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„Höhepunkt einer Eskalations- und Provokationsspirale“ – Polizeigewalt gegen Fußballfans

Durch einen gewaltvollen Polizeieinsatz beim Spiel der 2. Bundesliga wurden am Samstag über 50 Personen verletzt. Schon in den Wochen davor spitzte sich die Lage zu. Auch nach der IMK häufen sich Vorfälle von Eskalation und Gewalteinsatz durch die Polizei.

Seit mehreren Monaten häufen sich die Berichte über intensivierte Polizeimaßnahmen gegen Fußballfans. Anfang Dezember 2025 beschloss die bundesdeutsche Innenministerkonferenz (IMK) neue Maßnahmen für deutsche Fußballstadien. Zwar wurden nach wochenlangen Protesten einige Vorhaben zurückgenommen, jedoch blieb ein Katalog an Verschärfungen.

Viele Fans reagierten erleichtert darüber, dass zumindest flächendeckende Gesichtserkennung oder verpflichtende personalisierte Tickets vorerst nicht eingeführt werden. Doch schon wenige Wochen danach kam es zum Eklat beim Bundesliga-Derby zwischen Leverkusen und Köln. Während des Einlasses der Kölner Auswärtsfans kam es nach Angaben der Kölner Fanhilfe zu Nacktkontrollen. Die organisierten Fanszenen beider Teams boykottieren deswegen aus Protest das Spiel. Die Polizei dementierte die Anwendung von Nacktkontrollen.

Fauler Kompromiss: IMK beschließt neue Maßnahmen gegen Fußballfans

„Massive Polizeigewalt gegen die Ostkurve“

An vergangenen Samstag kam es erneut zu Anfeindungen und Angriffen durch die Polizei bei einem Spiel in den deutschen Top-Ligen: Im Berliner Olympiastadion trafen zum Topspiel der 2. Bundesliga Hertha BSC und Schalke 04 aufeinander. Über den Auslöser und den exakten Hergang der Vorkommnisse gibt es verschiedene, teils widersprüchliche Angaben. Zuerst berichtete die Fanhilfe von Hertha BSC über die Geschehnisse im Stadion.

Sie schreibt in einem ersten Statement von „massiver Polizeigewalt gegen die Ostkurve“. Die Ostkurve ist der Bereich, in dem die meisten Mitglieder der organisierten Fanclubs oder auch „Ultras“ das Spiel verfolgen. Demnach hielten sich mehrere Hundertschaften der Polizei nicht an Absprachen mit dem Verein und befanden sich in Bereichen innerhalb des Stadions.

In einem Interview mit dem RBB erklärte der Vorsänger der Herthaner Ultras unter anderem, die Einsatzkräfte hätten den Fans zugerufen, sie hätten „heute Lust auf eine Auseinandersetzung“. Hinter dem Einlass zum Stadion kam es dann laut Fanhilfe zu Festnahmen, anlassloser massiver Gewalt, Einsatz von Pfefferspray und Knochenbrüchen. Über 50 Personen mussten ärztlich versorgt werden, darunter auch einige Polizist:innen. Die Fanvertretung geht von weitaus mehr Verletzungen durch den Einsatz von Pfefferspray aus.

Auch die Schalker Fanhilfe spricht in einem Statement von „auffällig aggressivem Verhalten“ der Berliner Polizei. Demnach stürmte eine Polizeieinheit bei der Abreise auf eine Gruppe friedlicher Fans und drängte sie eine Treppe hinunter. Nur knapp wurde eine gefährliche Situation unmittelbar neben den Bahngleisen verhindert. Die Fans des FC Schalke 04 hatten aus Solidarität während großen Strecken des Spiels ebenfalls den Support eingestellt.

Gegenteilige Angaben der Polizei

Die Berliner Polizei verbreitet gleichzeitig eine komplett gegenteilige Version der Ereignisse. Demnach sollen Fangruppen die Einsatzkräfte gewalttätig angegriffen haben. Berliner Fans sollen Flaschen und Absperrgitter geworfen und „Schlagwerkzeuge“ angewendet haben. Pfefferspray wurde angeblich zum Schutz der Beamt:innen und Unbeteiligter eingesetzt.

Die Fanhilfe wiederum erklärte, dass unbeteiligte Personen auch durch Pfefferspray verletzt worden seien. Auch die Behauptung der Polizei, im Heimbereich sei ein Auswärtsfan von Schalke verletzt worden, verneinen beide Fanlager. Insgesamt spricht die Polizei von fünf Festnahmen.

Hausdurchsuchung wegen Graffiti

Für die Berliner Fans ist die Eskalation kein ungewöhnliches Ereignis. Nach Angaben der Fanhilfe kam es bereits wenige Tage vor dem Spiel zu polizeilichen Repressalien. Wegen der Anschuldigung bezüglich von Graffiti an zwei Zügen und einem vermeintlichen Sachschaden von rund 1.000 Euro kam es zu „rechtswidrigen und menschenunwürdigen“ Hausdurchsuchungen bei teils minderjährigen Fans.

Die Fanhilfe erklärt, dass in der Mehrheit der Fälle der Durchsuchungsbeschluss den Betroffenen erst nach Eintritt in die Wohnung und nach Drängen der Personen gezeigt wurde. Zudem wurde mutmaßlich das Angebot zum freiwilligen Mitwirken der Betroffenen ignoriert. Elternteile mussten sich mit erhobenen Händen an die Wand stellen und wurden körperlich angegangen oder das Ankleiden von Personen wurde erst nach mehrmaligem Bitten erlaubt.

Einige der Polizeibeamten waren etwa auch während der gesamten Maßnahme vermummt und mit Maschinengewehren bewaffnet. Auch soll Fans der Zugang zu anwaltlicher Hilfe verwehrt oder erschwert worden sein. Die Fanhilfe ordnet die Maßnahme als „pure Provokation und Eskalation“ ein.

Polizei tritt „zunehmend konfrontativ“ auf

Beide Fälle sind für die Fanhilfe von Hertha BSC ein „Höhepunkt einer Eskalations- und Provokationsspirale“ durch die Polizei. Denn schon in den vergangenen Heimspielen kam es zu einer zunehmenden provokativen und aggressiven Stimmung, angeheizt durch die Polizei. Auch die Geschäftsführung und das Präsidium von Hertha BSC geben an, dass die Polizei in den letzten Monaten „zunehmend konfrontativ und nicht mehr durchgängig deeskalierend“ aufgetreten sei.

Köln gegen Leverkusen: Nacktkontrollen bei Rhein-Derby

Beim Pokalspiel Anfang Dezember kam es zu einem Streit zwischen dem Vereinspräsidenten der Berliner und dem Einsatzleiter der Polizei, berichtet der Sprecher der Herthaner Fanhilfe. Demnach übermittelte der Einsatzleiter sinngemäß: „Es ist mir egal, was ihr hier macht, wir tun hier, was wir wollen”.

Scheinheilige Gesprächsangebote und ergebnislose Treffen

Auch die Berliner Innensenatorin Iris Spranger (SPD) trug in diesem Moment nicht zur Entspannung der Lage bei. So wurden durch Polizei und Politik bisher sämtliche Angebote zum Dialog ausgeschlagen. Die Fanvertretung fordert jetzt eine Aufarbeitung des Vorfalls und ein Ende von Polizeimaßnahmen gegen Fans, denn das einzige Sicherheitsproblem im Stadion seien die Einsätze der Polizei. Vor der IMK im Dezember sagte Spranger den Berliner Fanszenen von Hertha und Union einen Dialog zu. Kurz nach der IMK sagte sie das Treffen jedoch wieder ab.

Die Ultragruppe „Harlekins“ sieht darin eine Verstetigung des Problems, dass Fußballfans durch die Politik nicht ernst genommen werden und über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Die Fanhilfe erklärte, Spranger sei mit ihrer Verweigerung eines Dialogs „verantwortlich für jede verletzte Person“ am Samstagabend.

Am gestrigen Mittwoch kam es dann zu einem ersten Treffen zwischen der Berliner Innensenatorin, Herthas Geschäftsführer Peter Görlich und Vertreter:innen der Polizei. Vertreter:innen der Fanhilfen waren nicht Teil des Treffens. Spranger schilderte Medien gegenüber von einem „sehr guten, konstruktiven Gespräch“. Jedoch stellte sie sich auf die Seite der Polizei und erklärte es gäbe „in Berlin keine rechtsfreien Räume“ und „Gewalt gegen Einsatzkräfte werde ich nicht hinnehmen.“

Auch die Vereinsvertreter:innen von Hertha BSC bewerteten das Treffen positiv. Demnach „ziehen alle Beteiligten ein positives Fazit“ über einen „offenen und konstruktiven Dialog.“ Zu einem Ergebnis für das Vorgehen bei dem kommenden Heimspielen kamen die drei Seiten jedoch noch nicht. Es sollen weitere Gespräche folgen.

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