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Ukraine: Militärische Macht zunehmend unter Neonazi-Einfluss

In der Ukraine steigen offen faschistische Akteure in Schlüsselpositionen auf: Der neue Verteidigungsminister Fedorow will monatlich 50.000 russische Soldaten töten, der rechte Influencer Sternenko berät ihn dabei. Und der Asow-Kommandeur Andrij Bilezkyj gilt als möglicher neuer Oberbefehlshaber der Armee.

Während europäische Politiker:innen die Verteidigung gemeinsamer demokratischer Werte beschwören, rücken in der Ukraine Faschist:innen ins Zentrum der Macht. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte in einer Bundestagsrede am Donnerstag, Europa müsse „auf der Grundlage der Werte, die wir nicht aufgeben wollen“, lernen, „die Sprache der Machtpolitik“ zu sprechen. Gleichzeitig erhält in Kiew ein bekennender Faschist direkten Zugang zum Verteidigungsministerium. Und er ist nicht der Einzige, der im ukrainischen Staat nach oben strebt.

Seit dem 22. Januar 2026 ist Serhij Sternenko Berater des ukrainischen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow. Sternenko soll an der Effizienzsteigerung des Drohnenkriegs mitwirken. Kurz vor seiner Ernennung wurde er von Präsident Wolodymyr Selenskyj empfangen.

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Vom rechten Influencer zum Berater des Verteidigungsministers

Sternenko ist kein unbeschriebenes Blatt: Der frühere Mitbegründer des „Rechten Sektors“ in Odessa wurde nach dem Euro-Maidan 2014 als Initiator der sogenannten „Müllustration“ bekannt. Dabei wurden mutmaßlich prorussische Personen von rechten Schlägern öffentlich misshandelt und gedemütigt, indem man sie vor laufenden Kameras in Müllcontainer warf. Sternenko verteidigte diese Praxis später als notwendige Form außerstaatlicher „Gerechtigkeit“ und bezeichnete sie als „nicht schmerzhaft, sondern nur erniedrigend.“

2021 wurde Sternenko zunächst wegen Entführung, Raubs und illegalen Waffenbesitzes zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, im Berufungsverfahren jedoch freigesprochen. In den Folgejahren profilierte er sich als politischer Influencer und Kriegspropagandist. Und nun findet seine Kriegswerbung nicht mehr nur in den sozialen Medien statt, sondern im Verteidigungsministerium der Ukraine.

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Ziel: 50.000 russische Soldaten pro Monat töten

Die Personalie fällt in eine Phase, in der das Verteidigungsministerium einen zunehmend radikalen Ton anschlägt: Verteidigungsminister Fedorow hatte z.B. kurz nach Amtsantritt am 14. Januar erklärt:Ziel sei es, monatlich bis zu 50.000 russische Soldaten zu töten. Präsident Selenskyj griff diese Zahl auf und sprach von einem „optimalen Niveau.“

Kritik an dieser „Strategie“ kommt nur vereinzelt. Die Parlamentsabgeordnete Anna Skorochod bezeichnete die Ausrichtung auf die Maximierung feindlicher Verluste als „krank“ und forderte stattdessen, die Beendigung des Krieges sowie den Austausch von Kriegsgefangenen in den Mittelpunkt zu stellen.

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Neonazi und Asow-Gründer als möglicher neuer Armeechef

Wäre das nicht genug, wird über einen möglichen Austausch der Spitze der ukrainischen Streitkräfte diskutiert. Als Nachfolger des derzeitigen Oberbefehlshabers Olexander Syrskyj gilt Andrij Bilezkyj, Gründer des Asow-Regiments und langjähriger Neonazi. Bilezkyj kommandiert derzeit das 3. Armeekorps, das aus dem früheren Asow-Verband hervorgegangen ist.

Die Brigade Asow entstand in einer Phase staatlicher Schwäche und wurde von Akteuren aufgebaut, die bereits zuvor in offen faschistischen Organisationen aktiv waren. Bilezkyj selbst war führendes Mitglied der „Social-National Assembly“ sowie der Gruppierung „Patriot der Ukraine“. Er soll die Ukrainer:innen als „einzige arische Rasse der Welt“ bezeichnet haben.

Ideologisch bezog sich das Asow-Regiment von Beginn an auf historische Vorbilder des ukrainischen Nationalismus der 1930er und 1940er Jahre. Symbolik wie die Wolfsangel, die bereits von Einheiten der Waffen-SS verwendet wurde, gehörte ebenso zur Außendarstellung wie offene Bezugnahmen auf die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und deren bewaffneten Arm, die Ukrainische Aufständische Armee (UPA). Führende Ideologen des Asow-Umfelds bezeichneten zentrale Figuren dieses Milieus öffentlich als Vorbilder.

Ab 2015 wurde die Asow-Brigade schrittweise in die regulären ukrainischen Streitkräfte integriert und professionalisiert. Die militärische Leistungsfähigkeit der Einheit – insbesondere bei der Verteidigung von Mariupol 2022 – trug maßgeblich zu ihrem heutigen Elite-Status bei. Gleichzeitig wurde im Westen zunehmend die Darstellung vertreten, die Einheit habe sich „entideologisiert“. Medien gehen sogar soweit, die Einheit als lediglich „faschistisch gebrandmarkt“ darzustellen.

In seiner aktuellen Funktion als Kommandeur des 3. Armeekorps soll Bilezkyj laut Medienberichten systematisch Führungspositionen mit Kadern aus der faschistischen Szene besetzen. Neben seiner militärischen Rolle werden Bilezkyj zunehmend politische Ambitionen zugeschrieben. Ukrainische Medien berichten über Überlegungen zu einer möglichen Präsidentschaftskandidatur.

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Rechte Netzwerke bis ins Präsidentenbüro

Auch Denis Kapustin, Anführer des Russischen Freiwilligenkorps und international als Neonazi bekannt, unterhält enge Beziehungen zu Kyrylo Budanow, dem Leiter des Präsidentenbüros. Anfang 2026 sollen beide Kapustins Tod fingiert haben, um ein von Russland ausgesetztes Kopfgeld zu kassieren. Wenige Tage später wurde Budanow zum Chef von Selenskyjs Administration befördert.

Der Einfluss faschistischer Strukturen beschränkt sich nicht auf ukrainische Akteure: Recherchen zeigen, dass sich in der Ukraine auch ausländische Neonazis organisieren. 2025 formierte sich eine Einheit französischer Faschist:innen, die offen NS-Symbolik verwendet, aktiv rekrutiert und in ukrainische ultranationalistische Verbände eingebunden ist.

„Asow-Regiment“ und „Gruppe Wagner“ – Faschist:innen kämpfen auf beiden Seiten

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