Zeitung für Solidarität und Widerstand

(K)ein Olympia in Deutschland?!

2026 will sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) auf eine Olympia-Kandidatur für die olympischen Sommerspiele festlegen. Im Rennen liegen dabei die Regionen Hamburg, München, Rhein-Ruhr und Berlin. Beworben als „größtes Sportfest der Welt“ bedeutet Olympia vor allem: Vertreibung, Kontrolle und Überwachung des öffentlichen Raums und Millionenausgaben. – Ein Kommentar von Matthias Goeter.

Nach mehreren gescheiterten Versuchen plant der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in enger Abstimmung mit der Politik einen neuen Anlauf für eine Bewerbung einer deutschen Region für die olympischen Sommer-, sowie paralympischen Spiele. Geplant ist eine Bewerbung für die Spiele entweder im Jahr 2036, 2040 oder 2044. Für die deutsche Kandidatur haben sich hierbei die Regionen Rhein-Ruhr, Hamburg, München und Berlin – gemeinsam mit der Stadt Leipzig und den Ländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Schleswig-Holstein – beworben.

Nachdem in der Vergangenheit mehrere Bewerbungen aus Deutschland am Widerstand der Bevölkerung scheiterten, plant der DOSB in Abstimmung mit der jeweiligen Landespolitik unterschiedliche Maßnahmen: In München fand bereits im Oktober 2025 ein Bürger:innenreferendum statt und stimmte mit einer knappen Mehrheit für eine Bewerbung. Für Hamburg ist ein solches Referendum im Mai 2026 geplant. In Kiel soll dies – als Teil der Berliner Bewerbung – im April geschehen. Berlin selbst plant hingegen lediglich Dialogforen. In der Region Rhein-Ruhr haben mehrere Städte ebenfalls vor, Bürger:innenentscheide stattfinden zu lassen.

Diese Maßnahmen sollen vor allem die Unterstützung der Bevölkerung gewinnen, die vollkommen zu Recht eher reserviert auf die Bewerbungen blickt. Rechtlich bindend sind diese Maßnahmen eh nicht, und es ist davon auszugehen, dass sie vor allem für die Entscheidung des DOSB über den Austragungsort der Kandidatur eine Rolle spielen. Schließlich geht es in erster Linie um störungsfreie Spiele, die das Außenbild der olympischen Spiele nicht gefährden.

Was bedeutet Olympia?

Was die Austragung der Spiele allerdings neben vier Wochen vermeintlichen Glanzlichts bedeutet, zeigt ein Blick nach Paris, wo im Sommer 2024 die olympischen Spiele stattfanden, sehr deutlich.

Den öffentlichen Haushalt haben die olympischen Wettkämpfe laut französischem Rechnungshof mit rund sechs Milliarden Euro belastet. Zwar wird immer wieder behauptet, dass die Spiele durch Mehreinnahmen diese Kosten decken würden und gleichzeitig eine nachhaltige Investition in die Region darstellten. Auf einen zweiten Blick entpuppt sich dies jedoch allenfalls als vage Hoffnung.

So verzeichnete Paris für den Zeitraum kaum ein Mehr an Besucher:innen, die französische Fluggesellschaft berichtet sogar von Umsatzeinbrüchen in Millionenhöhe, während die Hotels der Stadt weniger stark ausgelastet waren als sonst. Gleichzeitig stellt sich auch hier nicht nur die Frage, ob überhaupt profitiert wird, sondern auch, wer profitiert.

Knapp die Hälfte der Kosten der Spiele liegen beim Ausbau der Infrastruktur, also dem Bau von entsprechenden Sportanlagen und Ähnlichem. Auf diesen Baustellen arbeiteten vor allem illegalisierte Menschen ohne Papiere, ohne Schutzausrüstung, zu unwürdigen Bedingungen und mit schlechter Bezahlung.

Rund 45.000 sogenannte „Volunteers“ (Freiwillige) leisten zusätzlich während der Spiele unbezahlte Arbeit – die Belohnung der Teilnahme an den Spielen muss ja schließlich ausreichen. Ebenfalls Aufsehen erregten Tänzer:innen, die vor allem für die prunkvolle Eröffnungszeremonie der Spiele engagiert wurden – jedoch wegen ungleicher Bezahlung und schlechter Arbeitsbedingungen mit einem Boykott drohten.

Olympia 2024 – Tänzer:innen streiken

Grenzkontrollen und Ausbau der Überwachung

Ein weiterer beträchtlicher Teil der Kosten floss in den Ausbau des Sicherheits- und Überwachungsapparats: Für die Spiele wurden wieder Grenzkontrollen eingeführt und zeitweise wurde der Luftraum über Paris gesperrt. In die französische Hauptstadt selbst wurden 30.000 weitere Polizist:innen und knapp 20.000 Soldat:innen beordert, um einen störungsfreien Ablauf zu gewährleisten. Hierzu wurde die Stadt quasi militärisch besetzt und in verschiedene Zonen aufgeteilt. Diese waren unter Durchführung einer Kontrolle und dem Vorzeigen eines entsprechenden QR-Codes betretbar. Durch die Kontrollen auf Schritt und Tritt waren dabei vor allem Bevölkerungsgruppen wie Migrant:innen oder auch Obdachlose besonders betroffen.

Jegliches soziale Leben außerhalb der Spiele wurde durch diese Maßnahmen massiv erschwert. Auch wurde der öffentliche Raum großflächig mit Kameras und Drohnen und unter Zuhilfenahme von KI-Systemen überwacht. Diese Überwachung wurde beispielsweise in der Pariser Metro auch nach den Spielen beibehalten.

Verdrängung und Vertreibung

Im Zuge der olympischen Spiele fand darüber hinaus eine starke Gentrifizierung und Verdrängung statt: die Mietpreise in Hotels und auf Mietportalen schossen für den Zeitraum der Spiele in die Höhe. Dies bedeutete für einige Mieter:innen Mieterhöhungen und sogar Kündigungen, da die Wohnfläche danach deutlich lukrativer kurzfristig vermietet werden konnte. Dies ging einher mit einer sowieso schon bestehenden generellen Vertreibung ärmerer Bevölkerungsschichten an die Ränder der Stadt.

Dem Glanz-Image der Spiele zu entsprechen, heißt also auch: Zwangsräumungen, massenhafte Vertreibung und Zwangsumsiedelung von Obdachlosen, Asylsuchenden oder Geflüchteten. So wurden beispielsweise Notunterkünfte schlicht geschlossen oder in andere Provinzen Frankreichs verlegt, öffentliche Orte regelrecht „gesäubert“ – begleitet von Gewalt, der Zerstörung der wenigen Dinge, die die Menschen überhaupt besitzen, und rassistischen Beleidigungen.

Ebenfalls ausgebaut wurde das größte Gefängnis Frankreichs am Rand von Paris. Es bekam 400 neue Plätze, die durch Masseninhaftierungen und ein neues Schnellverfahren flankiert wurden. Das französische Kollektiv Le revers de la médaille (dt.: Die Kehrseite der Medaille) sprach in diesem Zusammenhang von einer „sozialen Säuberung“.

Brot und Spiele

Den römischen Kaisern wird der Leitspruch „panem et circenses“ (Brot und Spiele) als Methode zur Ruhigstellung der eigenen Bevölkerung und zum Herrschen ohne Widerstand zugeschrieben: Solange die Bevölkerung nur keinen Hunger leidet, also das alltägliche Elend noch halbwegs ertragbar bleibt, und es Spiele gibt, die sie von ihren eigenen Problemen ablenken, ist den Kaisern ihre Herrschaft sicher. Entsprechend hatten sie für diese Spiele auch keine Kosten und Mühen gescheut, wie uns Erzählungen im Geschichtsunterricht über die Spiele im römischen Kolosseum in Erinnerung rufen.

Olympia in Deutschland – Vier Städte, viermal Bonzentraum

Seien es nun Olympia oder die gleichfalls beliebten internationalen Fußballturniere – der Name der Spiele mag sich geändert haben, ihre Funktion bleibt die gleiche: Vier Wochen lang sollen wir unsere Sorgen vergessen und im nationalen Taumel „unsere“ Sportler:innen verfolgen und mitfiebern. Am Ende bleibt ja am wichtigsten, wie viele Medaillen „wir“ nach Deutschland geholt haben.

Wie oben zur Genüge dargestellt, bedeuten dabei die olympischen Spiele jedoch einen deutlichen Eingriff in das soziale Leben eines Großteils der arbeitenden Bevölkerung und ist immer mit einer Vielzahl an repressiven Maßnahmen und einem Klassenkampf von oben begleitet. Diese Maßnahmen werden dabei unter Begründung der Spiele eingeführt, im Anschluss dann aber still und leise fortgeführt. Der deutsche Staat lässt sich seine Spiele bereits jetzt schon einiges kosten: knapp sieben Millionen Euro wurden allein als Beteiligung am Bewerbungsprozess bereits beschlossen.

Olympische Spiele – „nur der Sport“!?

Das wünscht sich zumindest DOSB-Präsident Thomas Bach, wenn er sagt: „Alle sehnen sich nach etwas, das sie mit Hoffnung in die Zukunft schauen lässt, das uns alle zusammenbringt. (…) Das ist im Augenblick leider nur der Sport“. Dass die olympischen Spiele eben nicht frei von imperialistischen Interessen und ebenfalls Austragungsort von Konflikten sind, zeigt ein Blick in die Vergangenheit.

Die olympischen Spiele 1936 im faschistischen Deutschland erfüllten ebenfalls die Funktion, sich außenpolitisch harmlos darzustellen, während sie nach Innen von Verfolgung und Repression begleitet wurden.

Das Bild der afroamerikanischen Leichtathleten Thommie Smith und John Carlos bei den olympischen Spielen 1968 ist weltberühmt. In Socken – als Verweis auf die arme Bevölkerung in den USA, die sich keine Schuhe leisten kann –, mit schwarzen Baretts als Erkennungszeichen der Black Panther und erhobener Faust protestierten sie gegen die Unterdrückung der afroamerikanischen Bevölkerung. In den USA erwarteten sie Morddrohungen, und sie wurden vom Präsident des IOC, dem US-Amerikaner Avery Brundage – der 1936 selbst noch den Hitlergruß bei den olympischen Spielen zeigte, aus der Mannschaft geschmissen. Ihre olympische Karriere war danach beendet.

Auch der dritte Sportler auf dem Bild, der Australier Peter Norman, beteiligte sich an diesem Protest. Wie Smith und Carlos trug er ein Abzeichen des olympischen Projekts für Menschenrechte (OPHR). Dieses stammte aus der Bürgerrechtsbewegung der USA und forderte afroamerikanische Sportler:innen zum Boykott auf. Auch Peter Norman wurde danach eine Teilnahme an den olympischen Spielen verweigert.

Mit Hinweis auf den Krieg in der Ukraine dürfen derzeit russische Sportler:innen nur unter neutraler Flagge an den Spielen teilnehmen und wiederholt wird ihr kompletter Ausschluss gefordert. Gleiche Forderungen gegenüber Israel, das aktuell einen Genozid in Palästina begeht oder gegenüber den USA, bei denen die Liste an Begründungen und Verstößen gegen das Völkerrecht Seiten füllen würden, sucht man dabei vergeblich.

Olympia in Deutschland? Nein, danke!

Widerstand gegen Olympia

Der jetzige Versuch einer deutschen Olympia-Kandidatur ist nicht der einzige der vergangenen Jahre. Immer wieder scheiterte eine entsprechende Bewerbung auch am Widerstand aus der Bevölkerung, wie beispielsweise 2015 in Hamburg: Eine breite Bewegung verhinderte damals die Kandidatur der Hansestadt mit vielfältigem Protest und sorgte am Ende dafür, dass eine Mehrheit der Hamburger:innen gegen die Bewerbung stimmte.

Auch in Paris hatte sich Widerstand gegen Olympia und die Folgen der Spiele gezeigt: Arbeiter:innen der diversen Baustellen versuchten, sich durch Arbeitsniederlegung bessere Arbeitsbedingungen und einen legalen Status zu erkämpfen, ebenfalls streikten die Tänzer:innen der Eröffnungszeremonie um gleichen Lohn.

Fazit: Während sich die Arbeitsverhältnisse immer weiter prekarisieren, der Reallohn weiter sinkt, Jugendliche für den nächsten Krieg geködert werden sollen und im Haushalt überall, nur nicht an der Rüstung gespart wird, brauchen wir sicherlich keine olympischen Spiele. Wir brauchen keine Milliarden an Kosten, noch mehr Überwachung im öffentlichen Raum, inklusive Polizeischikane und Verdrängung von all denjenigen, die nicht in das Traumbild „Olympia“ passen.

Was wir brauchen, ist keine Befriedung oder Ablenkung vom kapitalistischen Normalzustand, sondern Widerstand gegen seine Auswüchse. Hierfür kann der Protest gegen die Olympia-Bewerbung Deutschlands sicherlich ein weiterer Anlass sein.

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