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Iran: Mindestens 19 Tote bei anhaltenden Aufständen

Über ein dutzend Tote und mehrere hundert Festnahmen waren die Antwort der iranischen Regierung auf die kürzlich ausgebrochenen Aufstände im Land. Ursache der Proteste ist der weitere Einbruch der Währung. Israel und die USA drohen derweil mit militärischen Schlägen.

Seit Jahrzehnten unterliegt die iranische Währung Rial unterschiedlich großen Schwankungen. Der „12-Tages-Krieg“ mit Israel im vergangenen Juni erschütterte die Wirtschaft im westasiatischen Land jedoch in einem Ausmaß, das bislang nicht wieder ausgeglichen werden konnte. Auch die Rückkehr der UN-Sanktionen aufgrund des iranischen Atomprogramms verstärkten die negative Tendenz in der Entwicklung der Wirtschaft.

Ein US-Dollar entspricht momentan rund 1,4 Millionen Rial. 2010 lag der Wechselkurs noch bei 10.000 Rial. Das zeigt auf, wie drastisch die Inflation ist. Die Löhne der Arbeiter:innen steigen nämlich logischerweise nicht im selben Maß wie die Preise. Am 28. Dezember begannen dann immer größer werdende Proteste.

Zuerst begannen Händler:innen in der Hauptstadt Teheran zu protestieren. Sie wussten nicht mehr, mit welchen Preisen sie ihre Produkte ver- und anschließend wieder einkaufen können, da die Schwankungen der Währung nicht kalkulierbar sind. Studierende schlossen sich an und nach kurzer Zeit waren landesweit Proteste zu verzeichnen. An über 170 Orten in insgesamt 25 von 31 Provinzen gingen Menschen auf die Straße.

Proteste wegen Inflation: Irans Regierung steckt in der Krise

Festnahmen, Tote und Interneteinschränkungen

Seit der Ermordung von Jina Amini gab es keine so weitreichenden Proteste mehr im Iran. Die damals 22-jährigen Frau wurde im Jahr 2022 durch die Sittenpolizei getötet – weil sie ihr Hijab falsch getragen haben soll. Damals wie heute lässt der iranische Staat mit Repression nicht lange warten.

Die iranische Polizei ging unter anderem mit scharfer Munition vor. Bereits in den ersten Tagen der Proteste wurden Demonstranten getötet. Laut der Human Rights Activists News Agency (HRANA) wurden bis Sonntag mindestens 19 Menschen getötet. Zudem sind mindestens 990 Festnahmen dokumentiert worden. Alleine am Freitag wurden in Kuhgiluyeh und Boyer-Ahmad 81 Jugendliche und 200 weitere Demonstrierende festgenommen und ins Gefängnis überstellt.

Den Mord an Protestierenden rechtfertigte die iranischen Führung damit, dass es sich um Feinde der Regierung handle. Sie sollen von Feinden im Ausland zur Destabilisierung des Regimes eingeschleust worden sein oder Verbindungen zu terroristischen Vereinigungen haben. In anderen Fällen sollen die Tötungen durch „Feinde“ verübt worden sein, um die iranischen Behörden in ein schlechtes Licht zu rücken. Vermeintliche Führer der Aufstände sollen zudem laut offiziellen Sprechern verhaftet worden sein. Ihre Namen sind bislang unbekannt.

Hochrangige Politiker wie der als „Reformer“ bezeichnete Präsident Pezeshkian und sogar das Staatsoberhaupt des Irans Ayatollah Ali Khamenei erklärten zwar, die Anliegen der protestierenden Händler:innen seien legitim. Die Aufstände seien jedoch „nicht akzeptierbar“. Zudem seien ausländische Mächte Schuld an der wirtschaftlichen Krise und würden die Proteste für ihre Zwecke nutzen. „Man muss die Handlungen des Feindes erkennen; der Feind sitzt nicht untätig da und nutzt jede Gelegenheit. Hier sah er eine Gelegenheit und wollte sie ausnutzen“, erklärte er.

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Mit gleichen Argumenten begründen sie auch die Einschränkung des Internets im Inland. Der Internetverkehr war am 1. Januar rund 35 Prozent niedriger als an vorherigen Tagen. Die Regierung erklärte, die Einschränkungen sei zustande gekommen, da man sich gegen Cyber-Angriffen gewehrt habe.

Solche Maßnahmen sind bereits aus vorherigen Protestwellen wie im Jahr 2022 oder im Zuge des Krieges mit Israel und den USA im Sommer 2025 bekannt. Besonders während Aufständen sollen die Verbreitung von Informationen über Demonstrationen und Angriffe des Staats im Inland und andererseits deren Enthüllung vor der Weltöffentlichkeit verhindert werden.

Israel und USA versuchen Profit zu schlagen

Der Vorwurf des Einmischung ausländischer Mächte kommt jedoch nicht grundlos. Nachdem die USA im Sommer bereits nukleare Anlagen des Iran bombardierte, drohte US-Präsident Donald Trump wieder zu intervenieren. Also Vorwand nannte er die gewaltsame Tötung friedlicher Demonstrierender zu deren Rettung er kommen würde. „Wir sind startklar und einsatzbereit“, schrieb er auf Truth Social.

Die Drohungen kommen zudem kurz nach der gewaltsamen Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Mit zahlreichen Angriffen auf militärische Anlagen in und um die Hauptstadt Caracas überfiel das US-Militär den Karibikstaat. Dem vorausgegangen waren monatelange Drohungen, einen Regime Change herbeizuführen – teils unter dem Vorwand des Kampfes gegen Drogenhandel.

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Auch die israelische Führung sieht eine passende Gelegenheit, weitere militärische Schläge gegen den Iran durchzuführen, um die eigene Position in der Region zu stärken. Netanjahu soll den neuen Angriffsplan mit dem Namen „Iron Strike“ genehmigt haben. Nach Angaben des israelischen Senders i24news hat die israelische Armee die höchste Alarmbereitschaft ausgerufen. Auch der israelische Militärgeheimdienst führt derzeit Militärübungen durch.

Israel identifiziere sich „mit dem Kampf des iranischen Volkes, mit seinen Bestrebungen nach Freiheit, Unabhängigkeit und Gerechtigkeit“, erklärte Netanjahu. „Es ist durchaus möglich, dass wir uns in einem Moment befinden, in dem das iranische Volk sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt.“

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