Olivenbäume sind in Westasien Sinnbild für Beständigkeit und Würde. Doch in Palästina und Kurdistan sind sie längst zum Ziel neokolonialer Enteignung geworden. Während Menschen um ihr Land kämpfen, wird ihre Ernte zerstört oder fließt als Exportware in die Kassen der Besatzer. – Ein Kommentar von Esther Zaim.
Olivenhaine prägen das kulturelle und wirtschaftliche Erbe Palästinas und Kurdistans seit Jahrhunderten. Millionen Menschen leben von diesen Bäumen, deren Früchte ihnen Nahrung, Einkommen und eine Verbundenheit zur Heimat geben. Doch in beiden Regionen haben sich die Olivenhaine zu Schauplätzen systematischer Enteignung entwickelt.
Unter Besatzung, Krieg und Vertreibung werden Oliven geraubt und später – unsichtbar für Konsument:innen – als „israelisches“ oder „türkisches“ Produkt weltweit verkauft. Die Profite fließen dann meist an militärische und staatlich gestützte Akteure. Die rechtmäßigen Besitzer:innen müssen oft nur wenige Kilometer entfernt in Geflüchtetenlagern überleben.
Zerstörte Ernte im Westjordanland
Die diesjährige Olivensaison im besetzten Westjordanland hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Laut den Vereinten Nationen ist die Zahl der Angriffe durch israelische Siedler:innen so hoch wie seit 2020 nicht mehr. Über hundert Übergriffe, niedergebrannte Fahrzeuge und mehr als 4.000 zerstörte oder gefällte Bäume prägen das Bild.
So auch in Al Mazra’a ash Sharqiya und den nahegelegenen Dörfern Sinjil, Silwad und Kafr Malik in der Nähe von Ramallah. Dort haben Mitte Oktober bewaffnete israelische Siedler:innen palästinensische Bäuer:innen attackiert und teilweise vertrieben. Immer häufiger erklärt die israelische Armee palästinensische Felder zu geschlossenen Militärzonen – auch dort, wo dies nach den Osloer Abkommen weder vorgesehen noch rechtlich begründbar ist.
Die Menschenrechtorganisation B’Tselem spricht von verschiedenen bürokratischen Maßnahmen, die Israel einsetzt, um Palästinenser:innen am Zugang zu ihrem Land zu hindern. Dazu wurde auch ein sogenannter „Koordinierungsmechanismus“ eingeführt, um den Zutritt zu den Landflächen im Westjordanland zu regeln – unter dem Vorwand, Palästinenser:innen so vor Siedlergewalt zu schützen.
Diese administrativen Kontrollsysteme im Westjordanland haben sich seit Oktober 2023 in ihrer Funktionsweise als Repressionsinstrument deutlich verschärft. Sie „dienen der Enteignung und Verdrängung der palästinensischen Bevölkerung“, so B’Tselem. Seit dem 7. Oktober 2023 wurden diese zentralen Koordinationsmaßnahmen abgeschafft, mit denen Landwirt:innen bis dahin noch Zugang zu ihren Feldern erhalten konnten. Zahlreiche Dörfer bleiben somit vollständig von der Ernte ausgeschlossen, während andere nur kurzfristige Genehmigungen oder gar keine Informationen mehr erhalten.
Auch Flächen, die nach dem Osloer Friedensprozess unter palästinensischer Zivilverwaltung stehen, wurden plötzlich gesperrt. Allein im Bezirk Ramallah wird seit dem 7. Oktober 2023 der Zutritt zu etwa 77.800 Quadratkilometern verweigert. Dadurch konnten 796 Tonnen Olivenöl nicht produziert werden.
Das gezielte Zerstören von Ernte, die Beschlagnahmung von Land und die administrative Blockade der Lebensgrundlagen können nicht als isolierte Gewalttaten verstanden werden. Stattdessen muss man sie als Teil eines Plans systematischer Entwurzelung und Vernichtung begreifen.
Während in der Westbank die Gewalt zunimmt, ist die Olivenindustrie im Gazastreifen nahezu ausgelöscht. Pressereien, die früher international exportierten, wurden durch Luftangriffe zerstört, viele Bäume sind durch Kriegsschäden und Blockade vertrocknet oder gerodet.
Gaza und Westjordanland: Genozid und Siedlergewalt weiter auf dem Vormarsch
Für zahlreiche palästinensische Familien ist dies bereits die dritte verlorene Ernte in Folge. Dennoch taucht palästinensisches Olivenöl, wie schon aus der Vergangenheit bekannt, weiterhin auf internationalen Märkten auf, sobald es in israelische Exportketten gelangt – meistens ohne Hinweis auf seine Herkunft oder die Bedingungen, unter denen es produziert wurde.
Geraubtes Öl aus Efrîn
Im überwiegend kurdisch besiedelten Efrîn, einer der wichtigsten Olivenregionen Syriens, zeigt sich der Zusammenhang von Besatzung und ökonomischer Ausbeutung besonders deutlich. Vor der türkischen Militäroperation 2018 war Efrîn ein Zentrum des Olivenanbaus im Nahen Osten. Millionen Bäume, hunderte Pressereien und eine selbstverwaltete agrarwirtschaftliche Struktur bildeten das Rückgrat eines stabilen regionalen Wirtschaftssektors. Olivenprodukte stellten für viele Familien und Dörfer das Haupteinkommen dar; die Ernte war gemeinschaftlich organisiert und weitgehend frei von Diebstahl.
Mit der türkischen Besatzung änderte sich alles. Hundertausende Menschen wurden vertrieben, ihre Häuser und Felder an die türkische AKP-Regierung und ihre treuen Milizen vergeben. Viele Pressereien wurden geplündert, andere unter Kontrolle bewaffneter Gruppen gestellt. Landwirt:innen können ihr Land oft nur noch beschränkt nutzen, wenn sie hohe „Gebühren“ pro Baum an die Milizen zahlen – faktisch Schutzgeld. Wer sich weigert, riskiert Gewalt oder die Zerstörung seiner Ernte.
Ein erheblicher Teil der Olivenbäume wurde gefällt oder verbrannt. Aus Angst vor Übergriffen ernten viele zu früh, wodurch sich Qualität und Ölmenge verringern. Das verbleibende Öl verkaufen sie zu von Milizen festgesetzten Dumpingpreisen.
Das geraubte Olivenöl gelangt anschließend in die Türkei, wird neu verpackt und als türkisches Produkt exportiert – auch natürlich nach Europa. Viele ehemalige Besitzer:innen und und Bewohner:innen der Olivenanbaugebiete leben heute in Geflüchtetenlagern oder im Exil, während ihr Öl Teil der türkischen Exportstatistik ist.
Das gestohlene Öl aus Efrîn wird in regionalen Pressereien mit legal produziertem Öl vermischt, neu etikettiert und in die Lieferketten internationaler Händler eingespeist. So verschwindet seine Herkunft hinter neutralen Markennamen, und Verbraucher:innen ahnen nicht, dass sie Produkte aus Gebieten kaufen, in denen Menschen systematisch enteignet und vertrieben wurden.
Zwei Regionen, ein ähnliches Muster
Der weltweite Olivenölmarkt ist heute ein Milliardengeschäft, geprägt von Klimakrisen und der Marktmacht weniger Produzenten. Spanien dominiert zwar Produktion und Export, doch Dürren und Krankheiten der Bäume lassen die Ernten teilweise einbrechen. Während europäische Bäuer:innen unter Druck stehen, fließt geraubtes Olivenöl aus Kriegsregionen in den globalen Handel – ohne Kontrolle oder Kennzeichnung.
Was auf den Etiketten nach mediterraner Idylle klingt, ist oft das Produkt neokolonialer Gewalt. Das Öl der Entrechteten – hergestellt unter Besatzung, Zwang und Krieg – steht sinnbildlich für eine Weltwirtschaft, die nur aus Zerstörung Kapital schlagen kann.
Ob in Palästina oder Kurdistan – der wirtschaftliche Zugriff folgt einem ähnlichen Muster: Militärische Kontrolle schafft Zugang zu Land und Ressourcen. Vertreibung löst die Bindung zwischen Gemeinschaft und ihrem Land. Die Naturprodukte der Region werden über undurchsichtige Wege globalisiert. So entsteht eine Form von Warenproduktion, in der Besatzung und Gewalt nicht die Ausnahme, sondern die zugrunde liegende kapitalistische Basis sind.
Für die betroffenen Menschen bedeutet der Verlust ihrer Olivenhaine weit mehr als einen finanziellen Schaden. Die Bäume stehen für ihre Geschichte, für familiäre Identität und für das Recht, auf dem eigenen Boden in Würde zu leben.

