Zeitung für Solidarität und Widerstand

Kurdistan-Delegation: „Internationale Solidarität bedeutet, zu zeigen, dass Rojava nicht allein ist“

Seit mehreren Tagen greift die Übergangsregierung in Syrien die kurdische Selbstverwaltung in Rojava an. Internationalist:innen aus Deutschland sind deshalb in die Türkei / Nordkurdistan geflogen, um über die Situation zu berichten und ihre Solidarität vor Ort zu zeigen. Paula Mayer ist Teil der Delegation und berichtet im Interview mit Perspektive über die Ziele der Delegation.

Warum habt ihr euch dazu entschieden, an der Delegationsreise nach Bakur (Nordkurdistan) teilzunehmen?

Seit mehreren Wochen wird Rojava, das Autonomiegebiet in Nordostsyrien, von der syrischen Armee, unterstützt durch die Türkei, angegriffen. Im Jahr 2012 fing dort eine Revolution an, in der es die Bevölkerung geschafft hat, die syrische Armee aus ihren Gebieten zu verdrängen und demokratische Strukturen zu errichten.

Die Rojava-Revolution ist auch unsere Revolution. Auch als Revolutionär:innen in Deutschland ist sie für uns ein Hoffnungsschimmer und ein Zeichen, dass eine andere Gesellschaft möglich ist. Deswegen und auch in Solidarität mit der kurdischen Bevölkerung haben wir uns dazu entschieden, am vergangenen Samstag, dem 24. Januar, nach Amed (türkisch Diyarbakır) zu fliegen. Wir sind mehrere Personen aus unterschiedlichen politischen Gruppen, aber alle darin vereint, dass wir unsere Solidarität praktisch zeigen wollen. Internationale Solidarität bedeutet, jetzt in Aktion zu gehen und zu zeigen, dass Rojava nicht allein ist.

Updates aus Rojava und von der internationalen Solidaritätsbewegung

Wie ist die Situation dort und was habt ihr bisher für Erfahrungen gemacht?

Wir haben viel mit Jugendlichen der DEM-Partei (Partei für Emanzipation und Demokratie der Völker) und den Familien, bei denen wir zu Gast sind, gesprochen. In Amed haben wir an einer Kundgebung teilgenommen, und auch in Nusaybin, das direkt an Qamişlo grenzt, uns an Aktionen beteiligt.

Dabei wurde sehr schnell deutlich, dass Repression hier zum Alltag gehört. Allein seitdem wir hier sind, haben wir das schon viel mitbekommen. In Amed wurde die Pressekonferenz, bei der wir waren von Beginn an von Polizisten mit Schildern begleitet. Außerdem wurde die Demonstration zum Jahrestag der Befreiung von Kobane verboten. Die Menschen, die sich trotzdem versammelt haben, wurden schnell umstellt, auch mit gepanzerten Fahrzeugen. Auch der Versuch einen Korridor für Hilfsgüter von Amed aus zu starten, wurde von der Polizei verhindert.

Was ist Rojava – und warum sollten wir es verteidigen?

Insgesamt wurden in den letzten Wochen viele Demonstrant:innen verhaftet. Ein Genosse hat erzählt, wie eine verhaftete Jugendliche nach ihrer Verhaftung weiter Parolen gerufen hat. „Das ist unsere Jugend, das ist unser Stolz“, hat er dazu gesagt.

Trotz der Repression wird sehr viel Widerstand geleistet, es finden legale und illegale Demonstrationen statt, hupende Autokorsos fahren durch die Straßen, und jeden Tag um 20 Uhr schlagen die Menschen auf Töpfe. Frauen flechten sich Zöpfe, nachdem in einem Videoclip verbreitet wurde, indem ein Mann prahlt, einen Haarzopf in der Hand zu halten, der einer Kämpferin der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) gehört haben soll. Gegen diese versuchte Demütigung flechten wir uns symbolisch die Haare, um zu zeigen, dass wir weiter Widerstand leisten werden.

Was wollt ihr unseren Leser:innen in Deutschland mitgeben?

Jede und jeder von uns kann seinen Beitrag zur Verteidigung der Revolution leisten. Viele Menschen hier versuchen über die Grenze nach Rojava zu gelangen, um direkt in Kobane und Qamişlo zu unterstützen. Wir als Delegation leisten unseren Beitrag, indem wir berichten und Aufmerksamkeit für den Widerstand hier in Bakur schaffen. Genauso hat es für die Menschen vor Ort auch viel Bedeutung zu sehen, dass sie nicht alleine sind und viele Menschen auf der ganzen Welt an ihrer Seite stehen. Eine kurdische Genossin hat gesagt: „Tausend Jahre hat sich niemand für uns (das kurdische Volk) interessiert. Wir können unserem eigenen Volk nicht die Hände nicht reichen, weil die Grenze dazwischen verläuft. Ihr reicht uns die Hände, das hat einen besonderen Wert für uns.“ Wir merken, diese Delegation ermutigt auch die Genoss:innen hier.

In Deutschland ist es wichtig, überall dort, wo wir leben, aktiv zu werden: In der Schule, auf der Arbeit und auf den Straßen Europas. Dabei müssen wir auch den deutschen Imperialismus zum Ziel machen. Er spielt eine wichtige Rolle als Unterstützer des HTS-Regimes und des türkischen Staates.

Wir begrüßen internationale Solidaritätsaktionen und rufen dazu auf, in Deutschland in Aktion zu treten. Seien es Kundgebungen, Demonstrationen, spontane Aktionen oder kreative Flashmobs bei Kriegstreibern. Der Druck gegen den Krieg gegen die Menschen in Rojava muss immer größer werden.

Jahrestag zur Befreiung Kobanês: Aktionen in Solidarität mit Rojava

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!