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Rüstungsexporte und Handelsabkommen: Merz zu Besuch in Indien

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist zu Besuch in Indien. Mit der Stärkung der Handelsbeziehungen und einem Rüstungsdeal versucht er Indien mehr in Europas und Deutschlands Machtinteressen einzubinden.

Bei seinem ersten politischen Besuch in Indien unterschrieb Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) insgesamt 27 Vereinbarungen mit dem indischen Premierminister Narendra Modi. Es ging um ein Freihandelsabkommen, indische Fachkräfte und allen voran einen U-Boot-Rüstungsdeal.

Der indische Premier empfing Merz mit allen Ehren, wie zuvor auch US-Präsident Donald Trump und den russischen Präsidenten Vladimir Putin. Das Treffen stand damit im Kontext vom kriselnden Verhältnis zwischen Indien und den USA, aber auch der intensiven Kooperation Indiens mit Russland und der erneuten Annäherung an China.

Acht Milliarden für sechs U-Boote

Ein Hauptaspekt der Reise war ein U-Boot-Deal zwischen der Kieler Rüstungsfirma Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) und der indischen Marine. Darin geht es um die Teile für sechs U-Boote, die von der TKMS geliefert und anschließend in Indien zusammengebaut werden sollen.

Das Geschäft über acht Milliarden Euro steht damit offensichtlich stark im Interesse der deutschen Rüstungsindustrie. Damit findet der Deal auch einen Platz im Kontext der allgemeinen Kriegsvorbereitung des deutschen Staates – Für den deutschen Staat geht es bei solchen Geschäften nicht nur darum den Profit von Rüstungsgiganten wie TKMS zu erhöhen, sondern auch darum, die Produktion zu stärken und immer weitere Kapazitäten aufzubauen.

U-Boote von TKMS: Rekordauftrag und Staatsbeteiligung

Dabei versteckt der Bundeskanzler die Abmachung nicht hinter den üblichen Vorwänden, sondern spricht in Indien ganz offen von internationaler Machtpolitik: „Diese Welt ordnet sich neu […] Sie ist zunehmend geprägt von Großmachtpolitik und Denken in Einflusssphären. Es wehen raue Winde, gegen die wir uns gemeinsam wappnen müssen.“

Obwohl Merz’ Besuch im Kontext von Aufrüstung und Kriegsvorbereitung stand, besuchten Merz und Modi zuvor eine ehemalige Wirkungsstätte Mahatma Gandhis, der indische Pazifist, der den gewaltfreien Widerstand gegen die Kolonialherrschaft Großbritanniens über Indien anführte.

Ins Gästebuch des Ashrams schrieb Merz: „Mahatma Gandhis unerschütterlicher Glaube an die Kraft der Freiheit und an die Würde jedes Menschen inspiriert uns bis heute. Dieses Menschheitserbe verbindet Inder und Deutsche als Freunde in einer Welt, die Gandhis Lehre vielleicht nötiger hat denn je.“ Gandhis pazifistische und antikoloniale Botschaft ließ er hierbei aus.

Neuer Absatzmarkt für Deutschland

Im Handel bietet sich Merz als Stellvertreter der EU Indien als Alternative zu den USA an. Indien habe „Erfahrungen gemacht mit der amerikanischen Zollpolitik“ und könne mit Europa „andere Erfahrungen machen, bessere Erfahrungen machen“.

Damit bezieht er sich auf die von US-Präsident Donald Trump verhangenen Strafzölle gegen Indien und zahlreiche andere Länder. Seit August letzten Jahres erheben die USA Zölle von bis zu 50 Prozent auf indische Güter. Nun erwarten Indien weitere US-Strafzölle in Höhe von 25 Prozent wegen Handelsbeziehungen zum Iran.

Für Merz bietet dies eine Gelegenheit, denn die EU und allen voran die Exportwirtschaft Deutschlands sind von den US-Strafzöllen ebenfalls hart getroffen worden und suchen nach neuen Absatzmärkten. Indien als aufstrebende Großmacht mit einer wachsenden Mittelschicht ist dabei besonders für den Export von deutschen Luxusgütern interessant. Ebenfalls dürften im Kontext vom Handelskrieg und der gleichzeitigen Abhängigkeit von China, die günstigen Produktionsbedingungen in Indien eine Rolle spielen.

Das lang verhandelte Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien hofft man nun am 27. Januar bei einem Gipfeltreffen in Neu-Delhi unterzeichnen zu können.

Freihandelsabkommen zwischen EU und Indien noch dieses Jahr?

Als weiterer Schritt zu mehr wirtschaftlicher Zusammenarbeit sollen mehr Fachkräfte aus Indien angeworben werden. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der in Deutschland beschäftigten Inder:innen von etwa 25.000 auf etwa 170.000 gestiegen. Auch in deutschen Unis sitzen mittlerweile knapp 60.000 Studierende aus Indien.

Indien (k)ein Wunschpartner

Das bevölkerungsreichste Land der Welt steht auch viel in der Kritik wegen Menschenrechtsverletzungen. So bestärkt die seit 2014 regierende hindufaschistische Bharatiya Janata Party (BJP) unter Narendra Modi beispielsweise massiv Gewalt gegenüber Muslim:innen – In den BJP regierten Bundesstaaten ist die Lage besonders schlimm. Ebenso reagiert der indische Staat auf Proteste immer wieder mit massiven Repressionen, wie bei den Bauernprotesten in 2024.

Seit Jahren befindet sich der indische Staat zudem im Volkskrieg mit der CPI (Maoist). Hierbei begeht das indische Militär bei Vorgängen wie der „Operation Green Hunt“ und der „Operation Kahaar“ auch wiederholt Massaker an Widerstandskämpfer:innen.

Eine neue Phase des Volkskriegs in Indien: Massaker oder Waffenstillstand

Während diese Tatsachen für Merz keine Hürde darstellen, ist ihm die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland ein Dorn im Auge. Noch im Dezember traf sich Modi mit Putin, den er ebenso herzlich begrüßte. Auch mit China sucht die indische Regierung zuletzt wieder die Annäherung. Im August 2025 trafen sich Modi und Xi Jinping bei einem Gipfel in China.

Indien steht derzeit also gewissermaßen zwischen den verhärteten Fronten der Großmächte und pflegt Beziehungen sowohl zu China und Russland, als auch zu den NATO-Staaten. Auf wessen Seite Indien sich in Zukunft stellen wird, bleibt offen. Merz’ Reise und die geschlossenen Abkommen halten die Tür für Europa allerdings vorerst auf. Die wenigen Bündnisoptionen, die Deutschland bleiben, fasst Merz mit der Bezeichnung Indiens als „Wunschpartner“ zusammen.

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