Auf dem Weltwirtschaftsforum versammeln sich jedes Jahr tausende Teilnehmer:innen aus Politik und Wirtschaft. In diesem Jahr liegt der Fokus auf den Spannungen zwischen Europa und USA. Bereits am Sonntag kam es zu Protesten.
In dieser Woche findet vom 19. bis 23. Januar die 56. Ausgabe des Weltwirtschaftsforums (WEF) im kleinen Schweizer Skiort Davos statt. Unter dem Motto „A Spirit of Dialogue“ werden bis zu 3.000 Teilnehmer:innen aus über 130 Ländern erwartet. Darunter sind auch 65 Staats- und Regierungschefs, sechs der sieben G7-Regierungschefs, zahlreiche Politiker:innen, Wirtschaftsvertreter:innen oder Konzernchefs.
Das Treffen wird durch eine schweizerische Stiftung organisiert und bringt jährlich hochrangige Vertreter:innen aus Politik und Wirtschaft zusammen. Zwar gibt es öffentliche Reden oder Diskussionen von Spitzenpolitiker:innen und CEOs, jedoch wird die Veranstaltung besonders für „Hinterzimmerpolitik“ – wie das Handelsblatt es bezeichnet – benutzt. Einflussreiche Vertreter:innen aus Wirtschaft und Politik nutzen das Treffen also, um „Deals“ hinter verschlossenen Türen zu machen. Dafür ist der Ort prädestiniert, denn vor Ort herrschen schwere Sicherheitsvorkehrungen.
In diesem Jahr wird neben den Chefs von Weltbank, Welthandelsorganisation oder Tech-Giganten wie NVIDIA auch US-Präsident Donald Trump teilnehmen. Da auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, der französische Präsident Macron oder der ukrainische Präsident Selenskyj ihre Teilnahme angekündigt haben, spricht etwa die FAZ vom „spannendsten Weltwirtschaftsforum seit vielen Jahren“. Denn rund um die Verhandlungen über den Krieg in der Ukraine oder US-Zölle gegen europäische Staaten gibt es seit Monaten Streit zwischen den europäischen Regierungschefs und der US-Regierung.
Trumps Teilnahme sorgt für Brisanz
Die Teilnahme Donald Trumps hat aus mehreren Gründen eine hohe politische Brisanz. Der US-Präsident reist mit einer großen Delegation zum WEF an. Sie besteht unter anderem aus Außenminister Marco Rubio, Finanzminister Scott Bessent und Handelsminister Howard Lutnick. Auch Trumps Berater und Schwiegersohn Jared Kushner sowie Trumps Sondergesandter Steve Witkoff reisen in die Schweiz.
In den vergangenen Jahrzehnten stand das WEF eher weniger für die politischen Ziele der Trump-Regierung. Die Teilnehmer:innen in Davos setzten sich für einen globalen, liberalisierten Kapitalismus über Nationalstaatsgrenzen hinweg ein. (Handels-)Kriege zwischen den Großmächten oder gegenseitige Handelsbeschränkungen wie Strafzölle stehen dem eher entgegen. Das WEF bezeichnet die wachsenden „geoökonomischen Konfrontationen“ in seinem „Global Risks Report“ als größte Gefahr in 2026.
„Unsere Jahresversammlung findet vor dem komplexesten geopolitischen Hintergrund seit 1945 statt“, erklärte WEF-Chef Borge Brende. Neben ökonomischen und technologischen Themen dominieren seit jeher auch geopolitische Themen das Treffen. In diesem Jahr werden also höchstwahrscheinlich neben KI, die Auseinandersetzungen um die Ukraine, Grönland, Iran oder Venezuela das Forum bestimmen.
Neue Zölle gegen europäische Staaten
Präsident Trump will am Mittwoch seine Rede vor dem WEF halten. Sie gilt als Termin mit dem größten Überraschungspotenzial. Bei der Münchener Sicherheitskonferenz im Frühjahr 2025 hatte etwa Vizepräsident JD Vance in deren Anwesenheit stark gegen die Staatschefs der EU geschossen. Zwei Tage vor Beginn des WEF kündigte Trump Strafzölle gegen europäische Staaten Deutschland, Dänemark, Großbritannien, Norwegen, Schweden, Frankreich, Finnland und die Niederlande an. Grund sind laut Trump die Positionierung der Regierungen gegen die US-Pläne der Annexion von Grönland.
Ab Februar sollen die Länder zusätzlich 10 Prozent Zölle auf alle importierten US-Waren zahlen. Ab Juni soll sich dieser Betrag auf 25 Prozent erhöhen. Dieser Zoll sei fällig, bis „ein Vertrag über den vollständigen und totalen Erwerb Grönlands abgeschlossen wird“. Zuvor hatte Trump die Entsendung von NATO-Einsatzkräften durch europäische Staaten wie Deutschland stark kritisiert. Ob das WEF die Auseinandersetzungen um Grönland besänftigen kann oder ob das Forum die Lage noch weiter eskalierten lässt, bleibt abzuwarten.
Ukraine: Wiederaufbauabkommen für 800 Milliarden Dollar
Mit Verhandlungen über den Ukrainekrieg liegt ein weiteres geopolitisches Thema im Fokus des Weltwirtschaftsforums. Nach Berichten des Telegraph wollen die US- und ukrainische Regierung in Davos ein Wiederaufbauabkommen in Höhe von 800 Milliarden US-Dollar für die Ukraine unterzeichnen. Ende 2025 erklärte Präsident Selenskyj, das Abkommen werde für eine „wirtschaftliche Erholung, die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Rückkehr des Lebens in die Ukraine sorgen“.
US-Unternehmen sollen laut Abkommen etwa bevorzugten Zugang zu Bergbauprojekten in der Ukraine bekommen. Auch der weltgrößte Investmentkonzern BlackRock soll am Programm teilnehmen. Seit einem Jahr ist BlackRock-Chef Larry Fink Co-Präsident des WEF in Davos. Fink nutzte seine Kontakte und setzte sich dafür ein, Trump zum diesjährigen Weltwirtschaftsforum einzuladen.
Die Staats- und Regierungschef Europas erhoffen sich von den Ukraine-Verhandlungen in Davos einen Fortschritt bei den Verhandlungen über militärische Sicherheitsgarantien. In den Verhandlungen über ein Kriegsende ist die ukrainische Seite von ihrer Forderung des NATO-Beitritts der Ukraine mittlerweile abgewichen. Präsident Selenskyj fordert jedoch bilaterale Sicherheitsgarantien durch die USA und europäische Staaten. Der US-Sondergesandte Witkoff signalisierte kürzlich, das Sicherheitsabkommen sei kurz vor dem Abschluss.
Selenskyj in Berlin: Mehr Kompromisse der Ukraine für weitere Sicherheitsgarantien?
Blockade der Zufahrtsstraße nach Davos
Linke und revolutionäre Gruppen in der Schweiz demonstrieren auch dieses Jahr wieder gegen das WEF. 600 Demonstrierende wanderten einen Tag vor Beginn des WEF unter dem Motto „Kein Profit mit Krieg“ nach Davos. Für eine Stunde blockierten sie eine Zufahrtsstraße nach Davos. Am Tag zuvor hatten in Bern bereits mehrere hundert Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz demonstriert.
Der Revolutionäre Aufbau Schweiz hat unter dem Motto „Krieg dem Krieg“ zu einem Winterquartier und zwei Demonstration in Basel und Zürich gegen das Forum aufgerufen. Die Organisation bezeichnet das WEF als Produkt des Neoliberalismus und des globalen ausbeuterischen Kapitalismus.
World Economic Forum: Vielfältiger Protest gegen Elitentreffen in Davos
Die Organisation sieht, wie sich im WEF die Entwicklung des globalen Kapitalismus hin zu einer „multipolaren“ Welt widerspiegelt. Die neuen weltpolitischen Machtzentren versuchen sich mit Kriegen oder Protektionismus, wie etwa Zöllen, zu behaupten. Die Arbeiter:innenklasse trage dann durch Kriege und Krisen die Nachteile der Kämpfe um politische und ökonomische Vorherrschaft.

