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Rentenreform 2026: Die Rente nach Beitrittsjahren ist eine Farce für Frauen und Alte

Kurz nach Abschluss des aktuellen Rentenpakets wird bereits über die nächste Reform diskutiert, die 2026 folgen soll. In der SPD macht ein neuer Vorschlag die Runde: Die Rente nicht ans Alter, sondern an die Beitrittsjahre koppeln. Während die Reichen sorgenfrei altern können, wird für alle anderen der menschenwürdige Lebensabend zum Traum. – Ein Kommentar von Tabea Karlo.

Vor wenigen Tagen wurde das neue Rentenpaket am Freitag nach monatelangen Diskussionen im Bundestag verabschiedet. Nun steht bereits die nächste Diskussion um die Rentenreform 2026 an.

Diskussionen gab es zuvor vor allem über die Frage, auf welchem Weg man das Rentenniveau stabilisieren kann und wie es mit der Mütterrente weitergehen soll. Geeinigt wurde sich soeben auf einen schrittweisen Anstieg des Rentenalters auf 67 Jahre bis 2031. Personen, die 45 Beitragsjahre vorweisen können, dürfen später in den Ruhestand gehen. Laut Arbeitsministerium steigt die Altersgrenze für Versicherte, die nach dem 1. Januar 1953 geboren sind, mit jedem Jahrgang stufenweise um zwei Monate. All diejenigen, die nach dem 1.Januar 1964 geboren wurden, können abschlagsfrei in Rente gehen, wenn sie das 65. Lebensjahr vollendet haben.

Einigung im „Rentenstreit“ – Renten-Großreform soll 2026 geplant werden

In einem ersten Schritt wurde also dafür gesorgt, dass es keinen ruckartigen Anstieg des Rentenalters gibt – sondern eine „Staffelrente“. Was zunächst nach Abmilderung klingt, ist vor allem die beliebteste Protestprävention des deutschen Imperialismus. Die Verschlechterung des Lebensstandards wird gestaffelt. Damit alle sich ein bisschen ärgern, aber möglichst wenig Menschen genau dasselbe Anliegen oder genau dieselbe Beschwerde haben.

Nun soll es im nächsten Jahr schon weitergehen mit der Verstümmelung der Rente. Man ist sich nur noch nicht einig, wie. Von der Idee der Rente mit 70 zeigen sich größere Teile der Bevölkerung bisher wenig begeistert. Also sucht die Regierung Wege, wie man der Bevölkerung die Absenkung ihres Lebensstandards besser verkaufen kann. Und wer wäre dafür besser geeignet als die SPD?

Renteneintritt nach Beitragsjahren, Taschenspielertricks und Spaltungsversuche

Wie gerufen haben sich der Ökonom- und Wirtschaftsprofessor Jens Südekum, – aber auch die Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas – zu Wort gemeldet. Sie machen den revolutionären Vorschlag, den Renteneintritt an die Beitragsjahre, statt an das Alter anzupassen. Begründet wird das unter anderem damit, dass es fairer wäre, wenn alle gleich lang einzahlen würden. Schließlich würden Akademiker:innen ja bisher viel weniger lange arbeiten, als jemand, der schon mit 16 in der Ausbildung begonnen hat zu arbeiten.

Die Idee, das Rentenalter an die Beitrittsjahre zu koppeln, spielt vor allem Akademiker:innen und Nicht-Akademiker:innen gegeneinander aus. Und die Taktik ist so simpel – man könnte sie mit einem Witz verdeutlichen: Eine Arbeiterin, ein Student und Jens Südekum – ein Topverdiener – sitzen an einem Tisch, auf dem 12 Kekse liegen. Jens nimmt sich 11 Kekse und sagt dann zur Arbeiterin: „Pass auf, der Student will dir deinen Keks wegnehmen!“

Südekum wehrt sich natürlich bereits gegen die boshafte Unterstellung, sein Vorschlag würde Akademiker:innen automatisch benachteiligen. Schließlich würden Studienzeiten aktuell als sogenannte Anrechnungszeiten berücksichtigt. Stimmt, Rentenpunkte gibt’s aber zum Beispiel keine – hat Südekum in seiner Twitter-Verteidigungsrede leider vergessen zu erwähnen. Hinzu kommt die Tatsache, dass man, um zu studieren, einen höheren Schulabschluss braucht, also länger zur Schule geht als Teile der Personen, die eine Ausbildung beginnen. Diese Jahre werden natürlich nirgendwo angerechnet und es muss dann länger gearbeitet werden.

Schon vor Aktivrente: Immer mehr Rentner:innen müssen arbeiten

Altersarmut: Ein weibliches Problem

Allerdings versteifen wir uns hier auch viel zu sehr auf einen Teil der Klasse, der hier benachteiligt werden soll, es gibt aber noch mehr. Die arbeitende Frau im Witz ist kein Zufall, denn tatsächlich ist Südekums und Bas’ Vorschlag ein Witz auf ihre Kosten.

Fast jede zweite Frau in Deutschland arbeitet Teilzeit, viele weitere im Niedriglohnsektor. Dadurch verdienen sie teilweise so wenig, dass sie schon jetzt in die Rente hineinarbeiten müssen oder in Altersarmut leben – ganz unabhängig von Rentenpunkten und Alter. Zusätzlich sind sie, dadurch, dass ein Großteil der Erziehung auf ihnen lastet, häufiger zu Arbeitsunterbrechungen gezwungen, von denen viele nicht voll angerechnet werden. Die Ausgangslage für Frauen ist also sowieso schlecht und würde unter dem Bärbel-Südekum-Vorschlag vermutlich noch schlechter werden.

Altersarmut auf neuem Hoch – Rentnerinnen besonders betroffen

Was kann denn dann die Lösung sein?

Südekum und Bas argumentieren mit Fairness – alle sollen gleich viele Jahre arbeiten müssen. Fairness mögen wir natürlich alle, es ist ein schönes Wort, und noch schöner ist es, wenn es umgesetzt wird. Im Kapitalismus ist das aber leider selten der Fall. Es lohnt sich also, einen genaueren Blick auf den Vorschlag zu werfen. Geht es in dem Vorschlag denn wirklich um Fairness und zahlen dann wirklich alle ein?

Natürlich nicht. Der Vorschlag tastet das Zwei-Klassen-Rentensystem nicht an. Reiche Personen können sich weiterhin schön privat versichern und sind an die gesetzlichen Pflichten nicht gebunden. Ihr Geld fließt somit auch nicht in die gesetzlichen Rentenkassen. Es zahlen also nicht alle ein, sondern alle Arbeiter:innen.

So absurd es im Kapitalismus ist, das Dilemma ist real. Solange das System, in dem wir leben, nach den Bedürfnissen der Reichen und nicht nach denen der größten Teile der Bevölkerung, der Arbeiter:innenklasse, ausgerichtet ist, wird man immer auf Probleme mit der Rente stoßen. Schließlich ist das Rentensystem auf eine andere Familienform – die Großfamilie – ausgelegt, in der es viel mehr Einzahler:innen gibt. Vor allem zahlen aber dort nur Arbeiter:innen ein, deren Löhne aktuell stagnieren und teilweise sogar sinken – wie sollen die langfristig die ältere Generation finanzieren?

Ein profitorientiertes System und seine Politiker:innen machen genau das, was sie sollen: Die Reichen reicher, die Armen ärmer – und das nicht nur auf der Arbeit, sondern auch in der Rente. Wer wirkliche Lösungen will, der darf sich nicht von Südekum oder Bas belabern lassen, dass es keine andere Option gäbe. Denn natürlich gibt es die, nur nicht, wenn man nach den Regeln eines Systems spielt, das gegen uns gerichtet ist.

Tabea Karlo
Tabea Karlo
Perspektive-Autorin seit 2017, lebt in Hamburg. Berichtet schwerpunktmäßig über den Frauenkampf und soziale Fragen. Politisiert über antifaschistische Proteste, heute vor allem in der klassenkämpferischen Stadtteilarbeit aktiv.

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