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Deutsche Importe von amerikanischem Erdgas nehmen zu

Deutschland importiert von Jahr zu Jahr mehr Erdgas aus den USA. Um eigenständiger zu werden, wird sich aber auch nach Alternativen umgesehen.

Der Beginn der russischen Invasion der Ukraine 2022 stellte die deutsche Wirtschaft vor eine essentielle Frage: würde man weiterhin Erdgas aus Russland durch Pipelines importieren, oder beschafft man den Rohstoff auf einem anderen Weg?

Fast vier Jahre später scheint es so, als sei die Wahl auf die zweite Option gefallen: Vor allem die Importe von verflüssigtem Erdgas (LNG) per Schiff aus den USA sind stark gestiegen. Im Jahr 2025 bezahlte Deutschland insgesamt 3,2 Milliarden Euro für US-Importe, während die Summe 2024 noch 1,9 Milliarden betrug. Damit kommen 96 Prozent der deutschen LNG-Importe aus Nordamerika. Laut Angaben der staatlichen Bundesnetzagentur sind die USA jedoch keineswegs der Hauptlieferant von Erdgas: Norwegen, die Niederlande und Belgien übertreffen die Amerikaner:innen in dieser Hinsicht.

Auf EU-Ebene steht das Verhältnis jedoch deutlich mehr zugunsten der Amerikaner. So hat sich die EU in einem Abkommen mit US-Präsident Trump darauf geeinigt, in den nächsten Jahren amerikanisches LNG im Wert von 750 Milliarden Euro zu kaufen. Berechnungen zufolge könnte dies im Maximalfall dazu führen, dass im Jahr 2030 40 Prozent aller Erdgasimporte der EU aus den USA kommen würden. Ob die Durchführung des Deals auch in er Praxis gelingt, bleibt eine andere Frage – doch der zunehmende Druck aus Washington gegenüber Brüssel ist unübersehbar.

Die aggressive Handelspolitk seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit löst auch in den Köpfen von deutschen Politiker:innen und Journalist:innen einen Wandel aus. Die transatlantische Erzählung einer gleichwertigen Partnerschaft von USA und Europa weicht einer Strategie, die zunehmend die Eigenständigkeit Europas fordert. So sehe man sich im Westen durch Trump, im Osten durch Putin bedroht – und müsse nun wirtschaftlich unabhängig werden. Dementsprechend versucht auch Europa, mit zunehmend aggressiven Methoden die eigene Versorgung mit Rohstoffen sicherzustellen.

Nationale Wirtschaftsinteressen kollidieren: Wem gehört das Erdgas des Mittelmeers?

Die Suche nach dem Erdgas

Ein Konfliktherd, in dem Erdgas im Mittelpunkt steht, ist das östliche Mittelmeer. Sowohl Griechenland als auch die Türkei reklamieren die Vorkommen unter dem Meeresboden für sich. Das führt regelmäßig zu Machtdemonstrationen der beiden NATO-Staaten gegeneinander. Mehrfach führten türkische Schiffe Probebohrungen in griechischen Hoheitsgewässern durch. Sie wurden dabei von Kriegsschiffen der türkischen Marine eskortiert. Währenddessen baut Griechenland seine LNG-Infrastruktur aus, die allerdings dem Import von amerikanischem Gas dienen soll.

Die EU bemühte sich außerdem um einen Ausbau der Handelsbeziehungen zu Katar. Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche besuchte im November 2025 den Kleinstaat am Persischen Golf, um dort Gespräche über den Erdgashandel zu führen. Die Katarer waren bislang jedoch nicht bereit, mit Deutschland ein längerfristiges Abkommen zu schließen. Dies liegt mutmaßlich an den, als wirtschaftsschädigend betrachteten, Umweltschutzrichtlinien der EU sowie einer Präferenz für LNG-Lieferungen an China.

Es scheint demnach so, als würde Europa bisher eher wenige Alternativen zum US-LNG haben. Zwar gibt es eine erhebliche einheimische Produktion an Erdgas, aber um den vollständigen Bedarf zu decken, kann momentan anscheinend nicht auf amerikanische Lieferungen verzichtet werden.

Zudem muss man diesen Handelskonflikt im Rahmen des längerfristigen Plans der USA sehen, die Europäer:innen im Austausch für das Militärbündnis NATO mehr zahlen zu lassen. Dies würde auch erklären, warum sich die EU auf eindeutig nachteilige Abkommen wie den 750-Milliarden-Deal einlässt. In der Kosten-Nutzen-Rechnung scheint diese Demütigung immer noch die bessere Wahl, als auf die Allianz des eigenen Imperialismus mit dem amerikanischen Gegenstück zu verzichten. Der transatlantische Pakt wird also wahrscheinlich vorerst bestehen bleiben.

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