Zeitung für Solidarität und Widerstand

Machtverschiebungen in der Sahelzone: Vom französischen Einfluss zu neuen Abhängigkeiten

In der Sahelzone haben Militärputsche in Mali, Burkina Faso und Niger den Einfluss Frankreichs zurückgedrängt und neue Machtverhältnisse geschaffen. Die propagierte antiimperialistische Wende erweist sich dabei vor allem als Wechsel der Abhängigkeiten. – Ein Kommentar von Kurt Zimmermann.

Vom Senegal bis ans Horn von Afrika erstreckt sich ein Gebiet, welches besonders in der sich heute zuspitzenden weltpolitischen Lage ein Interesse von verschiedenen Großmächten auf sich zieht. Besonders in den letzten Jahren war eine konstante Verschiebung der Einflussgebiete erkennbar.

In diesem Gebiet liegt die Sahelzone. Geprägt vom Klimawandel, jahrelangen Bürgerkriegen, ethnischen Konflikten und durch erstarkende islamistische Aufstände hat die Region lange keine ruhige Phase erlebt. Nicht wenige dieser Zustände haben ihren Ursprung in der kolonialen Vergangenheit und den neokolonialen Verhältnissen in den Staaten, welche in der Region liegen.

Frankreichs Einfluss zurückgedrängt

Besonders in Mali, Burkina Faso und Niger profitierte die alte Kolonialmacht Frankreich von der Instabilität. So liegen in der Region wichtige Handelsrouten und große Vorkommen von wichtigen Ressourcen wie zum Beispiel Uran. Von 2021 bis 2023 kamen durch Putsche in allen drei Staaten Militärjuntas an die Macht.

Besonders die Ausbeutung von Ressourcen durch Frankreich mit Unterstützung der Economic Community of West African States (ECOWAS) und das schlechte Vorgehen gegen islamistische Milizen durch die alten Regierungen, wurden als Begründung für die Putsche genommen. Und auch in anderen Staaten im Westen Afrikas putschte das Militär gegen pro-französische Regierungen und stellte sich gegen die ECOWAS.

Mali, Niger, Burkina Faso: Sahel-Allianz tritt aus ECOWAS aus

Kurz nach der Machtübernahme wurden dann die französischen Truppen, welche zur Sicherung französischer Sicherheitsinteressen in den Staaten stationiert waren, aus den Ländern verwiesen. Dafür schlossen die neuen Regierungen neue Bündnisse. Alle drei traten aus der ECOWAS aus und gründeten die Konföderation der Sahelstaaten (AES). Diese soll einen Gegenpol zum pro-französischen ECOWAS Block darstellen und den Grundstein für eine mögliche Vereinigung der drei Staaten bilden.

Neue Mächte, alte Verhältnisse

Auch außerhalb von Afrika haben die neuen Juntas Unterstützer. China investiert besonders in wirtschaftliche Projekte. Auf dem Forum für chinesisch-afrikanische Zusammenarbeit hatte die chinesische Regierung 2024 neue Finanzmittel in Höhe von 51 Milliarden US-Dollar über einen Zeitraum von drei Jahren angekündigt. Der chinesische Staatskonzern China National Petroleum Corporation (CNPC) investierte in Niger 2,3 Milliarden US-Dollar in das Ölfeld Agadem und weitere 4,6 Milliarden US-Dollar in die 2.000 Kilometer lange Pipeline zur Küste Benins.

EU zieht Botschafter aus Niger ab

Auch Russland und die Türkei nehmen militärischen und ökonomisch Einfluss – beide liefern Waffen im Krieg gegen die islamistischen Milizen. Russland baut derweil in der gesamten Region ein Netzwerk für die Durchsetzung der eigenen geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen auf. Um dieses Netzwerk zu sichern und um die Juntas zu unterstützen, setzte Russland auch die Privatarmee Wagner ein. Nach deren Aufstandsversuch in Russland wurden die meisten in Afrika stationierten Einheiten in die neu gegründeten Africa Corps übernommen.

2024 erlitt Russland zudem mehrere Rückschläge, unter anderem bei einem Hinterhalt durch dschihadistische Gruppen in Nordmali. Auch der Verlust wichtiger logistischer und militärischer Stützpunkte in Syrien durch den Fall des Assad-Regimes erschwerte die Situation. Trotz dieser Entwicklungen blieb Russland militärisch präsent und lieferte Anfang 2025 in großem Umfang Militärfahrzeuge nach Mali.

Malis Außenminister Abdoulaye Diop bezeichnete Russland als „verlässlichen Verbündeten“. Im Sommer 2025 schlossen Russland und Mali ein Kooperationsabkommen über die „friedliche Nutzung der Kernenergie“.

Al-Qaida: Vom Heiligen Krieg zum internationalen Bündnispartner

Nicht anti-kolonial befreit, nur neu beherrscht

Die Aufbruchstimmung in der Region wird von vielen als Hoffnungsschimmer gesehen. Besonders der Übergangspräsident in Burkina Faso, Ibrahim Traore wird von internationalen Medien als auch von politischen Kräften in Burkina Faso in eine Linie mit dem früheren Revolutionär und Präsidenten Thomas Sankara gestellt. Traore selbst unterstützt diese Vergleiche zum Beispiel durch sein Auftreten in Militäruniform. Außerdem war er zuvor Mitglied im marxistisch geprägten Studierendenverbands ANEB gewesen.

In Afrika selbst gewinnt Traore immer mehr Vertrauen. Für viele ist er eine pan-afrikanische Ikone. Und auch von Teilen der politischen Widerstandsbewegung in Deutschland erhält Traore Zuspruch. Besonders seine antiimperialistische Rhetorik kommt bei vielen gut an.

Dabei widerspricht Traores Politik seiner Rhetorik. Denn seine Politik ist besonders auf militärische Kampagnen ausgelegt – und gesellschaftliche Fortschritte werden, wie durch das Verbot von Homosexualität, abgebaut.

Ähnlich sieht es in Mali aus. Für Februar 2022 angekündigte Neuwahlen wurden mit Verweis auf die Sicherheitslage immer wieder verschoben. Im Mai 2025 erließ die Militärregierung dann ein neues Dekret zur Verlängerung der Amtszeit von General Goïta bis ins Jahr 2030. Zudem wurden in diesem Zuge alle politische Parteien und Organisationen verboten.

Mali: Militärregierung verbietet alle politischen Organisationen

Die Imperialisten sind auch nicht weg. Nur statt der französischen und US-amerikanischen Kolonialherren haben nun die russischen, chinesischen und türkischen Machthaber den Einfluss auf die Staaten der Sahelzone ausgebaut.

Burkina Fasos Präsident Ibrahim Traoré hatte im Mai 2025 bei einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Moskau erklärt, er wolle die Beziehungen seines Landes zu Russland „exponentiell“ ausbauen und auf neue Bereiche der Zusammenarbeit ausweiten. Der stellvertretende Energieminister Russlands, Roman Marschawin kündigte im Oktober an, bis Ende 2025 ein Pilotprogramm zur Ingenieursausbildung in Burkina Faso zu starten.

Entgegen der Rhetorik sind die Verträge mit den neuen Kolonialherren jedoch weder gleichberechtigt, noch bieten diese ihre wirtschaftliche und militärische Unterstützung aus Barmherzigkeit an. Die Staaten in der Sahel Zone haben in der neusten Phase der internationalen Blockbildung nur ihre Zugehörigkeit gewechselt.

Kurt Zimmermann
Kurt Zimmermann
Physik Student, der in Franken lebt. Deckt gerne die geopolitischen Interessen der Imperialisten und ihre Strategien auf. Die Eiche und die Birke, die Lieblingsbäume. Das Ruhrgebiet die Heimat. „Wenn die Ruhr brennt, dann ist im Rhein nicht genug Wasser zum löschen“ – Rainer Barzel

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!