Aufnahmen aus der Gerichtsmedizin in Teheran zeigen zahlreiche Leichensäcke von während der Proteste getöteten Demonstrant:innen. Seit Ende Dezember geht das Regime mit Schießbefehlen, Internet-Sperren und tausenden Festnahmen gegen die Aufstände vor. US-Präsident Trump droht weiter mit militärischem Eingreifen und spricht von Verhandlungen. – Ein Kommentar von Sohrab Mobasheri.
Schockierende Bilder vom großen Gebäudekomplex der Gerichtsmedizin in Teheran: Leichensäcke überall – auf dem Boden im Freien, in den Hallen, in einem LKW für Kühltransporte. Zahlreiche Menschen, die entweder ihre Angehörigen suchen oder bereits identifiziert haben und um sie trauern. Ein Monitor, der offenbar 250 Fotografien der Gesichter der Toten rotierend zeigt, damit die Gesichter den Nummern und damit den nummerierten Leichensäcken zugeordnet werden können.
Die Echtheit des sechs Minuten langen, offenbar mit einem Mobiltelefon aufgenommenen und in sozialen Medien zirkulierenden Videos steht fest. Denn die Szene ist aus der Perspektive einer anderen Kamera auch zu sehen – im staatlichen iranischen Fernsehen.
Wer die Toten sind, ist auch unumstritten: Sie sind während der Demonstrationen zwischen dem 8. und dem 10. Januar in der iranischen Hauptstadt getötet worden. Die Behörden im Iran behaupten, viele Menschen seien Opfer der Agenten von Fremdmächten. Die den Sicherheitskräften nahestehende Presseagentur Tasnim gab am 11. Januar an, über 100 Angehörige der Polizei und des Militärs seien während der Proteste seit dem 28. Dezember 2025 getötet worden.
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Unabhängig davon ob diese Behauptung stimmt, wissen sowohl die Herrschenden als auch die Protestierenden, dass die Zahl der Toten unter den Demonstrant:innen ein Vielfaches der Opferzahl auf Seiten des Unterdrückungsapparats sein muss.
Dass das Staatsfernsehen die Aufnahmen aus dem Gelände der Gerichtsmedizin gezeigt hat, dient hauptsächlich dem Zweck der Einschüchterung. Die damit zu erzielende Abschreckung kommt verpackt als Anklage gegen dubiose Mörder aus den Reihen der Demonstrant:innen selbst daher. Doch diese Anklage nimmt niemand ernst. Die Kernbotschaft ist: Schaut her, wir schrecken vor nichts zurück, wenn es um den Erhalt unserer Macht geht.
Wie sich die Ereignisse im Iran überschlugen
Einige Stunden nach der Veröffentlichung der Bilder aus der Teheraner Gerichtsmedizin äußerte sich US-Präsident Donald Trump zu den Ereignissen im Iran. Er wiederholte seine Androhung militärischer Einmischung im Iran, fügte jedoch hinzu, dass die iranische Führung Verhandlungen vorgeschlagen habe. Laut Trump ist ein Treffen der Vertreter der USA und des Iran in Vorbereitung. Gleichwohl fügte er hinzu, dass die US-Regierung möglicherweise noch vor den Gesprächen „handeln muss“.
Seit dem Beginn der Proteste im Iran am 28. Dezember überschlagen sich die Ereignisse im Land. Während in den ersten Tagen in den Demonstrationen hauptsächlich wirtschaftliche Forderungen artikuliert wurden, wurde nach wenigen Tagen von zahlreichen iranischen Städten berichtet, dass tausende Menschen ein Ende des seit 1979 herrschenden Systems der Islamischen Republik forderten.
Je lauter Rufe nach einem Systemsturz wurden, desto mehr wich die anfängliche – für iranische Verhältnisse eher ungewöhnliche – relative Zurückhaltung der Sicherheitskräfte einer gewaltsamen Unterdrückung der Demonstrationen. Bereits am 5. Januar, eine gute Woche nach den ersten Protesten, berichtete die Organisation Human Rights Activists News Agency (HRANA) von mindestens 19 Toten.
Vom 8. Januar an stieg die Zahl der Opfer drastisch an. Für diesen Tag hatte ein Bündnis aus kurdischen Parteien und Organisationen zu einem Streik aufgerufen. Als mit Blick auf Erfahrungen aus monatelangen Protesten in 2022 feststand, dass der Streikaufruf insbesondere in den westlichen Regionen mit mehrheitlich kurdischer Bevölkerung weitgehend befolgt werden würde, forderte der in den USA lebende ehemalige Kronprinz Reza Pahlavi seine Anhänger auf, ebenfalls ab dem 8. Januar zu demonstrieren.
Die Reaktion des über dem Präsidenten und allen anderen Amtsträgern stehenden Führers der Islamischen Republik, Ali Khamenei, ließ nicht lange auf sich warten. Anders als in seiner ersten Rede nach dem Beginn der Proteste unterschied er in einer Rede am 9. Januar nicht mehr zwischen berechtigtem Protest und von ihm als verwerflich bezeichneten „Krawallen“. Am 9. Januar sprach er nur noch von Unruhen, die angeblich von Fremdmächten, insbesondere den USA, angestiftet würden.
Internet-Sperre und Schießbefehl
Die am 9. Januar gehaltene Rede von Khamenei war auch als Reaktion auf die Äußerungen des US-Präsidenten Donald Trump zu verstehen. Dieser hatte in den ersten Tagen des neuen Jahres wiederholt der Islamischen Republik Iran mit Militärschlägen gedroht, sollten friedliche Protestierende von iranischen Sicherheitskräften erschossen werden.
Mit dem verbalen Schlagabtausch der beiden Führer ging eine eskalierende Gewalt in mehreren iranischen Städten einher. Der islamische Staat bereitete die blutige Unterdrückung der Proteste mit einer am Nachmittag des 8. Januar verhängten totalen Internet-Sperre vor und erteilte gleichzeitig offenbar den Schießbefehl.
Binnen drei Tagen, bis zum 11. Januar, stiegen die aus dem Land berichteten Opferzahlen auf eine dreistellige Zahl von Toten. Die vom US-amerikanischen National Endowment for Democracy (NED) mitfinanzierte HRANA mit Sitz in den USA gab am 11. Januar die Zahl der zwischen dem 28. Dezember 2025 und dem 11. Januar 2026 getöteten Protestierenden mit mindestens 490 an. Laut HRANA seien im selben Zeitraum 48 Angehörige der Sicherheitskräfte ums Leben gekommen.
Was über die Proteste bekannt ist
Die iranische Regierung schnitt das Land am Abend des 8. Januar vom weltweiten Internet ab. War die objektive Berichterstattung über die Proteste in den iranischen Städten in den ersten elf Tagen mangels unabhängiger Beobachter:innen vor Ort schwierig genug, wurde sie mit der digitalen Isolation des Landes unmöglich. Trotz der Cyber-Blockade ergibt jedoch eine Gegenüberstellung der Berichte der wenigen außerhalb des Landes erreichbaren staatlichen Medien mit übereinstimmenden, sporadisch ins Ausland gelangten Berichten von Augenzeugen das folgende Bild:
Hunderte Demonstrierende sind seit dem 28. Dezember von den iranischen Sicherheitskräften getötet worden. Mit dem vom iranischen Außenminister Abbas Araghchi am 12. Januar angekündigten Ende der Cyber-Isolation des Landes werden weitere Berichte ins Ausland gelangen. Mit Sicherheit wird dann die Zahl der Toten nach oben korrigiert. Es ist zu befürchten, dass eine vierstellige Anzahl von Menschen ums Leben gekommen ist.
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Es kam seit dem Beginn der Proteste zu tausenden Festnahmen. Die Anzahl der Verhaftungen im Iran wird von HRANA mit 10.600 angegeben.
An über 100 Orten im Land in allen 31 iranischen Provinzen scheint es zu Protesten gekommen zu sein, wie übereinstimmende Berichte sowohl der staatlichen Medien als auch der Opposition nahelegen.
Die Behauptung einiger Exiliraner:innen über die angebliche Teilnahme von Millionen Menschen an den Protesten ist nicht verifizierbar. In mehreren höchstwahrscheinlich authentischen Filmen sind tausende demonstrierende Menschen zu sehen.
„Tod dem Diktator“ ist der am meisten zu hörende Ruf in vielen authentisch scheinenden Aufnahmen der mobile Geräte der Protestierenden. Neben Parolen gegen die Islamische Republik ist in einer Reihe von Aufnahmen zu hören, wie sich einige Menschen für die Rückkehr des ehemaligen Kronprinzen Reza Pahlavi aussprechen. Gleichwohl wurden viele Fälle belegt, in denen solche Stimmen nachträglich den Aufnahmen hinzugefügt worden sind.
Unabhängig von diesen Manipulationen steht fest, dass die im Iran mitdemonstrierenden Monarchist:innen von ihren Führern im Ausland aufgefordert wurden, sich offen zu Reza Pahlavi zu bekennen. Diese Positionierung ohne Rücksicht auf andere Protestierende wird von persischsprachigen, westlich finanzierten Medien zum Anlass genommen, den Sohn des 1979 geflohenen Monarchen zum Führer der Protestbewegung zu erklären.
Obwohl der Streikaufruf für den 8. Januar in den kurdischen Provinzen weitgehend befolgt wurde, standen diese Provinzen anders als in 2022 nicht im Mittelpunkt der Demonstrationen seit Ende Dezember 2025. Von den im Iran aktiven Gewerkschaften und anderen die Zivilgesellschaft vertretenden Gruppen im Land sind abgesehen von einer anfänglichen Betonung der Legitimität der Proteste keine weiteren Stellungnahmen bekannt.
Regionale Eskalation oder Deal zulasten der Protestierenden?
Die erste Reaktion von Donald Trump auf die Proteste im Iran kam am 2. Januar, fünf Tage nach den ersten Demonstrationen in der iranischen Hauptstadt Teheran. Wörtlich schrieb Trump: „Wenn der Iran auf friedliche Protestierende schießt und sie tötet, was seine Gewohnheit ist, werden die Vereinigten Staaten für ihre Rettung einschreiten. Wir stehen geladen und gesichert bereit.“
Nicht überraschend bezeichnete die iranische Regierung die Drohung Trumps als Einmischung in innere Angelegenheiten des Iran. Die Reaktion der iranischen Protestierenden und der aus dem Exil operierenden iranischen Opposition auf die Ankündigung des US-Präsidenten fiel unterschiedlich aus. Während rechtsgerichtete und insbesondere monarchistische Kräfte die später auch mündlich wiederholte Drohung Trumps begrüßten, verurteilten vor allem linke und einige bürgerlich-liberale Republikaner das Ansinnen von Donald Trump, aus den Protesten im Iran einen erneuten militärischen Konflikt zwischen den beiden Staaten zu machen.
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Unbeeindruckt von den Warnungen vor den Folgen einer militärischen Einmischung der USA forderte Reza Pahlavi in einem am 11. Januar ausgestrahlten Interview mit dem US-Fernsehsender Fox News Trump auf, seiner Ankündigung der militärischen Einmischung Taten folgen zu lassen.
Am selben Tag erschien ein Brief von sieben Exiliraner:innen an Trump, in dem der US-Präsident zum „Handeln gegen das Unterdrückungssystem“ im Iran aufgefordert wird. Unterzeichnet wurde der Brief von bekannten Monarchist:innen sowie von zwei weiteren Personen: Abdollah Mohtadi, dem Führer einer von mehreren Fraktionen der kurdischen Komala-Partei, und Shirin Ebadi, der im Exil lebenden Friedensnobelpreisträgerin von 2003.
Am selben Tag, dem 11. Januar, nutzte der iranische Parlamentspräsident Mohammad-Bagher Ghalibaf eine Sitzung des Parlaments in Teheran für die Ankündigung, dass im Falle eines militärischen Konflikts sowohl Israel als auch die US-Militärstützpunkte in den Nachbarländern des Iran als mögliche Ziele iranischer Angriffe gelten.
Somit sind Stand 12. Januar sowohl ein Militärschlag der USA gegen den Iran als auch ein Deal zwischen den beiden Regierungen zulasten der im Iran demonstrierenden Menschen denkbar. Es ist sogar denkbar, dass beides passiert.
Warnung vor einer bewaffneten Rebellion
Wenige Tage nach der ersten Androhung der militärischen Einmischung durch Donald Trump erhielt die linke iranische Opposition eine Warnung aus dem Nachbarland Irak. Irakische Kommunist:innen erinnert ihre Gleichgesinnten im Iran, zu denen sie seit Jahrzehnten Kontakte pflegen, an die Ereignisse im Jahr 1991.
Damals hatte die US-Regierung nach der Vertreibung der irakischen Armee aus Kuwait die irakische Opposition zum Aufstand ermutigt. Dazu kam es auch. Einige irakische Provinzen wurden zeitweilig von Oppositionellen kontrolliert. Anschließend ließ jedoch die US-Regierung von George Bush dem Älteren zu, dass das Militär des irakischen Präsidenten Saddam Hussein den Aufstand blutig niederwarf.
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Über drei Jahrzehnte nach dieser bitteren Erfahrung war die Botschaft aus dem Irak an die Adresse der iranischen Linke unmissverständlich: Lasst euch von den USA nicht instrumentalisieren. Washington wird euch letztlich im Stich lassen.
Wie berechtigt diese Warnung ist, zeigt die mit den Trump-Äußerungen am 11. Januar offensichtlich gewordene Doppeltaktik der US-Regierung: Androhung eines Militärschlags, gepaart mit Verhandlungen. Dass Trump zu solchen Manövern neigt, wurde spätestens mit seiner Haltung im Falle von Venezuela deutlich. Washington sieht zwischen der militärischen Einmischung in einem Land und Verhandlungen mit den durch die Militärintervention geschwächten Herrschenden keinen Widerspruch.
Die Haltung eines Teils der iranischen Linke wurde in der Erklärung der Hekmatist-Partei – benannt nach einem verstorbenen Kommunisten – formuliert. In dieser Erklärung vom 8. Januar wird insbesondere vor der Gefolgschaft von Reza Pahlavi gewarnt. Nach Ansicht der Verfasser:innen der Erklärung würde eine verfrühte bewaffnete Rebellion der Bevölkerung dieser einen ungleichen Kampf gegen die bis an die Zähne bewaffneten Sicherheitskräfte aufzwingen. Die Autor:innen der Erklärung werfen Reza Pahlavi vor, er habe seine Anhängerschaft angewiesen, mit monarchistischen Parolen die Proteste für sich zu vereinnahmen und in den Demonstrationen Andersdenkende zu attackieren.
In der Tat sprechen Exilmonarchist:innen offen von der Existenz der sogenannten „Ewigen Garde“, die im Iran aktiv sei. „Ewige Garde“ war die Bezeichnung einer militärischen Eliteeinheit, die als letztes Aufgebot des Schah-Regimes bis zu dessen Sturz am 11. Februar 1979 die Revolution gegen die Monarchie gewaltsam zu unterdrücken versuchte.
Die Pro-Pahlavi-Gruppen behaupten, in den letzten Monaten im Iran aufständische Gruppen unter der Bezeichnung „Ewige Garde“ gebildet zu haben. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen ist auffällig, dass in einigen Protesten eine Minderheit lauthals mit immer denselben Parolen die Monarchie hochleben lässt.
Dass Reza Pahlavi und seine Gefolgschaft im Alleingang die Proteste zu einem Umsturz ausbauen wollten, wird von ihnen nicht bestritten. Pahlavi selbst forderte noch am 10. Januar seine Anhänger:innen im Iran auf, sich nicht mehr mit der Präsenz auf den Straßen zu begnügen. Vielmehr sei es an der Zeit, die Zentren der Städte zu besetzen und die Macht zu ergreifen. Er kündigte seine baldige Rückkehr in den Iran an. Er wird jedoch nicht damit rechnen können, dass Trump darüber mit der Islamischen Republik verhandelt.

