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Weihnachten in Bethlehem unter israelischer Besatzung

Bethlehem, die Geburtsstadt Jesu, steht heute unter kolonialer Besatzung. Die Weihnachtszeit hat hier nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische und wirtschaftliche Bedeutung. Seit zwei Jahren überschattet der Genozid in Gaza die Festlichkeiten. – Ein Kommentar von Ali Najjar.

Bethlehem im Westjordanland ist eine Stadt, die vom Tourismus lebt. Pilger:innen aus aller Welt besuchen besonders zur Weihnachtszeit den Ort, an dem sich die ursprüngliche Weihnachtsgeschichte abgespielt haben soll. Entsprechend leben über 80 Prozent der Einwohner:innen direkt oder indirekt vom Tourismusgeschäft.

Wie die meisten palästinensischen Städte im Westjordanland wird Bethlehem von der sogenannten Palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet. Aber dieses in den Oslo-Friedensverträgen geschaffene Konstrukt darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land hier seit 1967 unter israelischer Besatzung steht.

Das Leben unter Besatzung

Das bedeutet, dass für die Palästinenser:innen Bewegungsfreiheit, politische Rechte und auch die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung extrem eingeschränkt sind. Seit dem Genozid im Gazastreifen intensivierte das israelische Militär auch im Westjordanland seine Angriffe auf Palästinenser:innen, sodass seit Oktober 2023 hier über 1.000 Menschen zu Tode kamen.

Gleichzeitig wird auch die koloniale Landnahme verstärkt vorangetrieben. Erst Anfang der Woche ließ die aktuelle faschistische Regierung Israels erneut Pläne zum Bau weiterer Siedlungen vermelden. Das Bestreben, das ganze Westjordanland als israelisches Gebiet vollends zu annektieren, wird von den Ministern der Regierung ganz offen ausgesprochen.

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Die Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebens für das palästinensische Volk, wenn auch nur auf einen Bruchteil seiner historischen Heimat, soll nach Ansicht zionistischer Faschisten in Netanjahus Regierung endgültig begraben werden. So gewinnt ein bisher schleichender Prozess der Vertreibung aktuell enorm an Geschwindigkeit.

Auch die Menschen in Bethlehem bekommen diese verschärfte Lage zu spüren. Der Tourismus kam in den letzten zwei Jahren fast komplett zum Erliegen. Aber auch aus Solidarität mit den Opfern des Genozids in Gaza haben die Bewohner:innen der Stadt die Festlichkeiten zur Weihnachtszeit begrenzt. Erst dieses Jahr soll wieder der große beleuchtete Weihnachtsbaum auf dem zentralen Platz stehen.

Die Mechanismen der kolonialen Herrschaft

Eine allgemeine Perspektivlosigkeit treibt insbesondere junge Menschen dazu, ins Ausland zu migrieren, insbesondere nach Europa und Nordamerika. Bildeten christliche Palästinenser:innen vor der Ausrufung des Staates Israel durch die Zionisten 1948 und den folgenden Kriegen noch die Mehrheit in der Stadt, machen sie heute unter 20 Prozent der Bevölkerung aus.

Christ:innen in der Region waren oft eher dazu geneigt, unter dem Druck der Besatzung ins Ausland zu fliehen. Viele von ihnen haben auf Missionsschulen eine gute Ausbildung erhalten und europäische Sprachen gelernt. Faktoren, die ihnen eine Integration in den Zielländern erleichterten.

Es ist ein Situation, die aufzeigt, dass es dem Kolonialregime in Tel Aviv über die Jahrzehnte relativ gut gelingt, die Schicksale verschiedener Teile der besetzten Bevölkerung in Palästina auseinanderzureißen und so der Formierung eines kollektiven nationalen Widerstands entgegen zu wirken.

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Während Menschen im Gazastreifen einem direkten Völkermord ausgesetzt waren, hat das Regime anderen Teilen der Bevölkerung bewusst gewisse „Auswege“ gelassen, um ihr materielles Leben zu schützen oder ihre Lage bescheiden zu verbessern: Politische Resignation, Integration in die israelische Gesellschaft als Bürger zweiter Klasse oder Auswanderung und Flucht.

Wer welche Behandlung erfährt, hat sich oft auch an religiösen Identitäten orientiert, die die Besatzung für ihren Zweck zur Spaltung nutzen will. Folglich hat sich in den am stärksten unterdrückten Regionen Palästinas, im Gazastreifen und den Geflüchteten-Camps in und um die Städte des Westjordanlands, der entschiedenste Widerstand formiert – weil die Menschen hier außer diesem keinen Ausweg sahen und das wirkliche Ende der Besatzung kompromisslos anstreben mussten.

Dieser Widerstand blieb jedoch materiell von anderen Teilen der Bevölkerung, die die Besatzung mit komplett verschiedenen Lebensrealitäten konfrontierte, relativ isoliert. Die genaue Art, wie sich diese Konstellation verschiedener Kolonialsysteme unter einem Regime organisiert, hat sich über die Geschichte Palästinas und das Agieren der zionistischen Herrschaft immer wieder gewandelt. Die Zielsetzung blieb dabei jedoch immer dieselbe.

Symbole der Hoffnung

Viele Einwohner:innen Bethlehems sehen in der Rückkehr der Weihnachtslichter in der Geburtsstadt Jesu ein Symbol der Solidarität. Auch wenn seit dem Waffenstillstand in Gaza, der offiziell seit Oktober diesen Jahres gilt, über 400 Palästinser:innen ermordet wurden, versuchen die Menschen die Hoffnung nicht zu verlieren und sehen darin, dass sie die Tradition des Ortes am Leben halten, auch ein Form des Widerstandes.

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Genauso gab es selbst im weitestgehend zerstörten Gazastreifen in der Adventszeit christliche Feierlichkeiten. Der ranghöchste katholische Bischof in Palästina hat am vergangenen Sonntag eine Kirche für eine Messe besucht, die durch israelische Bomben schwer beschädigt wurde.

Ali Najjar
Ali Najjar
Muslimischer Sozialist aus Berlin und Perspektive-Autor seit 2023. Fördert gern revolutionären Optimismus und Desillusionierung über den bürgerlichen Staat. Student der Sprachwissenschaften und Palästinenser.

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