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Regionaler Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und den Emiraten

Das Königreich Saudi-Arabien hat die Vereinigten Arabischen Emirate – einen ehemaligen Partner im Jemen-Krieg – öffentlich beschuldigt, seine nationale Sicherheit zu untergraben. Diese ungewöhnlich deutliche Anschuldigung offenbart einen Konflikt zwischen beiden Ländern, der schon seit längerer Zeit schwelt.

Äußerungen der saudischen Regierung über die zunehmend eigenständige Außenpolitik der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) deuten auf eine wachsende Unruhe in den diplomatischen Beziehungen hin. Diese Spannungen gipfelten in der ersten Januarwoche in saudischen Luftangriffen auf eine mit den VAE in Verbindung stehende Lieferung in der jemenitischen Hafenstadt Mukalla am Roten Meer.

Der Jemen hat eine lange Grenze zu Saudi-Arabien. Saudische Beamte befürchten, dass Instabilität oder der Zusammenbruch des jemenitischen Staats schwerwiegende Folgen für die eigene nationale Sicherheit haben könnte.

Für die VAE liegt die strategische Bedeutung des südwestlichen Jemen in seiner Lage entlang wichtiger Seehandelsrouten und Schifffahrtswegen im Roten Meer, sowie in seiner Nähe zum Horn von Afrika, wo die Regierung in Abu Dhabi sowohl militärische als auch wirtschaftliche Interessen verfolgt.

Der Jemen, der Sudan und das Horn von Afrika liegen jedoch viel näher an Saudi-Arabien als an den VAE, was den Eindruck einer Konfrontation in der saudischen Hauptstadt Riad erzeugt. Analyst:innen gehen zwar nicht davon aus, dass sich die Kluft zu einer direkten Konfrontation zuspitzen wird, doch selbst eine begrenzte Verschlechterung könnte weitreichende Folgen haben.

Saudi-Arabien und die VAE gehören zu den größten Ölexporteuren der Welt und liegen in der Nähe von zwei der wichtigsten Seestraßen für den globalen Handel: der Straße von Hormus und der Meerenge Bab al-Mandab. Durch sie wird ein erheblicher Teil des weltweit auf dem Seeweg transportierten Öls befördert. Selbst eine begrenzte Konfrontation zwischen den beiden Verbündeten der USA hätte direkte Auswirkungen auf die Energiemärkte.

Beide sind außerdem die größte bzw. zweitgrößte arabische Volkswirtschaft und erhalten aus den USA ehebliche Investitionen in Höhe von mehreren Billionen Dollar, insbesondere in den Bereichen Verteidigung und Technologie.

Eine bröckelnde Allianz

Noch vor einem Jahrzehnt waren Riad und Abu Dhabi sich einig über die ihrer Meinung nach vordringlichsten Bedrohungen für die Region: der wachsende Einfluss des Iran und die Herausforderung durch die regionalen Aufstände des Arabischen Frühlings. Gemeinsam starteten sie eine militärische Intervention im Jemen, um den Vormarsch der vom Iran unterstützten Huthis zurückzudrängen, und unterstützten konterrevolutionäre Kräfte in der Region.

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Diese Allianz ist seitdem zerbrochen. Als einige dieser Bedrohungen nachließen, begannen sich die Strategien Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate zu unterscheiden, wodurch konkurrierende Agenden in den Vordergrund traten. In den letzten Jahren haben sich die beiden Länder in regionalen Konflikten auf gegnerischen Seiten wiedergefunden, insbesondere bei den Bürgerkriegen im Jemen und im Sudan.

Saudi-Arabien wirft den VAE nun genau das vor, was Riad und Abu Dhabi einst dem Iran vorgehalten haben: die Unterstützung nichtstaatlicher Akteure in der Region gefährde die Sicherheit. Währenddessen schwindet der Einfluss Teherans – nach schweren Rückschlägen im Libanon und Syrien und steigenden innenpolitischen Spannungen –, und der Machtkampf verschärft sich.

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Möglichkeit einer regionalen Eskalation?

Konkurrierende Interessen im Sudan und im Jemen führten dazu, dass die Spaltung schließlich offen zutage trat: Der von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützte jemenitische Separatistische Südliche Übergangsrat (STC) überrannte Anfang Dezember den Südosten des Landes, nahm weite Teile des Territoriums ein und vertrieb die von Saudi-Arabien unterstützten jemenitischen Regierungstruppen aus diesen Gebieten. Die Regierung unter Führung des Präsidialen Führungrates (PLC) hat mittlerweile die meisten Gebiete zurückerobert.

Saudi-Arabien glaubt, dass die VAE jemenitische Separatisten in den an das Königreich angrenzenden Provinzen zur Offensive mobilisiert hätten.

Es könnte sein, dass nach den Luftschlägen in Mukalla weitere saudische Angriffe gegen die STC und die VAE im Raum stehen, sollten sich die Separatisten nicht zurückziehen. Ob die aktuellen Spannungen zwischen beiden Ländern sich noch erheblich verschärfen werden, bleibt abzuwarten.

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