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Palestine Action: Über 70 Tage Hungerstreik

Nach mehr als 70 Tagen beenden die bis zuletzt ausharrenden Palestine Action-Aktivist:innen ihren Hungerstreik. Der britische Staat zeigte immer wieder, dass er willentlich den Tod der politischen Gefangenen annimmt.

In Großbritannien sitzen mehrere Palästina-Aktivist:innen seit über einem Jahr in Untersuchungshaft. Ihnen wird vorgeworfen, an Sabotage-Aktionen von Palestine Action beteiligt gewesen zu sein. Bei diesen sollen sie sowohl an einer Fabrik des israelischen Rüstungsunternehmen Elbit Systems als auch bei einem Luftwaffenstützpunkt Sachschäden in Millionenhöhe verursacht haben.

Obwohl die maximale Dauer der Untersuchungshaft in Großbritannien eigentlich auf sechs Monate begrenzt ist, werden die Aktivist:innen nun schon seit November 2024, also mit 13 Monaten mehr als doppelt so lange, festgehalten. Ihre Gerichtsverhandlungen sind teils erst für Juni diesen Jahres angesetzt, bis dahin säßen die Gefangenen also 19 Monate lang in Untersuchungshaft.

Ihre illegalen Haftbedingungen und der allgemeine Umgang mit den Inhaftierten reiht sich in eine massive Repressionswelle gegenüber palästinasolidarischen Aktivist:innen und insbesondere Palestine Action ein: Die Gruppe wurde im vergangenen Jahr als terroristische Organisation eingestuft und es kam allein bis September 2025 zu mehr als 1.600 Verhaftungen.

Vor über zwei Monaten entschieden sich acht Aktivist:innen dazu, in einen Hungerstreik zu treten. Sie fordern damit unter anderem eine faire Verhandlung, eine unzensierte Berichterstattung, eine Aufhebung des Verbots von Palestine Action, die Schließung der Standorte von Elbit Systems und eine sofortige Entlassung der Gefangenen auf Kaution.

Palestine Action: Hungerstreikende in Lebensgefahr

Die lebensbedrohlichen Folgen des Hungerstreiks

Nun beendeten auch die letzten Gefangenen nach mehr als zehn Wochen ihren Hungerstreik. Grund dafür ist unter anderem ihre gesundheitliche Lage, die sich zuletzt immer weiter zuspitzte.

Die Aktivistin Heba Muraisi befandt sich 73 Tage im Hungerstreik. Infolgedessen hatte sie bereits über 10 Kilogramm an Gewicht verloren und jegliche Fettreserven aufgebraucht. Sie berichtet über ständige Schmerzen in Kopf und Herzbereich, was auf ein stetiges Versagen des Körpers hindeutet. Sie selbst sagte einer Freundin bei einem Besuchstag, dass sie sich im Sterben befindet.

Kamran Ahmed streikte 68 Tage lang. Bei ihm wurde mittlerweile eine Rückbildung des Herzmuskels diagnostiziert: Sein Herzschlag ging teils auf unter 40 Schläge pro Minute zurück. Für ihn bestand also die akute Gefahr eines Herzinfarktes. Er verlor außerdem 14 Kilogramm an Körpergewicht und zeigte weitere gesundheitliche Folgen wie Taubheit auf einem Ohr.

Beide dieser Hungerstreikenden mussten schon öfters in Folge von Zusammenbrüchen ärztlich notversorgt werden. Auch bei den anderen Hungerstreikenden wird von massivem Gewichtsverlust, Schmerzen sowie Atemschwierigkeiten und Haarausfall berichtet.

Die Politik handelt bewusst nicht

Während die politischen Gefangenen also sichtlich in eine immer kritischere Lage kamen, zeigten die verantwortlichen Politiker:innen keine Intention zu handeln. Ein Sprecher des Justizministeriums erklärte zuletzt lediglich, dass den Gefangenen genügend Nahrung und Versorgung gegeben sei, falls sie sich entscheiden sollten, ihren Hungerstreik zu beenden.

Nicht einmal auf ein Gespräch zwischen den verantwortlichen Minister:innen und den Gefangenen oder ihren rechtlichen Vertretungen wolle man sich einlassen: „Minister:innen werden sich nicht mit den Inhaftierten oder ihren Rechtsanwält:innen treffen.“ Daran änderte auch ein vor rund einer Woche eingereichter Antrag im britischen Parlament, der ein solches Gespräch bewirken sollte, nichts.

Auch sonst zog sich die Regierung des Vereinten Königreichs aus der Verantwortung: Zu der Forderung nach einer Entlassung auf Kaution wurde erklärt, dass nur unabhängige Richter:innen dies erlassen könnten.

Dieser Darstellung widerspricht Human Rights Watch vehement. Yasmin Ahmed, die britische Direktorin der Menschenrechtsgruppe, erklärt in einem kürzlich versendeten Brief an den Generalstaatsanwalt, dass dieser die Entlassung auf Kaution durchaus unterstützen könnte. Zwar obliegt die endgültige Entscheidung tatsächlich einem Gericht, jedoch könnte die Staatsanwaltschaft mit einem entsprechenden Antrag kooperieren und den rechtlichen Widerstand gegen die Entlassung einstellen. Diese Meinung teilt auch ein ehemaliger Berufungsrichter.

Palestine Action: UK setzt Verbot durch, verhaftet Hunderte

Bobby Sands: Britische Regierung akzeptiert Tod von Hungerstreikenden

Die britische Regierung fand sich also scheinbar bereits mit dem Tod der Hungerstreikenden ab. Geschichtlich gesehen wäre das keine Überraschung: Dass politische Gefangene des britischen Staats im Hungerstreik sterben, ist nämlich keine Neuheit.

Bereits 1981 starben zehn Häftlinge um Bobby Sands an den Folgen eines Hungerstreiks im britischen Gefängnis. Sie wurden wegen Mitgliedschaft in der IRA und der mutmaßlichen Beteiligung an Widerstandsaktionen in Nordirland verhaftet. Ihr Protest galt dem Entzug des „Special Category Status“, der dafür sorgte, dass die politischen Gefangenen auch wie solche behandelt werden sollten.

Die Provisional Irish Republican Army (IRA) war eine irische Widerstandsgruppe, die gegen die koloniale Unterdrückung Irlands durch England kämpfte. Wie auch heute wurden sie bereits als Terroristen und Kriminelle dargestellt und ihr Kampf delegitimiert. Der Staat unter Margaret Thatcher ließ sie kalkuliert sterben, um den Willen des Widerstands zu brechen.

Damals wie heute führte der Umgang mit den Hungerstreikenden aber nicht zu einer Isolierung der Aktivist:innen. Stattdessen solidarisierten sich breite Massen an Menschen mit den Hungerstreikenden bis nach ihrem Tod. Auch heute erhalten die Aktivist:innen viel Zuspruch und Unterstützung in Form von Demonstrationen, politischen Aktionen und Solidaritätsbekundungen.

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