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„Keine Tradition, sondern politischer Akt“: Demo zum 21. Todestag von Oury Jalloh

Der Tod von Oury Jalloh in Gewahrsam der Polizei Dessau jährt sich dieses Jahr zum 21. Mal. Trotz Temperaturen im Minusbereich beteiligten sich etwa 500 Personen an der fünfstündigen Demonstration.

Am 7. Januar 2005 verbrannte Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle. Seine Hände und Füße waren an eine Matratze gefesselt. Die Polizist:innen behaupteten später, er habe sich selbst angezündet. Es kam zu zwei langwierigen Gerichtsverfahren, in denen sich etwa auch Polizist:innen zum Geschehen der Tatnacht selbst widersprachen. Mehrere Gutachten stellten zudem die Version der Polizei massiv infrage.

Ein über 300 Seiten langer Sonderbericht im Auftrag des Landtags Sachsen-Anhalt beschreibt eine „Ansammlung von Pannen, Fehlern, Unachtsamkeiten“ der Polizei Dessau rund um den Tod von Oury Jalloh. So hätte Oury Jalloh etwa gar nicht festgenommen werden dürfen. Zweimal hatte ein Polizist einen Feueralarm ausgeschaltet und ignoriert. Auch hat die Polizei nachweislich einen Stromausfall erlogen, der Videoaufnahmen vom Tatort vermeintlich verhinderte.

Das letzte gerichtliche Verfahren zur Aufklärung von Oury Jallohs Tod wurde 2018 durch die Staatsanwaltschaft Halle eingestellt, obwohl sich auch die deutschen Gerichte einig sind, dass die Tat nicht vollständig aufgeklärt wurde. 2023 bestätigte das Bundesverfassungsgericht die Einstellung des Verfahrens. Lediglich ein einziger Polizist musste eine Geldstrafe wegen fahrlässiger Tötung zahlen.

20 Jahre Mord an Oury Jalloh: Hunderte Menschen fordern Aufklärung bei Protesten

Neue Kampagne durch Familie gestartet

Dass 21 Jahre nach Oury Jallohs Tod überhaupt noch hunderte Menschen in Dessau auf die Straße gehen, ist in erster Linie den Hinterbliebenen, also Familie und Freunde Oury Jallohs, zu verdanken. Die Gedenkdemonstration wurde in diesem Jahr erstmals nicht mehr von der „Initiative Oury Jalloh“, sondern von der „Oury Jalloh Family Campaign“ durchgeführt. Oury Jallohs Bruder, Saliou Diallo, hat die Gruppe ins Leben gerufen. Im Rahmen der Kampagne soll eine stärkere Vernetzung mit Familien, Initiativen und Verbänden von Betroffenen rassistischer Polizeigewalt geschehen.

Saliou Diallo blickte zu Beginn der Demonstration auf die Kundgebungen und Demonstrationen in der Anfangszeit nach Oury Jallohs Tod zurück. Damals bestanden die Veranstaltungen noch aus etwa 15 Personen. Dass heute jedes Jahr hunderte Menschen aus ganz Deutschland zur Demonstration nach Dessau kommen und der Fall weiterhin große mediale Aufmerksamkeit bekommt, liege an Familie und Freund:innen Oury Jallohs, die nicht locker lassen. Diallo erklärte, die jährliche Demo sei keine Tradition, sondern jedes Mal wieder ein politischer Akt.

Die Rolle des Staats

Neben der fehlenden Aufklärung und Gerechtigkeit im Fall von Oury Jalloh wurde in mehreren Redebeiträgen der Demonstration auf die Kontinuität rassistischer Polizeigewalt in Deutschland verwiesen. Unter anderem sprachen Vertreter:innen von Initiativen für den 2025 ermordeten Lorenz, Mouhamed Dramé oder Rooble Warsame. Alle starben durch Polizeischüsse oder in Polizeigewahrsam. Auch an den Fall Alberto Adriano wurde im Dessauer Stadtpark gedacht. Er wurde dort im Jahr 2000 Opfer eines rassistischen Mordes von Neonazis. Mittlerweile gibt es dort einen Gedenkstein.

In Redebeiträgen wurde immer wieder die Rolle des deutschen Staates und seiner Institutionen benannt. Eine Rednerin bei der Zwischenkundgebung vor dem Dessauer Rathaus betonte, dass Rassismus ein systemischer Teil des kapitalistischen Staates und der Polizeibehörden sei. Er werde gezielt eingesetzt, um die Arbeiter:innenklasse zu spalten und staatliche Repressionen zu rechtfertigen. Demnach könne Rassismus und Kolonialismus nur durch Organisierung der Arbeiter:innen und gemeinsamer Abschaffung des Kapitalismus beseitigt werden.

Polizeigewalt: Unverzichtbarer Teil dieses Systems

„Mordhaus“ der Polizei Dessau

Jedes Jahr endet die Demonstration vor der Polizeiwache, in dessen Keller Oury Jalloh 2005 verbrannte. Ein Redner bezeichnete das Haus der Dessauer Polizeiwache als „Mordhaus“. Denn während der Ermittlungen im Fall Oury Jalloh wurden zwei weitere Todesfälle im Zusammenhang mit der Dessauer Polizei bekannt. 1997 starb der Familienvater Hans-Jürgen Rose nach Misshandlung durch die Polizei. 2002 wurde Mario Bichtelmann tot durch einen Schädelbasisbruch in einer Dessauer Polizeizelle aufgefunden. Wie er sich die Verletzungen zuzog, ist bis heute nicht geklärt.

Die Kampagne für Oury Jalloh machte klar, weiter für Gerechtigkeit kämpfen zu wollen. Mit der steigenden Zahl an Polizeimorden und rassistischer Polizeigewalt haben auch die Proteste dagegen zugenommen. Der Fall Oury Jalloh sei kein Skandal oder Unfall, sondern Teil eines Systems. Und dieses System müsse weiterhin bekämpft werden.

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