Seit mehr als 200 Jahren bestimmt die sogenannte Monroe-Doktrin mal mehr mal weniger die US-amerikanische Außenpolitik, nun steht sie erneut im Mittelpunkt. Warum strebt die US-Regierung nach der vollen Kontrolle Amerikas? – Ein Kommentar von Azad Dersime.
„Lange haben wir die Monroe-Doktrin vergessen. Doch wir werden sie nicht mehr vergessen. Mit unserer neuen Sicherheitsstrategie wird Amerikas Dominanz über die westliche Hemisphäre nie wieder infrage gestellt werden“, waren Donald Trumps Worte bei einer Pressekonferenz nach der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduros.
Doch was hat Trumps Angriff auf Venezuela mit James Monroe, dem fünften Präsidenten der USA, zu tun? Nicht besonders viel, würde man meinen. Doch ein aufmerksamer Blick in die Geschichte zeugt von einer der einflussreichsten, wenn nicht verheerendsten nationalen Philosophien der jüngeren Geschichte der Menschheit.
Was ist die Monroe-Doktrin?
Die Monroe-Doktrin ist eine außenpolitische Philosophie der Vereinigten Staaten, die ursprünglich die damals noch jungen USA vor europäischer Einflussnahme schützen sollte. Nach dieser Analyse galt es – je nach Zeitperiode –, die gesamte westliche Hemisphäre, also Süd- sowie Nordamerika und die angrenzenden Inselstaaten, fest unter die eigene politische und wirtschaftliche Kontrolle zu bringen. Gleichzeitig galt es nach der Monroe-Doktrin ebenso, sich grundsätzlich aus den Geschicken der westlichen Hemisphäre herauszuhalten – es sei denn, es ging darum, Einflussnahme in das eigene Spielfeld zu verhindern.
Mit drei Prinzipien erhoffte sich Monroe garantierte und vollständige Unabhängigkeit der noch jungen Vereinigten Staaten: „non-intervention“ – das Prinzip der Nichteinmischung in die Politik Europas, „non-colonization“ – die Forderung nach dem sofortigen Stopp aller kolonialen Ansprüche im Einzugsgebiet der USA und das später hinzugefügten Prinzip des „non-transfer“, das besagt, dass vorhandene Kolonien in der westlichen Hemisphäre nicht an andere (europäische) Mächte übergeben werden dürfen.
Lange war diese Idee nicht mehr als ein theoretisches Prinzip. Sicherlich taten sich viele Zeitgenoss:innen angesichts der überschaubaren militärischen Stärke der USA mit dem Gedanken an derart rabiate Ansprüche gegenüber Europa schwer. Doch mit dem Aufstieg der USA zur Weltmacht zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wuchs auch das Interesse an stabilen Absatzmärkten im Ausland.
Als sich mit der Festigung des Imperialismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts Banken und ihre Schuldeneintreiber über immer mehr südamerikanische Länder hermachten, sah die USA schließlich den Zeitpunkt als gekommen an. Durch ein 1904 von Theodore Roosevelt herausgegebenes Papier, in dem er nicht nur Anspruch auf den gesamten amerikanischen Kontinent erhob, sondern Monroes Philosophie konkret benannte, wurde die „Monroe Doctrine“ aus einer politischen Randidee schließlich die offizielle außenpolitische Strategie der Vereinigten Staaten.
USA greifen Venezuela an – Präsident Maduro von US-Militär entführt
Wirtschaftliche Unabhängigkeit als oberste Priorität
Angesichts der eskalierenden Politik der USA gegenüber Süd- sowie Mittelamerika und der scheinbaren Rundumschläge gegen alle, die Amerika nicht genehm sind, drängt sich die Frage auf: Warum das Ganze? Woher der Appetit der Vereinigten Staaten auf Mittel- und Südamerika, wo sie doch lange dafür berüchtigt waren, die sogenannte „Weltpolizei“ zu spielen?
US-amerikanische Interessen an der Idee Monroes gingen stets auf eine simple Annahme zurück: Um so unabhängig und eigenständig wie möglich zu sein, muss Amerika nicht nur in der Lage sein, sich militärisch zu verteidigen, sondern sich im Notfall auch wirtschaftlich auf eigenen Beinen halten können.
Das siedlerkoloniale Projekt auf dem nordamerikanischen Kontinent sollte sich nicht nur international behaupten und aktiv für seine Interessen eintreten, sondern ebenso in der Lage sein, sich gegen feindliche Einflussnahme zu wehren – Das Zeichen dafür, dass die USA sich einen Platz am Tisch der Großen endgültig verdient hatten. Das Mittel dazu: absolute Kontrolle.
Früh hatten die Siedler also nicht nur das Land und die verfügbaren Ressourcen der Ureinwohner:innen auf dem Gebiet der heutigen USA im Blick. Auch die ihrer Nachbarregionen, wie das von Spanien besetzte Texas oder Kuba, das bis in die Zeit des Bürgerkriegs als zukünftiger kontrollierter Absatzmarkt galt, stachen dem frühen US-Imperialismus ins Auge.
Der Imperialismus und der Aufstieg der Monroe-Doktrin
Während es in der Amtszeit Monroes, die auch „Era of Good Feelings“ genannt wurde, kein besonders dringliches Anliegen war, sah dies zur Zeit Roosevelts wieder anders aus. In eben diesen Jahren wandten sich die USA erneut dem restlichen Kontinent zu.
Was darauf folgte, war eine Welle an Annexionen, militärischen Überfällen, Blockaden und diplomatischer Erpressung – nicht nur über den gesamtamerikanischen Kontinent, sondern auch darüber hinaus. Kuba und Haiti fallen hier besonders als Länder auf, die bis heute unter den Folgen der US-Interventionen leiden.
Im Kontrast zur Instabilität, die die USA in lateinamerikanische Länder brachten, war diese Zeit sowohl für die amerikanische Wirtschaft als auch für internationale Banken eine Phase von Stabilität und lukrativen Krediten. Der Grund war simpel: Solange Amerika seine Kontrolle über den gesamtamerikanischen Kontinent geltend machen konnte, konnten amerikanische Banken stets auf den effektivsten Schuldeneintreiber zählen, während amerikanische Kapitalist:innen Zugang zu lukrativen Absatzmärkten und billigen Arbeitskräften erhielten.
Hinzu kam, dass die USA dadurch unabhängiger von internationalen Importen wurden. Sowohl die Produktion von Materialien wie Gummi, Kohle und Stahl als auch Waren wie Früchte, Kakao oder Kaffee waren gesichert. All das machte Unternehmen wie Standard Oil (heute Exxon), United Fruit (heute Chiquita), oder Ford reich.
Das Kunststück: US-Zollkrieg für eine neue alte Weltordnung
Kolonialismus, Antikommunismus und Geld – die Monroe-Doktrin heute
Oberflächlich betrachtet war der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg wohl der erste Bruch mit der Monroe-Doktrin. Zwar folgte er weiterhin ihrer Logik, dennoch zeichnete sich eine Zeitenwende ab. Immer häufiger brachen internationale Krisen aus, die auch amerikanische Interessen gefährdeten. Eine klare Antwort darauf fand sich jedoch selten – zu sehr war man in den Grenzen der Monroe-Doktrin gefangen.
Spätestens mit dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg bröckelte die alte Strategie. Angesichts der Gefahr des europäischen Faschismus wandten sich immer mehr von der Isolation ab. Und doch stand Amerika trotz dieser neuen Situation auf dem Höhepunkt seiner Macht. Auch die Monroe-Doktrin erlebte bald ihr Revival.
Denn obwohl sie mit der „Truman-Doktrin“ offiziell ersetzt wurde, blieb die geopolitische Strategie bestehen, den amerikanischen Kontinent eng an der Leine zu halten. Ein Unterfangen, das durch immer wieder aufstrebende Unabhängigkeitsbewegungen erschwert wurde – schließlich standen viele dieser Länder zu diesem Zeitpunkt seit fast einem Jahrhundert unter der faktischen Kontrolle der USA.
Wir befinden uns erneut an einem Höhepunkt des US-Imperialismus in Lateinamerika. Gemeinsam mit der sogenannten „Containment-Politik“ mischten amerikanische Geheimdienste in nahezu ganz Lateinamerika mit. Es ist die Zeit des von Shell gesponserten Neokolonialismus, in der verarmte Staaten zu Wucherpreisen praktisch an private Unternehmen verkauft wurden.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion als einzigem geopolitischen Gegenspieler der USA sagte in den 2010er-Jahren Präsident Barack Obama der Monroe-Doktrin offiziell ab: „Die Zeit der Isolation ist vorbei.“ Man fühlte sich offenbar wohler in der Rolle der sogenannten Weltpolizei.
Die Wiedergeburt der Monroe-Doktrin
Der Sinneswandel der Trump-Regierung wirkt plötzlich, doch überraschend ist er kaum. Nach dem Ende der bipolaren Weltordnung, mit den USA und der Sowjetunion als zwei Pole einer globalen Blockkonfrontation, aus der die USA vermeintlich „siegreich“ hervorgingen, exportierte Amerika seine erprobten Methoden zunehmend in die ganze Welt. Als alleinige Weltmacht standen den USA Tür und Tor offen. Doch dass dieses Glück nicht von Dauer sein würde, zeigt sich nun: in einer multipolaren Welt mit verschiedenen Machtblöcken und eigenen Interessen.
Dabei ist vor allem der Aufstieg Chinas zu einem nicht nur ernstzunehmenden sondern tatsächlich bedrohlichen Konkurrenten der US-Hegemonie zu vermerken. Stand die USA ab den 1990er-Jahren noch klar in allen Bereichen über allen anderen Großmächten dieser Welt, schaffte es China in den letzten Jahrzehnten vor allem wirtschaftlich immer weiter aufzuholen.
Doch auch militärisch gelangt die Vormachtstellung der USA immer weiter ins wanken. Zwar ist das US-Militär immer noch zweifelsohne gegenüber allen anderen Staaten materiell überlegen, aber auch hier werden immer weitere Fortschritte gemacht. Zudem konnten insbesondere in Westasien selbst um das vielfach schwächere Kräfte den US-Streitkräften immer wieder Probleme bereiten.
Vergangen sind also die Tage, in denen die USA ihre Gewalt problemlos, eigenständig und ohne Proxys in die Welt exportieren konnten. Gleichzeitig steigen die Kosten für die Rolle des Sheriffs der Erde. Das sind Kosten, die die Trump-Regierung nicht mehr tragen will. Auch die wirtschaftliche Lage der USA lässt eine solche Politik kaum noch zu. Hohe Inflation, Handelskriege und eine bröckelnde Infrastruktur sind nur einige der Gründe.
Zur multipolaren Welt gehören ebenso neue Allianzen und Handelsabkommen. Immer weniger Länder sind von den USA abhängig. Doch die USA sind auf die meisten ihrer Handelspartner angewiesen, wie zum Beispiel durch billige chinesische Produktion. Das macht sie angreifbar – eine Schwäche, die sich die Trump-Regierung nicht leisten will. Die Mission der Monroe-Doktrin ist damit wieder ganz die alte: sich vor den Feinden der USA zu schützen und die eigenen Märkte zu stabilisieren – zum Nachteil eines ganzen Kontinents.
US-Imperialismus – mit oder ohne Trump
Dass diese Politik nun von einer Regierung vorangetrieben wird, die den Rückschritt in eine andere Zeit offen propagiert, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Maßnahmen weder mit Trump begonnen haben, noch mit ihm enden werden. Amerikas Mission, seine Vormachtstellung in der Welt zurückzuerlangen, schwebt spätestens seit der globalen Finanzkrise 2008 im Raum. Erste Schritte weg von Europa, hin zur Isolation, wurden bereits unter Biden still und leise eingeleitet.
Die neue imperialistische Strategie der USA – und wie Merz sich anbiedert
Die USA stecken, wie der Rest der Welt, in einer Krise – und das nicht erst seit gestern. Amerikas Stellung als Hegemon über den Westen und darüber hinaus wird offen infrage gestellt. Zugleich wird das Land selbst immer verwundbarer gegenüber finanziellen Angriffen.
Die Mechanismen, die die Trump-Regierung nun erneut aktiviert, folgen einer altbekannten Formel: das Verwandeln ganzer Länder in Spielfelder sowie von Mensch und Natur in Spielfiguren. Das Durchsetzen des eigenen Einflussbereichs ist ein zentrales Bedürfnis des kränkelnden US-Imperiums.

