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Annexion von Grönland: Ende der NATO?

Die USA haben mit ihren Angriffen in Venezuela eine neue Phase ihrer imperialistischen Außenpolitik eingeleitet. Parallel dazu bekräftigte Präsident Donald Trump seine Absicht, das autonome dänische Territorium Grönland zu annektieren. Die Rolle der NATO als US-dominiertes Machtbündnis ist so unklar wie nie zuvor.

Die Operation in Venezuela ist der Höhepunkt einer monatelangen militärischen Aufrüstung der USA in der Karibik, die im August 2025 begann. Die Trump-Administration bezeichnete dies als Kampf gegen Drogenkartelle, die als terroristische Organisationen eingestuft wurden. Analysten sehen darin jedoch eine Reaktivierung der sogenannten Monroe-Doktrin, die die westlichen Hemisphären als US-Einflusszone betrachtet. Diese neue Fokussierung auf die eigene Hemisphäre geschieht gleichzeitig mit einer Abkehr von früheren globalen Prioritäten. Schiffe wie der Flugzeugträger USS Gerald R. Ford wurden von geplanten Einsätzen in Europa und dem mittleren Osten abgezogen, um die Präsenz im Süden zu verstärken.

Grönland und die Krise der NATO

Vor diesem Hintergrund bekräftigte Präsident Trump öffentlich sein Interesse an einer gewaltsamen Übernahme Grönlands. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hatte bereits zuvor erklärt, eine solche Aktion gegen den Willen Dänemarks und der grönländischen Bevölkerung würde die Grundlage des nordatlantischen Bündnisses (NATO) zerstören. Die NATO-Verbündeten reagierten auf Trumps Äußerungen mit einer gemeinsamen Warnung: Sie würden die Werte der Souveränität und territorialen Integrität „nicht aufhören zu verteidigen“.

Grönland ist ein autonomes Gebiet innerhalb des Königreichs Dänemark. Es lebt seit 2009 unter weitreichender Selbstverwaltung, während Außen- und Sicherheitspolitik sowie die Währungspolitik weitgehend bei Kopenhagen verbleiben. Die dänische Regierung unter Ministerpräsidentin Mette Frederiksen reagierte umgehend und deutlich auf die aus Washington kommenden Signale. Frederiksen bezeichnete die Vorstellung eines Verkaufs als „absurd“ und verwies auf Grönlands besonderen Status und die Rechte seiner Bevölkerung.

In einer späteren, ausführlicheren Stellungnahme verschärfte die Ministerpräsidentin ihren Ton und bezog explizit die NATO, das Nordatlantische Bündnis, in ihre Argumentation mit ein. Ihre Aussage war eindeutig: Sollten die Vereinigten Staaten versuchen, Grönland gegen den erklärten Willen Dänemarks und der Grönländer:innen in ihren Besitz zu bringen, wäre dies eine Handlung, die nicht mit den Prinzipien eines Verteidigungsbündnisses vereinbar sei. „Wenn der mächtigste Verbündete eines Landes erwägt, es anzugreifen oder zu besetzen, dann ist jedes Bündnis natürlich hinfällig“, wurde Frederiksen von dänischen Medien zitiert. Diese Formulierung stellt einen der klarsten öffentlichen Hinweise eines europäischen NATO-Mitglieds auf eine mögliche Existenzkrise des Bündnisses dar, die aus den Handlungen seines größten Mitglieds erwachsen könnte.

Der hungrige US-Imperialismus

Die Debatte wurde von US-Präsident Donald Trump persönlich angestoßen. Er bestätigte gegenüber Reportern sein Interesse an Grönland und verwies auf strategische und ressourcenpolitische Erwägungen. In charakteristischer Weise bezeichnete er die Insel als eine „große Immobilien-Transaktion“. Sein ranghoher Berater, Steven Miller, hat zudem klare Gebietsansprüche verdeutlicht und militärische Eroberung nicht ausgeschlossen.

In einem CNN-Interview legte Miller die Position der Regierung dar. Er stellte die US-Ansprüche offensiv dar und verwies auf die bestehende militärische Macht als entscheidenden Faktor. Auf die wiederholte Frage, ob ein militärisches Vorgehen gegen Grönland ausgeschlossen werden könne, wich Miller aus und erklärte: „Niemand wird die Vereinigten Staaten militärisch über die Zukunft Grönlands bekämpfen“. Seine Weltanschauung fasste er mit den Worten zusammen: „Wir leben in einer Welt, in der realen Welt, die von Stärke regiert wird, die von Gewalt regiert wird, die von Macht regiert wird. Das sind die eisernen Gesetze der Welt seit Anbeginn der Zeit“. Auch bezüglich Venezuela war er klar: „Die Vereinigten Staaten von Amerika beherrschen Venezuela.“

In sicherheitspolitischen Kreisen verweist man darauf, dass das US-Interesse an Grönland nicht neu ist. Die Insel ist von enormer geostrategischer Bedeutung in der Arktis, einer Region, die durch schwindendes Eis und zugänglichere Schifffahrtsrouten an Relevanz gewinnt. Grönland beherbergt zudem die US-Luftwaffenbasis Thule, eine Schlüsseleinrichtung für das nordamerikanische Raketenfrühwarnsystem.

US-Präsident Trump will Grönland „kaufen“ – was steckt dahinter?

Verhaltene Reaktion aus Europa – die USA machen, was sie wollen

Als Reaktion auf die offenen Drohungen aus Washington, sich die Insel anzueignen, haben sich die Schlüsselstaaten der Europäischen Union und des Vereinigten Königreichs geschlossen hinter die Souveränität Dänemarks und der grönländischen Bevölkerung gestellt. In einer am 6. Januar 2026 veröffentlichten gemeinsamen Erklärung der Staats- und Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Italien, Polen und Spanien zusammen mit Dänemark heißt es: „Grönland gehört seinen Menschen.“ Dennoch ist hier festzustellen, dass die ursprünglich indigene Bevölkerung Grönlands noch heute durch die Kolonialisierung des vormaligen Königreichs Dänemark-Norwegen geprägt ist.

Die europäischen Staaten bekräftigten, dass „allein Dänemark und Grönland über Angelegenheiten entscheiden, die Dänemark und Grönland betreffen“. Die Unterzeichner, darunter der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, der britische Premierminister Keir Starmer und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, verurteilten dabei nicht direkt die Äußerungen der USA, stellten aber die Souveränität und das Völkerrecht als unverhandelbares Prinzip heraus. Interessanterweise sind genau diese Prinzipien bisher nicht ausdrücklich im Falle Venezuelas ausgesprochen worden.

Venezuela als Lehrstück über das sogenannte „Völkerrecht“

Die Erklärung betonte, dass die Sicherheit in der Arktis ein Kernanliegen der NATO sei, das nur „gemeinschaftlich mit den NATO-Verbündeten, einschließlich der USA“, erreicht werden könne. Diese Positionierung zeigt eine zumindest vorübergehend vereinte Haltung der größten europäischen Mächte. Auffällig war jedoch, dass die Erklärung nicht von der Europäischen Union als Ganze, sondern nur von einer Gruppe nationaler Regierungen ausging, was auf eine diplomatische Abstufung und ein Zögern hindeutet, Trump direkt zu konfrontieren. Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hatte zuvor gewarnt, ein US-Angriff auf Grönland würde das Ende der NATO bedeuten.

Verschiebungen der Konfliktherde – das US-Imperium wächst

Die Grönland-Debatte ist kein isoliertes Ereignis. Sie steht im Zeichen größerer globaler Verschiebungen. Die Außen- und Sicherheitspolitik der USA konzentriert sich zunehmend auf zwei Kampffelder – zum einen den sogenannten Indopazifik, wo der wirtschaftliche und militärische Aufstieg Chinas als primäre langfristige Herausforderung angesehen wird. Und zum anderen Süd- und Nordamerika, die auf Berufung der Monroe-Doktrin als machtpolitischer Raum ausschließlich für die USA gesichert werden soll.

Die neue imperialistische Strategie der USA – und wie Merz sich anbiedert

Dieser geostrategische Kurswechsel führt dazu, dass Ressourcen und Aufmerksamkeit anders verteilt werden. Gleichzeitig kann die Art der Politik, wie sie in Bezug auf Venezuela – also offene militärische Gewalt zur Erzwingung eines Regimewechsels – oder im Handelskonflikt mit Partnern demonstriert wird, als Ausdruck eines neuen, unverhohleneren Imperialismus gewertet werden, der auf wirtschaftlicher und militärischer Dominanz basiert.

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