Die ARD-Dokumentation „Being Jerome Boateng“ inszeniert den ehemaligen Nationalspieler als fehlbaren Menschen. Statt kritischer Einordnung liefert der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine Öffentlichkeitsarbeit zur Aufpolierung seines Images. – Ein Kommentar von Aziza Mounir.
Haushalte, die jeden Monat den Rundfunkbeitrag von 18,36 Euro zahlen, können seit November ihre Investition in der Dokumentation „Being Jerome Boateng“ (auf Deutsch: Jerome Boateng sein) begutachten. In einer 136-minütigen Trilogie zeigen Videozusammenschnitte Jerome Boatengs fußballerischen Werdegang. Kommentiert wird die Reportage vor allem durch Interviews mit ihm selbst.
Auch andere aus der Fußball- und Medienwelt zeigen Gesicht, wie die Moderatorin Cathy Hummels, der Sportjournalist Marcel Reif, der ehemalige FC-Bayern-Spieler Thomas Helmer oder der Popkultur-TikTokerin Gizem Çelik. Letztere äußerte sich nach der Ausstrahlung kritisch über die Doku auf ihrem Kanal.
Boatengs ach so hartes Leben legitimiert nichts
Chronologisch werden die Zuschauer:innen durch Boatengs Leben geführt. Einige Anekdoten werden besonders hervorgehoben: Ein modernes Familienbild soll die Familiendynamiken geprägt haben. Seine Mutter arbeitete, während der Vater sich stärker um die Kindererziehung kümmerte. Die Scheidung seiner Eltern war wohl ebenfalls besonders hart für ihn.
Sein fußballerisches Können sei darüber hinaus nicht nur Talent, sondern auch harte Arbeit und das Streben danach, der Beste auf dem Rasen sein zu wollen. Begleitet wird die Doku von Songs aus den 2010er-Jahren, bei denen Zuschauer:innen das Sommermärchen von 2014 noch einmal durchleben dürfen.
Eine kritische Auseinandersetzung mit Boatengs Persönlichkeit beschränkt sich auf wenige selbstreflektierte Phrasen, etwa die des „fehlbaren Menschen“. Auch der Höhepunkt seiner sportlichen Karriere mit dem WM-Sieg 2014 (inkl. Siegprämien von ca. 300.000 Euro und Berühmtheit in der amerikanischen Pop- und Modekultur), haben vor allem negativen Auswirkungen auf ihn. Kommentiert wird dies durch Aussagen über die „Lebensrealität“ von Fußballspielern: „Du lebst ja eigentlich das Rockstar-Leben, und dann kommst du nach Hause und sollst Mutter/Vater/Kind spielen – schon sehr sehr starker Kontrast.“
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Gewalt an Frauen ganz kurz vor dem Abspann
In der letzten Hälfte des dritten und letzten Teils der Triologie wird Jeromes Verhältnis zu seinen Partnerinnen beleuchtet. Kritische Nachfragen zur Verurteilung wegen Körperverletzung gegenüber einer Ex-Partnerin werden nicht gestellt. Stattdessen fällt das Framing der Doku noch milder aus, als das ohnehin schon zimperliche Gerichtsurteil.
Im Verfahren der Mutter zweier seiner Kinder und früheren Partnerin wurde er wegen vorsätzlicher Körperverletzung schuldig gesprochen. In der Anklageschrift beschreibt sie, er habe sie angespuckt, an den Haaren gezogen und mit beiden Händen ins Gesicht geschlagen. Als erwiesen sieht das Gericht einen heftigen Schlag Boatengs gegen das Auge der Frau im Rahmen einer „Rangelei“.
In der Doku wird die Beziehung als „toxisch“ eingeordnet, weshalb beiden eine Mitschuld an der Gewalt zugeschrieben wird. Patriarchale Gewalt gerade in Form der häuslichen Gewalt, die von Männern gegen Frauen im Privaten ausgeübt wird, wird hierbei aufgrund scheinbarer Widersprüche in der Beziehung relativiert. Auch das Machtgefälle wird auf eine rein körperliche Ebene reduziert. Dass Boateng gleichzeitig als berühmter männlicher Fußballprofi ökonomisch und gesellschaftlich deutlich besser dasteht, wird ausgeklammert.
Als Geldauflage soll er 100.000 Euro an gemeinnützige Organisationen, die sich für Kinder einsetzen, spenden. Außerdem wurde er zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilt: 40 Tagessätze à 5.000 Euro. Insgesamt 200.000 Euro wären das – allerdings nur, wenn er gegen die Auflagen verstößt. Somit wurde Boateng in einem Fall der häuslichen Gewalt nur verwarnt, mit einem Strafvorbehalt.
Bei einem Verstoß gegen die Auflagen und dem Einsetzen der Strafe müsste er nicht mal das Äquivalent seiner Gehaltsprämie für ein 90-minütigen Fußballspie zahlen. Vorbestraft wäre er auch nicht, da das erst ab 90 Tagessätzen der Fall wäre.
Die Akte Kasia Lehnart
Ebenso wenig wird der Suizid seiner Ex-Partnerin Kasia Lenhardt ausreichend beleuchtet. In der Doku betont der Profi-Fußballspieler, dass er sie sehr geliebt habe. Ob das nun eine Beteuerung seiner Unschuld, eine Bitte nach Mitleid oder ein Hinweis auf emotionales Handeln sein soll, bleibt der Interpretation der Zuschauer:innen frei.
Eine Investigativ-Recherche des Spiegels aus dem Jahr 2024 zeigt eine detailliertes Bild der Beziehung zwischen Kasia und Jerome auf. Mögliche psychische und physische Gewalt von Boateng gegen Lenhardt wird durch Nachrichten, Zeug:innen-Aussagen und Fotos rekonstruiert. Dabei geht es um eventuelle Gewaltsituationen wie das Brechen eines Daumens, das Werfen mit Gläsern oder das Herausreißen eines Ohrrings.
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Jerome Boateng gab nach der Trennung von Kasia im Jahr 2021 ein Bild-Interview, in dem er ihr vorwarf, ihn erpresst zu haben. Außerdem habe er nie eine Beziehung mit ihr führen wollen. Dieses Interview und der dadurch ausgelöste Internet-Shitstorm gegen sie werden von Boateng in der Doku erwähnt und als Fehler bewertet. Der Presserat rügte die Bild für das Interview.
Auf die Mutmaßungen, dass sie sich aufgrund einer NDA (Non-Disclosure Agreement, auf Deutsch: Verschwiegenheitserklärung) nicht zu den Vorwürfen äußern konnte und dass die öffentlichen Anschuldigungen zu ihrem Suizid beigetragen haben könnten, geht die Doku „Being Jerome Boateng“ nicht weiter ein.
Auch die NDA wird bei der Spiegel-Recherche beleuchtet. Das zwei-seitige Dokument soll Kasia zu allem bezüglich Jerome Boateng zum Schweigen verpflichten. Verpflichtungen für ihn sind nicht festgehalten, weshalb das Dokument rechtlich fraglich sein könnte. Geprüft werden müsste das jedoch vor Gericht. Das Gerichtsverfahren zu dem Fall wurde 2025 eingestellt, da Kasia Lenhardt nicht mehr als Zeugin aussagen konnte.
Eine e-Mail seiner Mutter in einem anderen Gerichtsverfahren hat sich auch auf seine Beziehung zu Kasia Lehnardt bezogen. Die Mutter schreibt darin unter anderem: „Seit Jahren misshandelt mein Sohn Frauen psychisch und physisch, jetzt hat sich Kasia Lenhardt das Leben genommen und er will immer noch nicht die Konsequenzen für sein Verhalten tragen“ und „Mir ist bekannt, dass mein Sohn ein gewalttätiges Verhalten hat“.
Diese Aussagen widerruft Boatengs Mutter dann jedoch, warum ist unklar. Freigesprochen wurde Boateng damit jedoch nicht. Zuschauer:innen der Doku sollen stattdessen wissen, dass die Geschichte zu seinem Leben gehöre und er daraus gelernt habe.
Keine Konsequenzen für Jerome Boateng
Was er konkret daraus gelernt hat, wird weder in der Doku ausgeführt, noch aus anderen Äußerungen Boatengs ersichtlich. Der verurteilte Gewalttäter Boateng hat daraus offenbar wenig gelernt. Die Gewalt an Frauen hat für ihn weder rechtlich besonders schwerwiegende Konsequenzen noch stellt es ein gesellschaftliches Tabu dar, das in ihm Gefühle von Scham oder Schuld verursache. Dies machte er im Nachgang deutlich.
Im April 2025 postete er einen Instagram-Beitrag mit dem Musiker Till Lindemann. Diesem wird vorgeworfen, ein ausbeuterisches System zur Rekrutierung von Frauen aufgebaut zu haben, die mit ihm Sex haben sollten. Er verneint dies. Auch Till Lindemann trägt bislang keine schweren gerichtlichen Konsequenzen. 2026 geht er auf Welttournee.
Boatengs Fußballkarriere litt nach eigenen Angaben während und nach der Gerichtsprozesse unter seiner Leistung, nicht unter der Verurteilung als Gewalttäter. Für seinen Verein Lyon war das Dilemma am Gerichtsverfahren, dass er wegen der Termine nicht beim Training sein konnte.
Jerome Boateng erzählt in der Doku, dass er künftig gerne Trainer werden möchte und deshalb bei seinem ehemaligen Club FC Bayern München hospitieren wolle. Diese Pläne stellt der Verein nun zurück. Proteste aus der Fankurve mit Transparenten wie „Keine Bühne für Täter – verpiss dich, Boateng“ sowie eine Petition einer Fanvereinigung gegen seine Hospitation dürften dazu beigetragen haben.
Bericht von Übergriffen im Breitensport: „Die Position als Trainer ausgenutzt“

