu wehren?
Erstmal haben wir durch viele einzelne Gespräche überhaupt verstehen müssen, was da passiert. Dadurch ist klar geworden, dass es keine Einzelfälle waren, man also nicht die Einzige war, die es betroffen hat. Einige hatten vor, die Mannschaft zu verlassen, weil sie das nicht weiter mitmachen wollten. Das war für mich der Punkt, an dem wir handeln mussten, denn genau das passiert immer wieder. Männer werten uns ab, belästigen uns, usw., und das führt dann dazu, dass sich Frauen zurückziehen. Konsequenzen gibt es für die Männer selten, also ändern sie ihr Verhalten auch nicht.
Wir haben uns also zusammengetan und überlegt, was wir machen können, um uns zu wehren. Wir haben uns dann für ein Statement an den Verein entschieden, in dem wir unsere Erfahrungen vorgebracht und eine Absetzung der Trainer gefordert haben. Das hat zwar eine Welle in unserer Mannschaft geschlagen, jedoch hat der Verein nicht in unserem Sinne gehandelt.
Der Geschäftsführer vom Gesamtverein und die Handball-Abteilungsleitung haben zwar ein Gespräch mit den Trainern geführt, dabei kam aber nichts heraus, denn diese haben alles bestritten. Sie sind erstmal von ihrer Trainerposition zurückgetreten. Wie ich aber erfahren habe, sind sie mittlerweile trotzdem wieder bei Spielen mit auf der Bank. Der Verein leugnet das. Für uns gab es dann auch nur noch die Möglichkeit zu gehen, da sich auch einige Spielerinnen gegen uns gestellt haben.
Warum hast du dich entschieden, das hier im Interview publik zu machen?
Ich sehe, dass andere Frauen ähnliche Erfahrungen machen, wie auch ich sie gemacht habe. Dadurch habe ich erkannt, dass es nichts ist, das mich nur individuell betrifft, sondern dass es ein systemisches Problem ist. In der gesamten Gesellschaft sind Frauen häufig betroffen von Belästigungen, Erniedrigung und anderen Formen von Gewalt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sich diese Probleme auch im Sport finden. Jedoch bieten die Strukturen im Sport eine besonders gute Voraussetzung für Missbrauch und Gewalt.
Warum denkst du häufen sich patriarchale Taten gerade bei Frauen im Breiten- aber auch im Leistungssport?
Ich denke, dass ein Punkt die Strukturen sind. Es besteht sowieso ein Machtverhältnis zwischen Trainer und Sportlerin. Der Trainer kann in gewisser Weise über den Körper der Sportlerin verfügen. Das setzt ein besonderes Maß an Vertrauen und Respekt voraus – und bietet viel Raum für Missbrauch. Oft entsteht eine besondere Bindung zum Trainer, die aber auch immer mit Abhängigkeit zu tun hat. Denn am Ende entscheidet der Trainer über Trainingsinhalte oder auch bspw. Einsatzzeiten und Positionen.
Man muckt auch nicht so schnell auf, weil das bedeuten könnte, dass man schlechter behandelt wird. Ich denke, dass sich Täter solche Positionen aussuchen, wo sie ihre Macht oft lange Zeit ausüben können, ohne dass es Konsequenzen für sie hat.
Was möchtest du anderen Sportlerinnen mit auf den Weg geben?
Seid nicht still! Es ist zwar Fakt, dass viele Vereine nicht reagieren oder auch aktiv Vorfälle vertuscht werden. Wir mussten ja auch die Erfahrung machen, dass es keine Konsequenzen für die Trainer gab. Aber wenn wir nur zuschauen, es ertragen oder uns zurückziehen, wird es immer so weitergehen. Wir müssen bei Gewalt und Missbrauch hinschauen und dürfen unseren geliebten Sport nicht den Tätern überlassen. Individuell können wir gegen diese Strukturen vielleicht nicht ankommen, aber kollektiv können wir etwas verändern, im Sport und in der Gesellschaft.
*Der Name wurde redaktionell geändert.

