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Ökosysteme bedroht: Die Zerstörung der Ukraine nach fast 4 Jahren Krieg

Nach bald vier Jahren Krieg in der Ukraine leidet die Umwelt zunehmend unter den Folgen der eskalierenden Materialschlacht. Klimaforscher:innen warnen vor den Konsequenzen für die verschiedenen empfindlichen Ökosysteme des Landes.

In der Ukraine häufen sich im Zuge des Krieges die Schäden an der Natur. Klimaforscher:innen warnen vor den Auswirkungen der immer endloser erscheinenden Materialschlacht. Angriffe auf Dämme, Feinstaub durch Bombardierungen von Wohnblöcken, Waldbrände und zurückgelassene Ausrüstung wie Munition belasten die Umwelt im „grünen Herzen Europas“ auf unbestimmte Zeit.

Seit Beginn der Invasion starben auf beiden Seiten zusammen fast 500.000 Soldat:innen sowie rund 30.000 Zivilist:innen. Fast 11,3 Millionen Ukrainer:innen wurden vertrieben, über 17 Millionen Menschen benötigten humanitäre Hilfe. Im Verlauf des Krieges wurden neben Agrarflächen und ziviler Infrastruktur fast 160.000 Wohnungen zerstört.

Obwohl ein Einstellen der Kampfhandlungen für den Wiederaufbau von zentraler Bedeutung wäre, verläuft der Friedensprozess weiterhin stockend. Immer wieder scheitert er an den Interessen einzelner Akteure. Mehrmals sind Verhandlungen bereits in Schwierigkeiten geraten – zuletzt aufgrund der Entscheidung gegen die Finanzierung ukrainischer Kriegskredite durch eingefrorenes russisches Kapital.

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Erneutes Treffen zwischen Trump und Selenskyj

Die Lage an der Front ist derweil weiterhin statisch. Große Geländegewinne wie zu Beginn der Invasion kann keine Seite mehr verbuchen. „Entscheidende Schlachten“ drehen sich heute um kleinere Ziele wie Brücken, Häfen und Kleinstädte an strategischen Punkten.

Nun trafen sich die Ukraine und die Vereinigten Staaten ein weiteres Mal. Nachdem Selenskyj seinen 20-Punkte-Plan für ein Friedensabkommen vorgestellt hatte, traf er sich nun mit Trump in Washington. Der ukrainische Plan umfasst neben einer EU-Mitgliedschaft und Fonds zum Wiederaufbau der Ukraine auch eine demilitarisierte Zone – besetzt und geschützt durch eine internationale Truppe.

Trotz hoher Hoffnungen konnte auch das jüngste Treffen vorerst keine sofortigen Fortschritte zum Frieden vorweisen. Neben der Betonung von Sicherheitsgarantien und Dankesreden sorgte Trump außerdem mit der Aussage, Russland würde sich auch „den Erfolg der Ukraine“ wünschen, für Unverständnis bei vielen.

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Krieg als riesige Bedrohung für die Umwelt

Derweil bedeutet der Ukraine-Krieg nicht nur unfassbares menschliches Leiden, sondern er hat auch enorme Auswirkungen auf die Umwelt. Unmengen an Abgasen, Feinstaub und giftigen Chemikalien werden jedes Jahr durch Kriege freigesetzt. Jüngste Berichte aus Gaza sprechen von mehreren Millionen Tonnen giftiger Materialien wie Betonstaub, Asbest und in Sprengstoffen enthaltenen Chemikalien, die allein durch Bombardierungen in die Atmosphäre gelangten.

Diese Schadstoffe schaden nicht nur den Menschen unmittelbar in der Nähe der Kriegsgebiete. Sie werden vom Wind weitergetragen, gelangen in Gewässer oder reisen kilometerweit. Der Anstieg von Feinstaub in der Atmosphäre trägt zudem zur Verstärkung des globalen Treibhauseffekts bei. Die Konsequenz sind steigende Temperaturen, die wiederum Dürren und insbesondere Waldbrände begünstigen – welche ihrerseits erneut große Mengen CO₂ freisetzen.

Mehr Feinstaub als durch Trümmer entsteht durch die immer häufiger ausbrechenden Waldbrände. Durch zunehmend trockene Sommer in Kombination mit den Umständen des Krieges kommt es immer öfter zu großflächigen Bränden. Die Mehrheit der Brände im Jahr 2024 ereignete sich an oder in unmittelbarer Nähe der Frontlinien beziehungsweise in Grenzgebieten.

Der Anstieg ist drastisch: Die Emissionen aus allen Landschaftsbränden, einschließlich Waldbränden, lagen im Jahr 2024 bei 25,8 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Das ist ein Zuwachs von 113 Prozent gegenüber den zusammengefassten Emissionen der Jahre 2022 und 2023 von 22,9 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten.

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Das „grüne Herz Europas“ in Gefahr

Die Flora und Fauna der Ukraine sind ein zentraler Bestandteil des europäischen Ökosystems. Große Teile des sogenannten „grünen Herzens Europas“ liegen auf ukrainischem Staatsgebiet. Das grüne Herz Europas ist eine Region, die sich von den Alpen über den Balkan bis zur Schwarzmeerküste erstreckt. Sie beherbergt eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume sowie indigene Tierarten, von denen viele vom Aussterben bedroht sind. Zudem verfügt die Region über enorme Waldflächen, die essenziell für das regionale Klima sind.

Auch abseits des Krieges in der Ukraine ist diese einzigartige Region bedroht. Rodung, Umweltverschmutzung und Waldbrände richten seit Jahren Schäden an. Die Folgen sind schrumpfende Biodiversität, langfristige Schäden für das gesamte Ökosystem und der Verlust von Landschaften, die teils Millionen von Jahren alt sind. Jenseits des grünen Herzens liegen rund 35 Prozent der Biodiversität Europas auf dem Gebiet der Ukraine. Ihre Situation wird von Jahr zu Jahr prekärer.

Großflächige Truppenbewegungen, die Wälder und Gestrüpp während Verlegungen als Deckung nutzen, Artillerieschläge sowie chemische Ablagerungen durch schweres Gerät und Munition zerstören die Wälder. Bereits jetzt sind etwa 30 Prozent der Naturschutzgebiete in der Ukraine betroffen.

Besonders schwierig gestaltet sich der Wiederaufbau und die Renaturalisierung der geschädigten Gebiete. Ganze Flächen werden umgepflügt, Böden nachhaltig geschädigt und natürliche Lebensräume unbewohnbar gemacht. Maßnahmen zur Erforschung der Schäden und zur ökologischen Ersthilfe werden durch den anhaltenden Konflikt massiv erschwert oder sind vollständig unmöglich.

Denn anders als bei zerstörter Infrastruktur lassen sich diese empfindlichen Ökosysteme nicht ohne genaue Planung, Koordination und enge Zusammenarbeit mit Forscher:innen und Expert:innen wiederherstellen.

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In Grund und Boden

Allein auf russischer Seite gingen seit 2022 über 13.000 Fahrzeuge in der Ukraine verloren, darunter Kampf- und Schützenpanzer, Truppentransporter und andere Kampffahrzeuge. Neben dem Verlust menschlichen Lebens und den immensen finanziellen Kosten stellt die Zerstörung schweren Militärgeräts eine erhebliche Umweltgefahr dar.

Wird ein Fahrzeug – etwa ein Panzer – im Kampf zerstört, gelangen giftige Chemikalien und Schwermetalle in den Boden. Besonders Modelle wie der T-72-Panzer oder der TOS-1-Mehrfachraketenwerfer setzen große Mengen schädlicher Stoffe frei.

Blei, Zink und Cadmium sind dabei besonders häufig vertreten und können Böden über Generationen hinweg vergiften. Besonders bitter ist, dass viele dieser Gefechte auf Agrarflächen stattfinden. Diese Böden werden dadurch langfristig kontaminiert und für landwirtschaftliche Nutzung unbrauchbar.

Langfristige Schäden

Erschwerend kommt die fehlende Dokumentation hinzu. Wird ein Fahrzeug zerstört, erfolgt eine Bergung – wenn überhaupt – meist erst Wochen oder Monate später, primär aus militärischen Gründen. Eine zentrale Erfassung der Fundorte findet nicht statt. Dies erschwert die Nachverfolgung kontaminierter Flächen erheblich und macht den Wiederaufbau nahezu unmöglich.

Auch verschossene Artillerie hinterlässt langfristige Spuren. Neben chemischer Belastung stellen Blindgänger eine immense Gefahr dar und machen ganze Regionen unbewohnbar.

Zum Vergleich: Bis heute sind Teile Frankreichs aufgrund des Beschusses im Ersten Weltkrieg kontaminiert. In der sogenannten „Zone Rouge“ sind Böden durch chemische Belastung und Blindgänger bis heute unbewohnbar.

Sowohl der T-72 als auch der TOS-1 werden von beiden Seiten intensiv eingesetzt. Doch grundsätzlich gilt: Es existiert kein militärisches Gerät, das keine Schadstoffe freisetzt. Verbleiben diese über längere Zeit an Ort und Stelle, können sie auch das Grundwasser kontaminieren.

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Neue Kriegsführung bringt neue Probleme

Eine vergleichsweise neue Gefahr stellen Glasfaserkabel dar, die an Drohnen angebracht werden, um sie gegen elektronische Störmaßnahmen zu schützen. Diese Kabel sind mehrere hundert Meter lang, extrem leicht und billig herzustellen.

Ihre massenhafte Nutzung führt jedoch zu neuen Umweltproblemen: Ganze Frontabschnitte sind mit Netzen aus Glasfaserkabeln bedeckt. Sie blockieren Felder und erschweren Bewegung. Bisher gibt es keine praktikable Lösung zur Beseitigung dieser Netze.

Videos zeigen vollständig bedeckte Ackerflächen – ein Bild, das an gigantische Spinnennetze erinnert.

Gift in den Adern – Immer mehr Gewässer in der Ukraine kontaminiert

„In der modernen Kriegsführung werden Flüsse zunehmend nicht nur als Frontlinien, sondern auch als Waffen eingesetzt“, sagt Dr. Oleksandra Shumilova, Hauptautorin einer Studie zur Kontamination ukrainischer Gewässer.

In den vergangenen vier Jahren kam es wiederholt zu Angriffen auf Dämme, Schiffe und Häfen. Der verheerendste war die Zerstörung des Kachowka-Damms in Cherson. Am Morgen des 6. Juni 2023 wurde der Damm vermutlich von russischen Truppen gesprengt, um eine ukrainische Gegenoffensive zu verlangsamen.

Die Schäden sind immens: Etwa 16 Milliarden Kubikmeter Wasser flossen flussabwärts und zerstörten zehntausende Wohnungen. Zudem wurde der Boden des Stausees freigelegt, der große Mengen industrieller Schadstoffe enthält, die in Richtung Schwarzes Meer gelangen könnten.

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Zwar wurden bislang nur etwa ein Prozent der im Schlamm enthaltenen Schadstoffe freigesetzt, doch jede weitere Überschwemmung birgt neue Risiken. „Oberflächenabfluss und saisonale Überschwemmungen können zur Erosion kontaminierter Böden führen und die Schadstoffkonzentration in Flussgewässern und zeitweise überfluteten Gebieten erhöhen.“

Noch lange nicht zu Ende

Der Krieg in der Ukraine ist nur einer von vielen aktiven militärischen Konflikten weltweit. Jeder einzelne belastet die Umwelt über Generationen hinweg. Während Friedensprozesse immer wieder an politischen Interessen scheitern, leiden Mensch und Natur unter den Folgen der Materialschlachten. Die Kosten allein für den Wiederaufbau ziviler Infrastruktur belaufen sich auf mehrere dutzende Milliarden Euro.

Dabei wurden hier nur einige der ökologischen Folgen dieses Krieges aufgezeigt. Weitere gravierende Aspekte – wie die verstärkte Nutzung fossiler Energien, jahrzehntelang verbleibende Minenfelder, Umweltbelastungen durch Waffenproduktion, militärischen Verkehr sowie der Ausfall von Naturschutzmaßnahmen – blieben unerwähnt und treiben die Klimakrise weiter voran.

Für die ukrainische Bevölkerung stehen schwierige Jahrzehnte bevor – auch nach einem möglichen Kriegsende. Sie werden auf verschmutzten Böden leben, kontaminiertes Wasser nutzen und zerstörte Landschaften wieder aufbauen müssen.

Der Klimawandel und die daraus resultierende Ungleichheit werden in den kommenden Jahrzehnten weitere globale Konflikte hervorbringen – Konflikte, die das Klima weiter belasten. Sich dies vor Augen zu führen, ist essenziell. Es verdeutlicht: Der Kampf gegen die Kriege der Herrschenden ist in jeder Hinsicht eine Überlebensfrage.

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