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Vorweihnachtszeit = Ausbeutungszeit?

Jedes Jahr explodiert in der Vorweihnachtszeit die Zahl an versendeten Paketen. Das wirft ein Licht auf die Kämpfe um Marktanteile im Versandhandel und die damit verbundene Ausbeutungspraxis. – Ein Überblick von Lukas Mainzer.

Die Weihnachtsfeiertage stehen für Ruhe, Zeit mit der Familie und gegenseitiges Beschenken. Doch damit das Weihnachtsfest so stattfinden kann, muss in der Vorweihnachtszeit ordentlich eingekauft werden. Und gesteigerter Konsum geht im Kapitalismus natürlich auch nicht ohne gesteigerte Ausbeutung.

Das Weihnachtsgeschäft ist für den Einzelhandel die umsatzstärkste Zeit des ganzen Jahres. Der Handelsverband Deutschland (HDE) rechnet für 2025 mit einem Umsatz von etwa 126 Milliarden Euro. Damit macht das Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel mit 18,5 Prozent knapp ein Fünftel des Jahresumsatzes aus. Bei Bücherläden oder Spielwarengeschäften liegt der Anteil sogar bei einem Viertel.

Besonders spürbar ist das Weihnachtsgeschäft bei den Paketzusteller:innen. In der Corona-Pandemie explodierten die Umsatzzahlen des Versandhandels und haben sich seitdem auf etwa 15 Prozent der Umsatzzahlen des stationären Handels eingependelt.

DHL: Saisonarbeitskräfte und Preiserhöhungen

Um den Mehraufwand an Einkäufen im Weihnachtsgeschäft bedienen zu können, stellen viele Händler für November und Dezember zusätzliches Personal ein: Obwohl der DHL-Konzern aktuell in Deutschland Stellen abbaut, werden für das Weihnachtsgeschäft 10.000 zusätzliche Aushilfskräfte eingestellt. Das befristet angestellte Personal soll in Sortierzentren und in der Zustellung von Paketen zum Einsatz kommen. Gleichzeitig erhöht DHL auch die Preise für den Paketversand.

Tarifeinigung – deswegen müssen 8.000 Stellen bei der Post weg

Bisher musste von Händler:innen während der Vorweihnachtszeit pro Paket ein „Peakzuschlag“ von 19 Cent an DHL bezahlt werden. Ab diesem Jahr erhebt DHL einen zusätzlichen Aufschlag von 50 Cent für den Auftakt des Weihnachtsgeschäfts. Er soll während der vom Handel ausgerufenen „Black Week“ und „Cyber Week“ zwischen 24. November und 7. Dezember erhoben werden. Vom Handel müssen damit während dieser Zeit insgesamt 69 Cent pro Paket extra gezahlt werden – zusätzlich zu den Versandkosten, die wiederum durch die Kund:innen bezahlt werden.

In der eigenen Kapitalmarktpräsentation aus dem April 2025 gibt DHL auch zu, dass die Umsätze des Unternehmens seit Jahren stärker wachsen als die versendeten Paketmengen. Das führt der Konzern auf eine aggressive Preispolitik zurück – die er als Marktführer selbst mit anfeuert. Obwohl Amazon, der Spitzenreiter im Onlinehandel, mittlerweile selbst Pakete versendet, hat DHL in Deutschland einen Marktanteil von 40 Prozent – und nutzt diesen immer wieder für drastische Preiserhöhungen aus.

Verstärkte Ausbeutung über Subunternehmen

Von den Rekordumsätzen kommt bei den Beschäftigten im Weihnachtsgeschäft jedoch kaum etwas an: Ihre Löhne bleiben trotz der Mehreinnahmen, etwa durch die neuen Zuschläge, gleich. Es kommen sogar noch mehr unbezahlte Überstunden dazu. Die Vorweihnachtszeit verstärkt damit die bereits bestehenden Ausbeutungsverhältnisse.

Um mit dem Marktführer DHL in Konkurrenz zu treten, baut Amazon weltweit einen eigenen Zustelldienst zum Paketversand mit Subunternehmen auf. Und wie so häufig kommt es mit einem Geflecht aus Subunternehmen auch zu besonders prekären und atypischen Beschäftigungsverhältnissen. In Deutschland arbeitet Amazon mit hunderten kleinen und mittelständischen Subunternehmen zusammen, welche ihrerseits die Aufträge zum Teil wieder an Subsubunternehmen weitergeben.

Dem Kapitalismus ausgeliefert!

Sie fahren dann im Auftrag für Amazon Bestellungen aus, aber Amazon selbst entzieht sich der Verantwortung. In den Subunternehmen gibt es jedoch häufig keine gewerkschaftliche Organisierung oder Tarifverträge. Fahrer:innen solcher Subunternehmen berichten etwa von täglich 1,5 unbezahlten Überstunden im Weihnachtsgeschäft, auafallenden Pausen aufgrund des Zeitdrucks oder Kündigungsdrohungen im Krankheitsfall.

Nach einem ähnlichen Konzept versuchen auch andere Paketzustelldienste wie DPD und Co. ihre Kosten zu senken, in denen sie offiziell selbstständige Fahrer:innen beauftragen und deren Bezahlung von erfolgreich zugestellten Paketen abhängig machen.

Die Fahrer:innen von Subunternehmen kommen häufig aus dem Ausland. Meist können sie wenig bis kein Deutsch und sind dementsprechend auch nicht mit dem deutschen Arbeitsrecht vertraut. Mit dieser Geschäftspraxis konnte Amazon in den USA bereits die bisherigen Marktführer UPS und FedEx überholen. Auch in Deutschland kämpft Amazon erbittert um Marktanteile – auf Kosten der Angestellten, nur mit deren Widerstand sich etwas daran ändern kann.

Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 105 vom Dezember 2025 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

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