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Majas Geschichte als Comic: Im Nest der Schlangen

Ein italienischer Künstler hat sich auf den Weg gemacht, um die Geschichte von Maja T. zu erzählen. In Comic-Form werden die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in Deutschland dargestellt, die heute zur Verfolgung und Verurteilung von Antifaschist:innen führen. Wie das gelungen ist, kommentiert Ivan Barker.

„Niemand geht nach Hause, bevor wir nicht alle nach Hause gehen“, steht auf der Rückseite des Comics „Im Nest der Schlangen“, der im Dezember von dem Letatlin Verlag herausgegeben wurde. Es ist ein Teil der Antwort, die der italienische Comic-Zeichner Zerocalcare auf die Frage gibt, warum die Eltern der Angeklagten im Budapest-Komplex hinter ihren Kindern stehen – obwohl ihnen unter anderem gefährliche Körperverletzung und versuchter Mord vorgeworfen wird, und obwohl die staatlichen Behörden von ihnen das Bild gefährlicher Terrorist:innen schaffen wollen.

Von Rom nach Jena

Ganz andere Bilder zeichnet Zerocalcare, der im Comic von seiner Reise nach Thüringen erzählt, um sich in Jena mit der Familie und den Bekannten von Maja T. zu treffen. Maja gehört zu den Angeklagten im Budapest-Komplex, wurde aber als bisher einzige Person von Deutschland nach Ungarn ausgeliefert. Die Antifaschist:in sitzt deswegen im titelgebenden Nest der Schlangen. Die Schlange, die schon lange Symbolbild für die faschistische Bewegung ist, und ihr dunkles Nest, das für die Haft in Isolation in Ungarn steht.

Bevor dem Künstler aber etwas von Majas Leben vor der Auslieferung berichtet wird, wird ihm die Geschichte des faschistischen Terrors des NSU erzählt. Denn so wie Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt aus Jena stammen, wuchs hier auch ein Teil der Beschuldigten Antifaschist:innen auf. 2011, als sich der NSU selbstenttarnte, waren sie noch Kinder, die mit ihren Eltern auf Konzerte gegen Rechts gingen.

Für den italienischen Zerocalcare wird der geschichtliche und politische Kontext erläutert, welcher dadurch aber auch deutschen Leser:innen unabhängig des eigenen Hintergrundwissens gelungen vor Augen geführt wird. Denn in einer Region mit faschistischen Strukturen entsteht auch antifaschistischer Widerstand.

Mit der Frage, wie dieser Widerstand aussehen kann, darf und muss, beschäftigt sich der Comic im weiteren Verlauf auf verschiedenen Ebenen. In Gesprächen mit dem Umfeld der Beschuldigten, in Selbstgesprächen des Zeichners und der Auseinandersetzung mit seinen eigenen Erfahrungen als Hausbesetzer in Rom, geht es um die Notwendigkeit von Gewalt und wie das oft von allen möglichen Kräften gepredigte „Nie wieder Faschismus“ in der Realität überhaupt durchgesetzt werden kann. Dabei werden die Angeklagten nicht als gefährliche Monster, sondern Menschen dargestellt, die genauso auf der Suche nach Antworten auf eine erstarkende faschistische Bewegung sind.

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Prominente Unterstützung

Es ist nicht das erste Mal, dass Michele Rech, wie Zerocalcare mit bürgerlichem Namen heißt, sich mit dem Budapest-Komplex beschäftigt. In „Diese Nacht wird keine kurze sein“ waren bereits Comics gesammelt, die er unter anderem der italienischen Antifaschistin Ilaria Salis gewidmet hatte. Sie war ebenfalls über ein Jahr in Ungarn inhaftiert als Teil der selben, angeblichen kriminellen Vereinigung wie Maja, kam aber 2024 durch ihre Wahl ins Europaparlament frei.

Mit ihm haben die angeklagten Antifaschist:innen durchaus prominente Unterstützung, denn Rech gehört zu den bekanntesten und bestverkauften Comiczeichner:innen Italiens. Seit 2015 ist er hauptberuflich Zeichner, außerdem hat er zwei Netflix-Serien produziert, die jedoch nicht in direkter Verbindung zu politischem Aktivismus stehen.

Bekannt machte ihn dennoch zunächst sein 2016 veröffentlichter Comic „Kobane Calling“, in dem er seine Reise nach Rojava zur Unterstützung des kurdischen Widerstands verarbeitete. Dieses Jahr trat er zudem offen in Solidarität mit der Global Sumud Flotilla auf, welche die humanitäre Blockade Gazas durch Israel durchbrechen wollte.

Langen Atem behalten

Die fortschrittliche, antifaschistische Haltung von Zerocalcare wird im Comic deutlich. Offen bleibt, welche Perspektive der Antifaschismus angesichts der fortschreitenden Rechtsentwicklung und anhaltenden Repression braucht. Zwar endet der Comic mit einem Text „Internationaler Antifas“, der benennt, dass die Wurzeln des Faschismus im Kapitalismus liegen und dass Antifaschismus ohne positive alternative Vision nicht ausreichen kann. Wie diese Alternative aussehen soll oder welche Rolle Klassenkampf von unten dabei spielen muss, wird aber nicht aufgegriffen.

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Das müssen wir als Leser:innen dafür umso mehr thematisieren. Dabei können wir uns vom Comic motivieren lassen, denn er zeigt, wie der Kampf weitergehen kann – auch durch Diskussionen über die Legitimität militanter Aktionsformen und im Angesicht brutaler staatlicher Repression. Gerade für die kommenden Prozesse gegen die sieben Antifaschist:innen in Düsseldorf und das am 22. Januar erwartete Urteil gegen Maja, das 24 Jahre Haft bedeuten könnte, brauchen wir die Kraft und die Ausdauer, die wir aus den mitreißend gezeichneten Comicpanels ziehen können.

Bis alle nach Hause gehen, wird es noch eine Weile dauern, aber es ist klar, dass dieser Tag kommen wird, wenn wir gemeinsam darauf hinarbeiten.

Im Nest der Schlangen kann online beim Letatlin Verlag gekauft werden. Ein Teil der Erlöse des Bandes kommt den angeklagten Antifaschist:innen zugute.

Ivan Barker
Ivan Barker
Perspektive-Autor seit 2019 sowie Redakteur der Printausgabe. Auszubildender in der Metallindustrie in Berlin und Hobbykünstler.

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