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Staat & Nazis Hand in Hand: 40 Jahre Mord an Ramazan Avcı

Vor 40 Jahren wurde der 26-jährige Ramazan Avcı in Hamburg-Hohenfelde  von faschistischen Skinheads getötet. Der Staat leugnete das rassistische Motiv und nur ein Teil der Täter wurde überhaupt verurteilt.

Am 21. Dezember 1985 war Ramazan Avcis 26. Geburtstag. Als er sich am Abend mit den Worten „In spätestens einer Stunde bin ich zurück“ von seiner hochschwangeren Verlobten Gülistan verabschiedet, wissen beide noch nicht, dass es die letzte Verabschiedung sein wird. Avci zieht los, um ein Auto zu verkaufen. Er will mit dem Geld ein Bettchen für seinen Sohn kaufen, der 10 Tage später geboren wird. Auf dem Heimweg werden er, sein Bruder und ein Freund von Neonazis überfallen. Avci erliegt drei Tage später, am 24. Dezember, seinen Verletzungen.

Als Ramazan Avci und seine Begleiter auf dem Heimweg am S-Bahnhof Landwehr auf einen Bus warten, werden sie von fünf rechten Skinheads entdeckt, die aus einer Kneipe in der Nähe kommen. Die Skinheads beschimpfen die drei türkischen Männer und gehen mit Bierflaschen los. Die drei versuchen zu fliehen, doch die Neonazis kommen hinterher und bedrohen sie mit Flaschen mit abgeschlagenen Hälsen. Avci nutzt ein Pfefferspray, das er bei sich trägt, um sich zu schützen. Denn zu dieser Zeit gab es in Deutschland bereits häufiger Angriffe von Faschist:innen auf migrantische Personen.

Darauf versuchen Avci und seine Begleiter erneut zu fliehen. Ein Bus kommt und sein Bruder und Freund können sich hineinretten. Avci selbst wird, als er über die Straße rennt, von einem Auto erfasst. Das hält die Angreifer nicht ab, sonst feuert sie an. Sie schlagen mit Axtstielen und Gummiknüppeln auf ihn ein, treten ihn mit ihren Springerstiefeln. Bei einem Schlag gegen Avcis Kopf wird sein Schädel zertrümmert, er verliert das Bewusstsein. Die Angreifer machen weiter.

Die Todesursache, so stellt es später ein Gerichtsmediziner fest, ist ein Splitter des zerschlagenen Schädelknochens, der sich in Avcis Gehirn bohrt. Doch nicht nur ihn greifen sie an. Auch den Bus, in den sich Avcis Bruder und Freund retten, schlagen sie mehrere Scheiben ein. Es sollen auch Schüsse gefallen sein.

Seiner Verlobten wird zunächst nur erzählt, dass Avci angefahren wurde. Erst einen Tag später im Krankenhaus, auf ihr Drängen, darf sie ihn sehen und versteht, wie ernst die Lage ist. Am 24. Dezember stirbt Avci.

Viele Täter bleiben auf freiem Fuß

Am 24. Dezember wird ein mutmaßlicher Haupttäter in Untersuchungshaft genommen. Der Rest der Bande bleibt auf freiem Fuß. „Wir werden alles tun, um mit schnellen Ermittlungen die Sorgen unserer ausländischen Mitbürger zu zerstreuen.“ äußert sich am 27. Dezember der Innensenator Rolf Lange (SPD). Entgegen dieser Versprechung bleiben die Täter größtenteils ungestraft, ein rassistisches Motiv wird vom Gericht nicht festgestellt,

Im Mai 1986, als die Täter vor Gericht müssen, leugnen sie ihr rassistisches Motiv. Sie geben lediglich ein paar Schläge und Tritte gegen Avci zu. Allerdings keine lebensbedrohlichen Attacken.

Das Gericht geht davon aus, dass zwei der Täter mit dem Tod des Opfers rechneten. Diese beiden werden wegen des gemeinschaftlich begangenen Totschlags jeweils zu zehn und sechs Jahren Jugendstrafe verurteilt. Die anderen Angeklagten werden zu Jugend- und Haftstrafen wegen Körperverletzung mit Todesfolge beziehungsweise Mittäterschaft verurteilt. Ein Mordurteil gibt es nicht, das Gericht sieht kein rassistisches vorsätzliches Motiv.

Im Gerichtssaal wird dagegen protestiert. „Justiz und Polizisten schützen die Faschisten“ klingt aus dem Publikum. In der Hamburger Rundschau heißt es zu dem Urteil später: „Unsere Justiz drückt, in bewährter Tradition, das rechte Auge ganz bewusst zu.“

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Rechte Gewalt: Die Polizei handelt nicht

Schon im Verlaufe des Prozesses wird bekannt, dass ein hoher Polizeibeamter einen Sohn hat, der selbst in der rechten Skinheadszene unterwegs ist. Er ist mit einem der Angeklagten befreundet. Ausgerechnet diesen Angeklagten lässt der Polizist zunächst kurz nach der Tat wieder gehen. Ein Verfahren gegen den Polizisten wird später eingestellt.

Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass die Polizei bereits am Abend des Angriffs auf die von der bewaffneten Skinheadversammlung wusste, aber nicht eingriff. Polizeiakten dazu verschwanden auf mysteriöse Weise.

Widerstand regt sich

Auf Avcis Tod folgt eine Reaktion: Im Januar 1986 demonstrieren Tausende in Hamburg gegen Rassismus. Die Demonstration wurde vom überparteilichen „Bündnis türkischer Einwanderer“ organisiert, in dem sich nach Avcis Tod Kulturvereine, Sportvereine, Moscheen und linke Gruppierungen aus der Türkei zusammenschlossen. Auf der Demonstration forderten ein Ende der rassistischen Gewalt, sowie soziale Rechte wie ein Niederlassungsrecht für die seit Jahrzehnten in Deutschland lebenden Arbeitsmigrant:innen.

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Auch unabhängig von Avcis Tod regt sich in dieser Zeit in den 80ern Widerstand gegen die Angriffe. Neben des rechten Jugendgangs bildeten sich auch migrantische, die sich gegen rassistische Angriffe zur Wehr setzten.

Unter anderem gründet sich die „Bomber“-Gang, eine Art Selbsthilfe-Miliz von Türken und anderen jungen Migrant:innen. In Hamburg erlangten die Champs in St. Pauli oder die Red Bombers in Bergedorf Bekanntheit. Im Gegensatz zu den rechten Skinhead-Gangs wurden sie von der Polizei jedoch viel stärker sanktioniert. Wirkung zeigten sie trotzdem.

„Die bekannteste Jugendgruppe waren die ‚Wilhelmsburger Türken Boys‘, die WTB! Nach Wilhelmsburg traute sich kein Nazi.“ erzählte Perihan Zeran von der Initiative zum Gedenken an Ramazan Avcı 2010 in der ZAG, einer antirassistischen Zeitung.

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