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Aufstände im Iran: Tausende Tote und Drohungen durch USA

Seit Ende letzten Jahres erschüttern Massenproteste den Iran. Aus wirtschaftlichen Forderungen ist ein landesweiter Aufstand geworden, der das Mullah-Regime erstmals seit 2022 ernsthaft herausfordert. Dieses antwortet mit brutaler Gewalt, Massenverhaftungen und einem fast vollständigen Internet-Shutdown – Trump kündigt derweil an, den Iran „in die Luft zu jagen“.

Die seit dem 28. Dezember 2025 anhaltenden Aufstände im Iran haben eine neue Phase des Widerstands eingeleitet. Ausgehend von wirtschaftlichen Forderungen haben sich die Demonstrationen zu einem der größten innenpolitischen Aufstände seit der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung 2022 entwickelt. Die iranische Führung reagiert mit einer beispiellosen Kombination aus innerer Repression und digitaler Abschottung, während sich die internationale Isolation des Landes vertieft.

Die aktuellen Proteste sind das Ergebnis einer sich über Jahre zuspitzenden, vielschichtigen Krise, insbesondere des Verfalls der iranischen Währung. Ein US-Dollar entspricht momentan rund 1,4 Millionen Rial. 2010 waren es noch 10.000 Rial. Diese wirtschaftliche Not trifft eine Bevölkerung, von der laut Expert:innenschätzungen bis zu 90 Prozent in Armut leben. Die Abwertung der iranischen Währung auf dem Schwarzmarkt hat sich auch nach den US-amerikanischen und israelischen Aggressionen im Juni 2025 verschärft.

Proteste wegen Inflation: Irans Regierung steckt in der Krise

Die Aufstände begannen mit protestierenden Händlern auf dem Teheraner Basar und weiteten sich innerhalb weniger Tage auf alle 31 Provinzen des Landes aus, einschließlich traditionell regimetreuer Gebiete und Bevölkerungsgruppen. Die Forderungen der Bevölkerung haben sich jedoch schnell radikalisiert: Neben wirtschaftlichen Klagen ertönen zunehmend politische Parolen, die das Ende der Islamischen Republik und den Sturz des Obersten Führers, Ayatollah Ali Chamenei, fordern.

Damit richtet sich die Bewegung auch mit ihren Parolen und Forderungen direkt gegen die iranische Regierung. Die iranische Regierung macht derweil „ausländische Kräfte“ für die Proteste verantwortlich und kündigte an, mit aller Härte gegen die Demonstrierenden vorzugehen.

Internet-Shutdown als Mittel der Repression und digitalen Isolation

Seit dem 8. Januar befindet sich das Land außerdem in einem nahezu vollständigen Internet-Shutdown, der Mobilfunk, internationale Verbindungen und selbst alternative Dienste wie Starlink weitgehend lahmlegt. 92 Millionen Menschen sollen vom Internet abgeschnitten sein.

Der Shutdown dient der Unterdrückung von Information und Mobilisierung, indem Bild- und Videomaterial blockiert und weitere Proteste erschwert werden. Zudem verschleiert er das Ausmaß der Gewalt, da laut internationalen Beobachtungen zufolge Todesfälle und Verhaftungen kaum unabhängig überprüft werden können. Gleichzeitig bereitet der Shutdown vermutlich den Übergang zu einem dauerhaft staatlich kontrollierten Netz vor, ähnlich dem chinesischen Modell, was zu massiver digitaler Isolation führen würde.

Tote in unbekanntem Ausmaß, tausende Verhaftungen

Die Reaktion der iranischen Behörden folgt einem bekannten Muster der Unterdrückung, wie man es bereits 2022 bei den Protesten rund um den Tod von Jîna Mahsa Amini beobachten konnte. Die Sicherheitskräfte gehen mit extremer Härte vor: So gibt es Berichte, dass sie mit scharfer Munition direkt auf Protestierende und unbeteiligte Zivilist:innen schießen und zudem die Todesstrafe angewendet werden soll.

Beispielhaft stehen dafür die Provinzen Lorestan und Ilam, wo es zu besonders vielen Todesfällen gekommen sein soll. Nachrichtenagenturen berichten von Tausenden Toten, wobei die genaue Opferzahl aufgrund der Informationsblockade schwer zu verifizieren ist.

Horrorbilder aus Teheran – Proteste im Iran gehen weiter

Die Zahl der Verhaftungen wird auf über 10.000 bis hin zu 24.000 geschätzt. Die Justiz droht Demonstrierenden mit Anklagen als „Feinde Gottes“ (Mohareb) – ein Vergehen, das mit der Todesstrafe geahndet werden kann. Diese Rhetorik zielt auch darauf ab, Angst zu verbreiten und potenzielle Demonstrierende abzuschrecken.

Besonders alarmierend sind Berichte, wonach Sicherheitskräfte gezielt Krankenhäuser umstellten, um verletzte Demonstranten von der medizinischen Versorgung abzuschneiden. Teils soll es sogar zu Angriffen auf medizinisches Personal gekommen sein.

Trump: „Das ganze Land wird in die Luft gejagt“

Die Ereignisse haben zu einer deutlichen Verschärfung der internationalen Lage geführt. Erst gestern wurde eine Sondersitzung des UN-Menschenrechtsrates zur Lage im Iran beschlossen. Diese soll am 23. Januar in Genf stattfinden. Das Weltwirtschaftsforum in Davos zog eine Einladung an den iranischen Außenminister Abbas Araghchi zurück, was als deutliches Zeichen an die iranische Regierung gewertet werden kann.

Zudem hat die Regierung der Vereinigten Staaten ihre Bereitschaft bekundet, militärisch zu intervenieren, sollte die Gewalt gegen Protestierende weiter eskalieren. Erst am Dienstag sagte Donald Trump in einem Interview mit News Nation: „Ich habe sehr klare Anweisungen hinterlassen. Passiert irgendetwas, werden sie sie von der Erdoberfläche tilgen.“ Als Reaktion darauf warnte Irans Außenminister Abbas Araghchi, Teheran werde im Falle eines weiteren Angriffs „mit allem zurückschlagen, was es hat“.

Monarchie, Theokratie oder nichts davon?

Der aus dem Exil agierende Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs, versucht, sich als nächster Führer des Irans zu inszenieren. Er repräsentiert dabei vor allem die Interessen der westlichen Mächte und wird dort zunehmend als alternative Figur in den Medien dargestellt. Pahlavi greift die Regierung im Iran heftig an und ruft aus dem Exil Demonstrierende dazu auf, „Stadtzentren zu besetzen“ und sich auf seine bevorstehende Rückkehr vorzubereiten. Erst gestern wurde das iranische Staatsfernsehen durch bisher Unbekannte gehackt, um eine Nachricht von Pahlavi an die Demonstrierenden abzuspielen.

Besonders in der iranischen Diaspora ist Pahlavi sehr beliebt: Auch in Deutschland sind viele iranische Demonstrationen von Monarchist:innen organisiert, die teilweise sogar eine militärische Einmischung der USA und Israel und harte Sanktionen gegen die iranische Regierung fordern. Doch die jüngsten US-amerikanischen Angriffe auf Venezuela oder die Angriffe auf den Iran im vergangenen Jahr verdeutlichen die katastrophalen Folgen imperialistischer Einmischung.

Der letzte Schah wurde 1979 durch die iranische Revolution gestürzt und ist vielen Iraner:innen wegen seiner brutalen Herrschaft im Gedächtnis geblieben. Auch deshalb ist es sehr fraglich, ob Pahlavi eine Verbesserung für das Land darstellen könnte. Zum aktuellen Zeitpunkt bleibt der Kampf der iranischen Bevölkerung um demokratische Reformen und Rechte jedoch ein brandaktueller.

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