Die Beitragszahlungen an die gesetzlichen Krankenkassen sollen im Jahr 2026 deutlich ansteigen. Und das trotz eines erst noch vor kurzem verabschiedeten Gesetzespakets, das Kosten eigentlich senken sollte. Dafür wird nun auch noch Geld für eine Fahrt in die Notaufnahme verlangt. – Ein Kommentar von Noah Böhne.
Mehrere große gesetzliche Krankenkassen, darunter die Techniker Krankenkasse (TK) und die DAK-Gesundheit, hatten bereits angekündigt, ihre Zusatzbeiträge zum 1. Januar 2026 zu erhöhen. Nach dem Jahreswechsel müssen sich Versicherte nun daran gewöhnen, deutlich mehr für ihre Gesundheitsversorgung abzudrücken: Die TK beispielsweise hebt ihren Zusatzbeitrag von 2,45 Prozent auf 2,69 Prozent an, die DAK von 2,8 Prozent auf 3,2 Prozent.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte noch im Herbst 2025 ein sogenanntes kleines Sparpaket vorgelegt, um steigenden Krankenkassenbeiträgen entgegenzuwirken. Ziel war es, den finanziellen Druck auf die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zu mindern und Beitragserhöhungen zu vermeiden. Zu den Maßnahmen zählten unter anderem die Begrenzung der Vergütungserhöhungen bei den Kliniken, die Deckelung der Verwaltungskosten der Krankenkassen sowie die Reduktion der Mittel für den Innovationsfonds.
Kassenbeiträge steigen weiter, Gesundheitswesen wird kaputt gespart
Auch die Regierung legte einen durchschnittlichen Zusatzbeitragssatz zur Orientierung für 2026 von rund 2,9 Prozent fest. Dieser sollte den Kassen als Richtwert dienen, wurde nun aber bereits zum ersten Tag des Jahres von der DAK überschritten. Versicherte müssen also trotz politischer Versprechen tiefer in die eigene Tasche greifen. Wie kam es dazu?
Kritik am Sparpaket
Die Krankenkassen selbst sahen das Paket bereits in seinen ersten Entwürfen als unzureichend an: die vorgesehenen Einsparungen würden laut Verbandsanalysen nicht die tatsächliche Finanzlücke decken, die sich unter anderem durch steigende Ausgaben im Gesundheitswesen ergäbe. Krankenkassen und Verbände warnten, dass ein Großteil der Kassen ihre Reserven auf gesetzlich geforderte Mindestwerte auffüllen müsse – ein weiterer Grund für Beitragserhöhungen.
Der GKV-Spitzenverband und Teile der Kassenmedizin forderten strukturelle Reformen, um das Lauffeuer immer weiter ansteigender Beiträge langfristig einzudämmen. Warken betonte im Gegenzug mehrfach, dass das Gesundheitsministerium nur begrenzt Einfluss auf die individuellen Zusatzbeiträge habe, und wies Kritik daran zurück, allein verantwortlich zu sein.
Rentenreform 2026: Die Rente nach Beitrittsjahren ist eine Farce für Frauen und Alte
Zahl oder stirb!
Die neuen Beitragserhöhungen reihen sich ein in eine ganze Kette an Versuchen, die Kosten und Mühen, die eine flächendeckende Gesundheitsversorgung mit sich bringt, an jeder möglichen Ecke einzusparen, beziehungsweise den Versicherten an den Hals zu hängen.
Nicht einmal vor einem ganzen Monat sorgte die Stadt Essen für einen Aufschrei, nachdem sie ankündigte, für Fahrten mit dem Rettungswagen zukünftig 267 Euro vom Patienten zu verlangen. Vorgeschobener Grund dafür war die Anzahl an „Fehlfahrten“, also Fahrten, die keine Behandlung nach sich ziehen.
Das gilt auch für Fahrten auf Verdacht, bei denen sich nach Einholen einer ärztlichen Meinung (man will doch hoffen!) die Symptome nicht als medizinischer Notfall herausstellen. Oder auch für Notfälle, die sich bis zum Eintreffen der Rettungskräfte durch kompetente Erste Hilfe oder einen gut eingesetzten Feuerlöscher bereits „geklärt“ haben.
Grund für die Entscheidung war ein länger anhaltender Konflikt zwischen Krankenkassen und Kommunen, die finanziell überlastet sind und verzweifelt nach Kosteneinsparungen Ausschau halten. Nach großem Protest – u.a. auch von Feuerwehr und sozialen Verbänden – zog die Stadt die Pläne letztendlich zurück.
Einige Kommunen kündigten jedoch bereits an, dass sie auf ähnliche Modelle zurückgreifen müssten, sollte eine Einigung zwischen Krankenkassen und Kommunen sich als unmöglich herausstellen – das erklärte unter anderem die Stadt Dortmund gegenüber Ruhr24.
„Viele stehen vor dem Ruin“ – Zahnärztekammer Berlin verzockt Milliarden an Rentenbeiträgen
Der Staat zahlt um’s Verrecken nicht
Wenn nun die gesetzlichen Vorgaben zu Mindestreserven der Krankenkassen mit den „Orientierungshilfen“ zu denjenigen Beiträgen, welche die Versicherten zahlen müssen, aufeinandertreffen, ziehen natürlich letztere den Kürzeren. Die entstehende Differenz wird nämlich durch die erhöhten Beiträge aus den Taschen von uns Arbeiter:innen bezahlt. Das ist den meisten Menschen bewusst, denn spätestens mit Beginn des neuen Jahres wird es jede:r im eigenen Geldbeutel zu spüren bekommen.
Dennoch ist es wichtig, diese neuen Regelungen rund um die Gesundheitsversorgung und ihre Auswirkungen auf alle, die darauf angewiesen sind, näher zu beleuchten: zum einen im Hinblick darauf, wie sie sich einordnen in den sogenannten „Herbst der Reformen“, und zum anderen mit Blick darauf, wofür der Staat es dann doch angemessen hält, sich – natürlich ebenfalls mit Geld aus unseren Taschen – in Unkosten zu stürzen.
Der Staat (und wir) zahlen zum Verrecken
Schließlich war von einer verantwortlichen Sparpolitik – selbst bei der ansonsten so sehr auf die schwarze Null fixierten CDU – nicht mehr die Rede, als der Bittsteller um Regierungsgelder nicht die Krankenkassen, sondern die Bundeswehr war. Weiter noch wurden vielen sozialen Programmen aktiv finanzielle Mittel entzogen, wie beispielsweise Frauenhäusern, Jugendclubs und Integrationsprojekten – die Liste könnte ewig weitergehen.
„Kriegstüchtiges“ Deutschland: Wie das Gesundheitswesen auf den Kriegsfall vorbereitet wird
Es ist sehr bezeichnend, dass das Geld für Aufrüstung immer vorhanden zu sein scheint, selbst wenn man dafür mal kurz das Grundgesetz umschreiben muss. Die Gesundheit all derer, die nicht jeden Arztbesuch und jede Behandlung aus der Portokasse zahlen können, hat hingegen bei weitem nicht dieselbe Priorität.

