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Polizeischüsse in Gießen: Ein weiterer Toter und dieselben Fragen

Nach tödlichen Schüssen auf einen 33-jährigen Patienten der Gießener Uniklinik bleiben viele Fragen offen. Der Fall ist der 17. dokumentierte Tod durch Polizeischüsse in Deutschland in diesem Jahr. Ob Najib Boubaker, Lorenz A. oder Qabel – tödliche Polizeigewalt ist Teil des Alltags. – Ein Kommentar von Felix Zinke.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag hat die Polizei im Universitätsklinikum Gießen einen Patienten, der sich in einem psychischen Ausnahmezustand befand, erschossen. Laut Angaben der Polizei soll der 33-Jährige sowohl Klinikpersonal als auch die Polizist:innen vor Ort mit einer Schere bedroht haben, woraufhin diese auf den Patienten schossen. Das Hessische Landeskriminalamt soll jetzt den Fall aus „Neutralitätsgründen“ untersuchen.

Wie der Einsatz abgelaufen ist und was die genauen Hintergründe waren, bleibt bisher offen. Die Staatsanwaltschaft wird sich vermutlich frühestens am Montag zu dem aktuellen Ermittlungsstand äußern. Sie soll jedoch bereits die Obduktion des Opfers angeordnet haben.

Nicht das erste Opfer von Polizeischüssen

Der getötete Patient des Universitätsklinikums Gießen ist dabei nicht das erste Opfer eines Polizeimords in diesem Jahr. Insgesamt sind bisher 17 Menschen dokumentiert, die durch den Einsatz einer Dienstwaffe starben.

Hinzu kommen weitere Fälle von Personen, die – oft aus nicht geklärten Gründen – in Polizeigewahrsam oder während eines Einsatzes zu Tode kamen. Neben anderen Todesursachen kam es auch außerhalb von Einsätzen zu tödlicher Gewalt durch Polizist:innen und ihre Dienstwaffen. So erschoss im Mai 2025 ein Freiburger Polizeibeamter seine Ehefrau.

In 3 der 17 Fälle, in denen Menschen während eines Polizeieinsatzes durch Schusswaffen zu Tode kamen, waren die Opfer in einem psychischen Ausnahmezustand. In 7 Fällen hatten sie einen Migrationshintergrund und in weiteren 2 Fällen traf beides zu. Dementsprechend waren von den 17 Todesfällen durch Polizeischüsse 12 der Opfer entweder Migrant:innen und/oder befanden sich in einem psychischen Ausnahmezustand.

Unter den Getöteten war auch der 70-jährige Najib Boubaker: Am 14. März wurde die Dortmunder Polizei zum Einsatz gerufen, nachdem das spätere Opfer unter einem epileptischen Anfall litt und Sanitäter:innen ihn trotz Widerstands ins Krankenhaus bringen wollten. Weil er zu einem Küchenmesser gegriffen haben soll, gab ein Polizist einen tödlichen Schuss ab.

Polizeigewalt: Unverzichtbarer Teil dieses Systems

Dieser Fall hatte im März große Aufmerksamkeit erregt. Ein Grund dafür war, dass sich die Aussagen der Polizei und der Augenzeugen, also der Nachbar:innen, stark widersprachen. Während die Polizei Najib Boubaker als gefährlichen Randalierer beschrieb, zeichneten die Nachbar:innen das Bild eines alten, hinkenden Mannes in einer psychischen Ausnahmesituation nach einem epileptischen Anfall.

Der Fall Lorenz

Doch man kann nicht über die Polizeimorde im Jahr 2025 reden, ohne über den Fall von Lorenz A. zu sprechen. Der 21-jährige schwarze Oldenburger wurde am Osterwochenende diesen Jahres durch vier Schüsse von hinten getötet. Dabei streifte einer seinen Oberschenkel, einer traf die Hüfte, einer den Rücken und der letzte endete im Hinterkopf.

Laut Aussagen der Polizei soll Lorenz A. die Beamt:innen mit einem Messer angegriffen haben. Ein Messer wurde zwar bei Lorenz gefunden. Doch selbst die Staatsanwaltschaft fand „keinen Anhaltspunkt“, dass er damit den Polizist:innen gedroht hätte.

Auf den Polizeimord, der medial weite Kreise zog, folgten deutschlandweit, aber vor allem in seiner Heimatstadt Oldenburg, Proteste gegen rassistische Polizeigewalt. 10.000 Menschen kamen in der Woche nach seiner Ermordung in Oldenburg zusammen. Auch der Bruder des im Jahr 2005 von der Polizei ermordeten Oury Jalloh sprach auf der Kundgebung.

Polizeimord an Lorenz A.: 10.000 bei Protest in Oldenburg

Der Fall des Polizeimords an Qabel

Ein weiterer Fall war der Polizeimord an dem 38-jährigen, zweifachen Familienvater Qabel. Dieser wurde am 4. März von der Polizei in Nürnberg in seiner eigenen Wohnung erschossen. Dies geschah im Zuge der Vollstreckung eines fragwürdigen Haftbefehls, der in einer für die Polizei „uninteressanten“ Auseinandersetzung ergangen war.

Auch in diesem Fall scheint der Migrationshintergrund Qabels ein Faktor gewesen zu sein: Qabel hatte laut Aussagen seiner Schwester Furat keine deutsche Staatsbürgerschaft und einen ausländischen Namen. Sie und ihre Familie vermuten, dass diese Merkmale eine relevante Rolle gespielt haben.

Polizeimord in Nürnberg – „Mein Bruder ist innerhalb von drei Minuten verblutet“

Auch wenn Najib Boubaker, Lorenz A. und Qabel dieses Jahr bei weitem nicht die einzigen Polizeimorde sind, geben sie jeweils ein Bild davon, wie solche Situationen entstehen und tödlich enden.

Das Jahr 2025 stellt aus statistischer Sicht zwar keinen Ausreißer in der Anzahl der Todesfälle durch Polizeischüsse dar. Doch diese Fälle scheinen Teil der normalen Polizeiaktivitäten zu sein: Zwischen 1994 und 2024 wurden durchschnittlich rund 11 Menschen jährlich von der Polizei durch Schüsse getötet. Das Jahr 2024 stellte mit 22 getöteten Menschen einen neuen Höhepunkt dar.

Felix Zinke
Felix Zinke
Perspektive Autor seit 2024. Berlin Informatikstudent und Werki in der IT. Schwerpunkte: internationale Kämpfe und Imperialismus.Begeisterter Radfahrer.

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