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Endloses Blutvergießen im Kampf um Macht und Profite im Sudan

Der Bürgerkrieg im Sudan ist ein im westlichen Diskurs selten beachteter Konflikt. Und das trotz seiner hohen Opferzahlen und grausamen Gewaltexzesse. Wer diesen Krieg begreifen will, muss sich mit der blutigen Geschichte des Landes beschäftigen – und damit, wie kapitalistische Mächte in diese verwickelt sind.

Seit April 2023 herrscht im Sudan ein Bürgerkrieg, der bislang mindestens 150.000 Menschen das Leben gekostet hat und Millionen durch seine Folgen in Gefahr bringt. So sind über 24 Millionen Sudanes:innen von Hunger bedroht. Es befinden sich 12 Millionen Einwohner:innen auf der Flucht, und im Westen des Landes findet mutmaßlich ein Völkermord an den nicht-arabischen Teilen der Bevölkerung statt. Es kämpft die reguläre sudanesische Armee (engl. Sudanese Armed Forces, SAF) im Osten des Landes gegen die Miliz Rapid Support Forces (dt.:schnelle Unterstützungstruppen, RSF), deren Kerngebiet die westliche Region Darfur darstellt.

Durch den Bürgerkrieg ist der Sudan de facto in zwei Hälften geteilt: im Osten sind die SAF an der Macht, im Westen herrschen die RSF. Die nationale Armee konnte im März 2025 einen großen Erfolg erzielen und die lange von den RSF kontrollierte Hauptstadt Khartum erobern. Im Gegenzug konnten die RSF im Oktober mit al-Fashir die Hauptstadt von Nord-Darfur einnehmen, womit der Einfluss der Zentralregierung in ganz Darfur schwinden könnte.

Die Stadt wurde zuvor einer 18 Monate lang andauernden Belagerung ausgesetzt, die der Zivilbevölkerung den Zugriff auf Nahrung und medizinische Versorgung abschnitt. Nach dem endgültigen Fall der Stadt sind insbesondere die Frauen in al-Fashir der Willkür der RSF ausgeliefert, die laut UN im großen Ausmaß sexuelle Gewalt ausüben und Menschenhandel betreiben.

Auf Sateliten-Aufnahmen sollen Leichenhaufen, Massengräber und Gruben zum massenhaften Verbrennen von toten Menschen zu sehen sein. Diese lassen auf systematische Massaker schließen, aber es ist nicht genau bekannt, wie hoch der Blutzoll tatsächlich ist. Jedoch sollen rund 150.000 Menschen, die zuvor in der Stadt lebten, nicht mehr auffindbar sein. Schätzungen zufolge wird mit mindestens 60.000 Ermordeten gerechnet.

Im November verkündete der RSF-Chef Mohammed Daglo einen dreimonatigen „humanitären Waffenstillstand“. Dies geht mutmaßlich auf Druck von der US-amerikanischen Regierung aus. Jedoch blieb dieses Versprechen ohne Folgen, da die RSF unmittelbar nach Verkündigung des Waffenstillstandes trotzdem Angriffe verübt haben sollen. Anfang Dezember schließlich nahmen die RSF die strategisch wichtige Kleinstadt Babanusa im Süden des Landes ein. Auch hier scheint der angebliche Waffenstillstand nie in Kraft getreten zu sein. Das Blutvergießen geht also weiter. Wie ist dieser Konflikt zu verstehen?

Da dem Krieg ethnische Auseinandersetzungen, sowie der Kampf um die reichen Ressourcen des Landes zu Grunde liegen, ist ein Verständnis der Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur des Sudans unerlässlich. Zudem gilt es, die jüngere Geschichte des nordostafrikanischen Staats zu betrachten, da es sich bei dem aktuellen Krieg um den schärfsten Ausbruch von lange bestehenden, immer wieder aufflammenden Konflikten handelt. Dabei zeigt sich, wie imperialistische Mächte immer wieder ihre ureigenen wirtschaftlichen Interessen unter dem Gewand der stattfindenden ethnischen oder nationalistischen Konflikte verhüllen.

Die Bevölkerung und Wirtschaft des Vielvölkerstaates Sudan

Bei dem Großteil der 49 Millionen Sudanes:innen handelt es sich um arabischstämmige Menschen. Ferner ist das Arabische die dominante Sprache und der sunnitische Islam die häufigste Religion. Die Araber:innen stellen jedoch keinesfalls eine homogene Gruppe dar, sie leben sowohl in den Großstädten des Landes, als auch in ländlichen Dörfern. Sie bilden in den weniger fruchtbaren Landesteilen zudem auch Nomadenstämme. Ihnen gegenüber stehen nun einerseits muslimische, aber nicht-arabische Bevölkerungsgruppen im Westen des Landes. Andererseits ist der Süden des Sudans vor allem von Nicht-Araber:innen bevölkert, die auch nicht dem islamischen Glauben angehören.

Ebenso divers ist die sudanesische Wirtschaft strukturiert: Die bevölkerungsreichen Regionen am Ufer des Nils und an der Küste des Roten Meers sind in logischer Konsequenz der bevorzugte Standort von Industrie und Handel. Nicht überraschend ist, dass die Hauptstadt Khartum den dominierenden Wirtschaftsstandort darstellt. Aufgrund des fruchtbaren Bodens wird zwischen dem blauen und weißem Nil industrielle Landwirtschaft betrieben. Im Westen des Landes wiederum konkurrieren die arabischen Nomadenstämme mit der sesshaften nicht-arabischen Bevölkerung um knappe Ressourcen wie Wasser. Der Süden schließlich wird mehrheitlich von sich selbstversorgenden Kleinbäuer:innen bewohnt.

Eine Hauptursache für die immer wiederkehrenden Kriege im Sudan sind die Bodenschätze: Die Goldvorkommen des Sudan werden zur Finanzierung der Kämpfe eingesetzt. Vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind am Goldhandel mit den Rapid Support Forces interessiert. Ferner stellt das sogenannte Gummi arabicum eine lukrative Einnahmequelle dar. Dieser vielseitige Rohstoff wird vornehmlich aus Akazien gewonnen und dient den RSF als weitere Geldquelle. Historisch betrachtet trug auch der Streit um Erdöl zu der Instabilität des Sudan bei, jedoch befinden sich die meisten Vorkommen auf jenem Gebiet, das seit 2011 den Staat Südsudan bildet.

Das Blutbad im Sudan: Stellvertretend für den Imperialismus

Diktaturen und Bürgerkriege – die Geschichte des Sudan

Die Republik Sudan entstand als nominell unabhängiger Staat im Jahr 1956. Nach Abzug der Kolonialmacht Großbritannien bestand kurze Zeit ein parlamentarisches System, das 1958 bereits durch einen Militärputsch beseitigt wurde. Die Region des heutigen Staats Südsudan wurde einer Kampagne der Arabisierung unterzogen: der Islam und die arabische Sprache sollten dort mit Gewalt verbreitet werden. Militante Kräfte kämpften hier wiederum für die Unabhängigkeit des Südens.

Erst 1972 wurde nach einem weiteren Putsch ein Friedensabkommen unterzeichnet. Nach einer kurzen Phase der relativen Stabilität brach 1983 der zweite sudanesische Bürgerkrieg aus. In Khartum folgte eine instabile Regierung auf die nächste, bis sich im Jahr 1989 der Offizier Omar al-Bashir an die Macht putschte. Unter seiner langen Regierungszeit dauerte der Bürgerkrieg im Süden noch bis 2005, bis ein Friedensabkommen mit den Anti-Bashir-Gruppen unterzeichnet wurde. Durch dieses wurde die Unabhängigkeit des Südsudans sechs Jahre später besiegelt.

Doch nun tat sich nun ein neuer Konfliktherd auf: die Darfur-Region im Westen. Die dortigen Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen haben eine lange Tradition. Durch die islamisch-fundamentalistisch geprägte Herrschaft al-Bashirs bildete sich nun auch hier ein militanter Seperatismus der nicht-arabischen Gruppierungen heraus. Im Jahr 2003 brach dort der nächste Bürgerkrieg aus.

Unter Al-Bashir wurden Milizen aus muslimischen Nomaden aufgestellt, die Dschandschawid. Aus diesen Gruppen sollten später die Rapid Support Forces hervorgehen. Die RSF wurden 2013 gegründet, damals noch als Verbündete des sudanesischen Militärs. Aufgrund der extremen Brutalität, mit der diese Gruppen gegen die nicht-arabische Bevölkerung Darfurs vorging, erließ der Internationale Gerichtshof eine Völkermordklage gegen al-Bashir.

Seine Diktatur hielt bis 2019, als er selber durch einen Putsch gestürzt wurde. In den nächsten Jahre wurde klar, dass die anfänglichen Hoffnungen auf eine Demokratisierung enttäuscht werden würden. Die verschiedenen Fraktionen des sudanesischen Staates konnten sich nicht einigen, wer nun die Macht im Sudan erhält. Am 15. April 2023 brachen die Feuergefechte zwischen der SAF und den RSF aus, womit der aktuelle Bürgerkrieg begann.

Die Profiteure des Blutbades

Die Vereinigt Arabischen Emirate sind als Akteur im Goldhandel mit den RSF offensichtliche Nutznießer des Konflikts. Jedoch ist auch die BRD stark in die scheinbar endlosen Kriege im Sudan involviert. So belieferte Bonn die SAF bereits während das Kalten Krieges mit reichlich Waffen, um ein Vordringen des Kommunismus in Afrika einzudämmen. Seit dreißig Jahren finden deutsche Waffen nun über den Umweg durch die VAE in den Sudan. Das G3-Sturmgewehr des deutschen Rüstungsunternehmens Heckler & Koch gehört somit zu den Hauptinstrumenten der Massaker im Sudan.

Neben der BRD gibt es noch weitere Regionalmächte, die im Sudan aktiv sind: Saudi-Arabien, Ägypten und Katar finanzieren die SAF im großen Stile. Die Anführer der Kriegsparteien sind ohne jeden Zweifel ebenfalls zu den Profiteuren des Krieges zu zählen. Der RSF-Chef Mohammed Hamdan Daglo (Spitzname „Hemeti“, arab. „Kleiner Mohammed“) ist mit den Besitzern einer Holding-Gesellschaft verwandt, die wiederum im Goldgeschäft tätig ist. Der sudanesische Rumpfstaat selber ist wiederum eine Oligarchie. Im Sudan-Krieg konkurrieren also internationale Kapitalist:innen und lokale Herrscher-Cliquen gleichermaßen um die Kontrolle des Landes.

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