Zeitung für Solidarität und Widerstand

Das Scheitern der Reformregierungen in Lateinamerika

In den 2000er Jahren übernahmen in Lateinamerika mehrere Regierungen mit sozialistischem Anspruch die Macht. Sie drängten den Einfluss der USA in der Region zurück und verbesserten die Lebensbedingungen der Bevölkerung. Auf den Aufbruch folgte der Niedergang. Welche Lehren können wir daraus ziehen? – Ein Kommentar von Thomas Stark.

In drückender Hitze warteten tausende Jugendliche aus aller Welt auf die Rede eines Präsidenten. Im August 2005 wurde Hugo Chávez vor allem von seinen venezolanischen Anhänger:innen wie ein Rockstar gefeiert, als er in Caracas die 16. Weltfestspiele eröffnete. Venezuela wurde damals weltweit von antiimperialistischen Kräften mit großem Interesse beobachtet:

Denn Chávez hatte ab 1999 eine „bolivarische Revolution“ ausgerufen (benannt nach dem Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar), eine neue Verfassung verabschieden lassen und umfangreiche Sozial- und Bildungsprogramme gestartet. Die Regierung drängte den Zugriff von US-Konzernen auf die Ölreserven des Landes zurück und nutzte diese stattdessen, um Fidel Castro in Kuba unter die Arme zu greifen. Dieser schickte im Gegenzug Ärzt:innen in die venezolanischen Barrios.

Chávez hatte 2005 bereits eine Wiederwahl, einen Militärputsch, einen von Unternehmer:innenn initiierten Generalstreik und eine versuchte Abwahl hinter sich und war immer noch im Amt. Nur wenige lateinamerikanische Regierungen, welche die USA herausgefordert hatten, waren so weit gekommen. In den nächsten Jahren kamen mit Evo Morales in Bolivien, Rafael Correa in Ecuador und in weiteren Ländern Regierungen an die Macht, die einen ähnlichen Kurs einschlugen und sich im regionalen Bündnis ALBA (Bolivarianische Allianz für Amerika) zusammenschlossen.

Mehr als zwanzig Jahre später ist von diesem Aufbruch nicht mehr viel übrig: Die „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS) von Evo Morales in Bolivien wurde 2025 abgewählt, nachdem er selbst schon 2019 weggeputscht worden war. Kuba befindet sich in einer schweren Krise. Venezuela liegt seit langem wirtschaftlich am Boden. Über acht Millionen Menschen haben seit 2017 das Land verlassen, das politische Bündnis hinter Chávez ist unter seinem Nachfolger Nicolás Maduro zerfallen. Inzwischen haben die USA Angriffe auf das venezolanische Festland geflogen und Maduro entführt.

USA greifen Venezuela an – Präsident Maduro von US-Militär entführt

Der Aufstieg und Niedergang dieser Regierungen hängt weniger an den handelnden Personen. Chávez’ früher Krebstod im März 2013 war zwar ein Schlag für die antiimperialistischen Kräfte in der Region, erklärt aber ebenso wenig die politische Entwicklung wie die persönliche Fehde zwischen Evo Morales und seinem Parteifreund und Nachfolger Luis Arce, die der Abwahl der MAS vorausging. Die Prozesse scheiterten vielmehr an ihrer reformistischen Begrenzung.

Volksaufstände und Reformen

Sowohl in Venezuela als auch in Bolivien waren dem Regierungsantritt linker Parteien jahrelange soziale Kämpfe vorausgegangen. In Venezuela hatte sich die Bevölkerung 1989 in einem Aufstand („Caracazo“) gegen eine vom Internationalen Währungsfonds (IWF) verordnete kapitalfreundliche Reformpolitik und die damit verbundenen sozialen Angriffe erhoben. In Bolivien stürzte die Bevölkerung in den Jahren 2003 und 2005 zwei Präsidenten, welche die Öl- und Gasvorkommen des Landes an die USA verscherbeln wollten.

Hugo Chávez und Evo Morales bildeten sich unter den verschiedenen Bedingungen ihrer Länder als die politischen Führer heraus, die große Teile der arbeitenden Bevölkerung hinter sich versammeln konnten. Beide strebten trotz sozialistischer Rhetorik keine Revolutionen im Sinne einer Zerschlagung ihrer Staaten und der konsequenten Entmachtung der herrschenden Klasse an, sondern die Umwandlung von Staat und Wirtschaft auf dem Weg von Reformen im Rahmen geordneter parlamentarischer Prozesse.

Eine neue Verfassung Boliviens zum Beispiel stärkte die Rechte indigener Bevölkerungsgruppen. Wirtschaftlich bestand die Politik in beiden Ländern darin, die Einnahmen aus teilweise verstaatlichten Öl- und Gasvorkommen in die Hebung des Lebensstandards der Bevölkerung zu stecken.

Bolivien: 200 Jahre Unabhängigkeit im Zeichen linker Machtkämpfe

Die Grenzen wirtschaftlicher Reformen

Diese Modelle funktionierten so lange, wie die Einnahmen aus dem Rohstoffverkauf sprudelten. Dies änderte sich in Venezuela 2012/13 mit dem Einbruch des Ölpreises auf dem Weltmarkt. Bereits Chávez hatte Teile der Öleinnahmen verpfändet, um Kredite aus Russland und China zu bedienen, bei denen die Regierung Konsumgüter und – im Falle Russlands – Waffen kaufte. Als die Öleinnahmen einbrachen, konnte sein Nachfolger Maduro Importe und Sozialprogramme nicht mehr bezahlen, was durch Korruption und massive US-Sanktionen verschärft wurde.

In Bolivien hatte die Regierung zwar in die Infrastruktur investiert und versucht, das Lithium des Landes zum Aufbau einer eigenen Batterieproduktion zu nutzen. Dabei wurde sie jedoch von ihren deutschen Kooperationspartnern hingehalten, das Projekt scheiterte. Ansonsten schaffte auch Evo Morales es nicht, die Abhängigkeit des Landes von Rohstoffexporten wirksam zu reduzieren: 2019 machten diese immer noch ein Drittel der Staatseinnahmen aus.

80 Prozent der Öl- und Gasförderung Boliviens wurden trotz einer Verstaatlichung im Jahr 2006 weiterhin von internationalen Konzernen kontrolliert. Das Militär blieb in Bolivien unangetastet und putschte 2019. In Venezuela blieb das Militär ebenfalls unangetastet, Chávez stellte aber Milizen aus der Bevölkerung als Gegengewicht auf.

Sozialismus geht nur konsequent

Eine wirkliche sozialistische Umwälzung muss mehr beinhalten als die Verteilung von Staatseinnahmen. Die Regierungen in Venezuela und Bolivien haben sich zentralen Fragen wie der Entwicklung einer breiten wirtschaftlichen Basis in ihren Ländern zwar genähert, konnten diese jedoch nicht lösen: Denn der Versuch, dies in Zusammenarbeit mit imperialistischen Ländern zu tun, war zum Scheitern verurteilt, was auch für Russland und China gilt.

Chinas Fünf-Jahresplan: Ausrichtung zur Weltmacht

Die Abhängigkeit eines Landes vom Imperialismus zu beseitigen, ist eine ungeheuer komplizierte Aufgabe und ohne weitreichende Verstaatlichungen, die Nutzung aller inneren Ressourcen und die dauerhafte Mobilisierung der arbeitenden Bevölkerung nicht zu bewerkstelligen. Dafür benötigt es aber einen Staat, der von der Aktivität weiter Bevölkerungsteile getragen ist und die alten Eliten hinauswirft. Dies wurde in keinem Land in Lateinamerika konsequent gemacht.

Bei den dortigen Aufständen gab es auch immer wieder revolutionäre Ansätze wie zum Beispiel spontan entstehende Rätestrukturen, die jedoch zugunsten des parlamentarischen Wegs nicht weiter verfolgt wurden. Die Erfahrungen, die in Venezuela, Bolivien und anderen Ländern gemacht wurden, sind nichtsdestotrotz für zukünftige antiimperialistische Kämpfe in jedem Fall von großem Wert.

Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 106 vom Januar 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

Thomas Stark
Thomas Stark
Perspektive-Autor seit 2017. Schreibt vorwiegend über ökonomische und geopolitische Fragen. Lebt und arbeitet in Köln.

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!