Rojava steht unter Beschuss. Die kurdische Selbstverwaltung in Nordostsyrien kämpft ums Überleben. Hier berichten wir täglich von den wichtigsten Entwicklungen in Rojava und dem weltweiten Widerstand zur Verteidigung der Revolution.
Dienstag, 3. Februar – 11:30 Uhr
Das zwischen den Demokratischen Kräften Syriens (SDF) und der syrischen Übergangsregierung geschlossene Abkommen ist am Montag offiziell in Kraft getreten. Gestern trafen deshalb erste Einheiten des syrischen Innenministeriums in Hesekê und Kobanê ein, um die Umsetzung zu koordinien. Zur Stabilisierung wurden in Teilen von Hesekê und Qamişlo temporäre Ausgangsbeschränkungen verhängt. Trotz des Abkommens hält die Belagerung von Kobanê weiterhin an.
Women Defend Rojava und RiseUp4Rojava bewerten das Abkommen zwischen den SDF und Damaskus als Erfolg des jüngsten internationalen Protests. Zugleich warnen sie davor, den vereinbarten Waffenstillstand als Entwarnung zu verstehen. Frühere Erfahrungen zeigten, dass solche Abkommen häufig gebrochen würden. Daher müsse der politische Druck auf Damaskus und seine Verbündeten weiter erhöht werden.
Verhaftungswelle in der Türkei
Vorwürfe rassistisch-transfeindlicher Gewalt an der TU Berlin
Montag, 2. Februar – 19:00 Uhr
Als Teil des neu ausgehandelten Waffenstillstands ist seit heute eine Delegation von über 100 Mitgliedern des syrischen Innenministeriums in der von der SDF kontrollierten Stadt Hesekê. Sie werden eng begleitet von Kräften der SDF. Bisher wurden keine Zwischenfälle gemeldet. Weitere Städte wie etwa Qamischlo sollen in den kommenden Tagen folgen. Gemäß des Abkommens zum Waffenstillstand sollen sich die SDF, bis auf festgelegte Einheiten, aus den Städten Hesekê und Kobanê zurückziehen.
Die Stadt Kobanê ist weiterhin belagert, es gibt kaum Strom und Wasser. Hinter der Grenze zum türkischen Staat, wurde nur wenige Kilometer von Kobanê entfernt ein Hilfskonvoi mit 25 Lastwagen blockiert. DIeser hatte unter anderem Wasser, Milch, Säuglingsnahrung und Decken geladen. Zusätzlich zur Belagerung ist die Situation in der Stadt noch durch tausende Geflüchtete zugespitzt. Sie flohen vor dem Vorrücken der syrischen Armee. Der türkische Staat weigert sich weiterhin, die Grenze zu öffnen.
Sonntag, 1. Februar – 16:00 Uhr
In einem Interview mit dem kurdischen Sender Ronahî TV hat der Oberkommandierende der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), Mazlum Abdi, umfassend Stellung zum neuen Abkommen zwischen der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES) und der syrischen Übergangsregierung unter Jolani genommen. Das Ziel sei gewesen, weitere Eskalation zu verhindern, zivile Opfer zu vermeiden und gleichzeitig die Errungenschaften der kurdischen Selbstverwaltung in Rojava zu sichern. Nach Abdis Ansicht, hätte man kurz vor einem Massaker der kurdischen Bevölkerung gestanden – ohne dass internationale Akteure in irgendeiner Weise Schutz oder Unterstützung angeboten hätten.
Abdi stellt außerdem klar, dass die syrische Armee nichts in den kurdischen Gebieten zu suchen hat: „Die syrische Armee wird weder in kurdische Städte noch in deren Dörfer einrücken. Das gilt sowohl für die Cizîrê-Region als auch für Kobanê.“ Weiter wurde im Abkommen festgehalten, dass die Blockade von Kobanê aufgehoben werde, sobald syrische und kurdische Militäreinheiten ihre Posten in der Region wie im Abkommen festgehalten räumen.
Weitere Personen der „Peoples Caravan“ in der Türkei festgenommen
Der türkische Staat hat am Samstag weitere 29 Aktivist:innen der „Peoples Caravan“, der „Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit“, festgenommen. Am Freitag hatten diese die Grenzstadt Pirsûs (Suruç) erreicht und wurden am Samstag in Riha festgenommen, um abgeschoben zu werden. Vor wenigen Stunden veröffentlichten Aktivist:innen ein Video, dass sie in Deutschland angekommen seien. 16 weitere Aktivist:innen der Karawane wurden bereits am Mittwoch in Mêrdîn (Mardin) festgenommen worden und sind einen Tag später abgeschoben worden.
Trotz Waffenstillstand: Internationale Proteste für Rojava gehen weiter
Am Samstag hat ein bundesweiter Aktionstag für Rojava stattgefunden. Tausende gingen in Solidarität mit dem kurdischen Volk auf die Straße – gefordert wurde unter anderem die Anerkennung der DAANES und ein dauerhaft politischer Status.
In Köln kam es am Samstag zu weiterer Polizeischikane: Diese wollte die Demonstration aufgrund von YPG- und YPJ-Fahnen aufhalten. Davon ließen sich die Teilnehmer:innen nicht aufhalten, allerdings verhängte die Polizei im Laufe der Demonstration trotzdem immer wieder Maßnahmen gegen Demonstrierende.
In Leipzig bewegte sich eine Demonstration am Samstag zum Krankenhaus, in dem ein kurdischer Geflüchteter liegt, welcher vor einigen Tagen Opfer eines Messerangriffs durch mutmaßliche HTS-Anhänger wurde.
In dem Interview mit Ronahî TV hat sich der Oberkommandierende der SDF, Mazlum Abdi, auch zu den internationalen Protesten geäußert, die seit über zwei Wochen fast täglich stattfinden: „Es ist schwer, angesichts dieser Unterstützung nicht stolz zu sein. Sie hat uns moralisch enorm gestärkt und sie hat weltweit die Aufmerksamkeit auf Rojava gelenkt.“ Gemeint sei damit nicht nur die riesigen Protestwellen in den kurdischen Gebieten der Türkei, sondern auch die Proteste, die vor allen Dingen von der kurdischen Diaspora in europäischen Ländern getragen wurden.
Freitag, 30. Januar – 20:50 Uhr
Zwischen der islamisch-fundamentalistischen al-Scharaa-Regierung und den kurdischen Syrian Democratic Forces (SDF) wurde am Freitag ein neues Abkommen geschlossen. Dieses sieht zunächst einen Waffenstillstand vor. Die Truppen sollen sich an in ihre Stützpunkte zurückziehen.
Wie Ko-Außenbeauftragte der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES), Ilham Ehmed, auf einer Online-Pressekonferenz verkündet hat, sollen die SDF und andere Institutionen der Selbstverwaltung in den syrischen Staatsapparat integriert werden. Die lokalen Verwaltungen und das zivile Personal – inklusive des Systems der genderparitätischen Doppelspitze – sollen in ihrer bisherigen Struktur bestehen bleiben. In der Stadt Kobane soll eine neue Einheit des syrischen Militärs stationiert werden. Die SDF bleiben mit festgelegten Einheiten in Hesekê und Kobanê präsent; die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) bleiben Teil der SDF.
Darüber hinaus sieht das Abkommen die Anerkennung von Schul- und Universitätsabschlüssen aus der Region vor sowie die formale Anerkennung des Kurdischen als Muttersprache, wobei Details zur Umsetzung noch offen sind. Weitere Regelungen betreffen die Rückkehr von Binnenvertriebenen in verschiedene Städte, darunter Efrîn, Şêxmeqsûd und Eşrefiyê, die durch Sicherheitsgarantien begleitet werden soll.
Während der Pressekonferenz betonte Ilham Ehmed, die Vereinbarung würde darauf abzielen, bestehende politische, rechtliche und zivile Strukturen der kurdischen Bevölkerung abzusichern und einen Rahmen für weitere Entwicklungen in der Region zu schaffen.
Das Abkommen wurde auch durch Vermittlung von den USA erzielt. Diese sollen auch mit Frankreich weiter in den Gesprächen zwischen der SDF und der syrischen HTS beteiligt sein. Der beteilige Gesandte Tom Barrack bezeichnete den Vertrag als „historischen Meilenstein“. Es war jedoch auch Barrack, der zu Beginn der Großoffensive gegen Rojava geäußert hat, dass die USA kein Interesse mehr an der Selbstverwaltung der SDF hätten. In den vergangenen Wochen wurden mehrfach Waffenstillstände angekündigt, während es dennoch zu weiteren Gefechten kam. Vor diesem Hintergrund ist auch das jüngste Abkommen zu betrachten.
Die Türkei verlegen derweil Panzer und Artelleriegeschütze an die türkische Grenze zu Kobanê. Nach Berichten verstärken auch die USA ihre Präsenz in Westasien und verlegen vermehrt Militärflugzeuge sowie Ausrüstung. Eine der größten Militärtransportmaschinen der Welt, eine C-5M, befindet sich derzeit im Landeanflug auf die Militärbasis Al Udeid in Katar.
Besetzung der Spiegel-Zentrale aus Kritik an Berichterstattung über Rojava
Rund 30 Aktivist:innen des Bündnisses RiseUp4Rojava haben am Freitagmittag das Hamburger Verlagshaus des Nachrichtenmagazins Der Spiegel besetzt. Anlass der Aktion ist Kritik an der Berichterstattung des Magazins zur Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES) sowie zur aktuellen Lage in Kobanê. Die Protestierenden werfen dem Spiegel eine einseitige Darstellung vor und fordern eine differenziertere journalistische Einordnung der politischen, humanitären und sicherheitspolitischen Situation in der Region.
Freitag, 30. Januar – 11:30 Uhr
Die Delegationsteilnehmer:innen wurden auf verschiedene Flugzeuge aufgeteilt und sind am Vormittag biser in Frankfurt (Main), Hamburg, Berlin und Köln gelandet. Dort hat die Bundespolizei die Delegation aufgehalten.
Freitag, 30. Januar – 10:55 Uhr
Erste Teilnehmer:innen der vor zwei Tagen in Nordkurdistan von der türkischen Polizei festgenommenen Internationalist:innen, welche mit ihrer Delegation auf die Situation in Rojava aufmerksam machen und Solidarität mit der dortigen Bevölkerung zeigen wollte, sind am Freitag Vormittag wieder in Deutschland gelandet.
Nachdem die Delegation bereits gestern Abend abgeschoben werden sollte und bereits in Istanbul in einem Flugzeug nach Deutschland saß, wurden sie erneut von der türkischen Polizei verhaftet und die Nacht über in Gewahrsam gehalten.
In Kürze wird es weitere Informationen und Statements der Delegationsteilnehmer:innen geben.
Donnerstag, 29. Januar – 21:20 Uhr
Die Delegation von Internationalist:innen, die aus Deutschland nach Nordkurdistan gereist und dort am Mittwoch Morgen festgenommen worden waren, sollte heute von Istanbul aus abgeschoben werden. Kurz vor Abflug sollen jedoch Männer in Anzügen in das Flugzeug gekommen sein und die Aktivist:innen und Journalist:innen aufgefordert haben, das Flugzeug wieder zu verlassen.
Kurz darauf ist der Kontakt zur Delegation abgebrochen. Wie zwei Journalist:innen von JugendInfo in einem Video berichten, gehen sie davon aus, dass der türkische Staat sie erneut festnehmen will.
Donnerstag, 29. Januar – 18:20 Uhr
Aufgrund der gestrigen Festnahme der internationalistischen Delegation in Nordkurdistan, gab es in Deutschland eine Vielzahl an Eilkundgebungen und Demonstrationen. In mehreren deutschen Städten wie in Augsburg, Düsseldorf, Leipzig und Nürnberg gingen hunderte Menschen auf die Straßen, um sich mit den Gefangenen zu solidarisieren.
Neben den Demonstrant:innen, ergriffen auch einige Organisationen die Initiative. Der Kommunistische Aufbau sowie Young Struggle Europe äußerten sich alarmierend über die anlasslose Ingewahrsamnahme der Aktivst:innen. Sie werfen dem faschistischen Staat Türkei und dem imperialistischen Vereinigten Staaten Komplizenschaft mit der dschihadistischen Militäreinheit HTS vor. Die Linke pocht ebenfalls auf ein sofortiges Ende der Inhaftierungen, von der auch ein Mitglied der Linksjugend Solid und eines des niedersächsischen Landesverbands betroffen sind.
Der Parteivorsitzende Jan van Aken fand deutliche Worte zu dem Vorgehen des türkischen Staates: „Es ist unerträglich, dass deutsche Staatsbürger wegen politischer und journalistischer Arbeit in türkischer Haft sitzen. Die deutsche Botschaft ist verpflichtet, umgehend konsularischen Beistand zu leisten und die Rechte der Festgenommenen durchzusetzen. Gleichzeitig verurteilen wir die Blockade der People’s Caravan und die Einbehaltung von Pässen an der Grenze. Die humanitäre Solidarität sollte unterstützt, statt kriminalisiert werden.“ Darüber hinaus zeigte die Partei in einer heutigen Stellungnahme ihre Unterstützung für den kurdischen Kampf in Rojava. Sie beschuldigen die USA die kurdischen Kräfte in Nordostsyrien bewusst fallengelassen zu haben, um mit der HTS zu paktieren.
Kobanê: Türkische Panzer und eine humanitäre Katastrophe
Derweil verstärkt die Türkei den Druck auf die westkurdische Stadt Kobanê. Erst ein am Montag ans Licht gekommenes Video, in dem eine türkischsprechende Person Anweisungen gibt, bestärkte erneut die Vermutung, dass türkische Einheiten den Angriff auf die nordsyrische Stadt Kobanê organisierten. Nun zeigen weitere Aufnahmen zudem, dass entlang der türkisch-syrischen Grenze eine Panzerstellung errichtet wurde, um mögliche weitere Angriffe zu forcieren.
Auch die humanitäre Lage in Kobanê wird immer dramatischer. Die internationale Gesundheitsplattform Amed erklärt die medizinische Infrastruktur sei zusammengebrochen und warnt vor einer humanitären Katastrophe. Fatma Yıldızhan von der Organisation spricht von einer bewusst gesteuerten humanitären Katastrophe: „Das hier ist nicht einfach nur ein Verstoß gegen Kriegsrecht – das entwickelt sich in Richtung eines Völkermords“.
Mittwoch, 28. Januar – 13:30 Uhr
Die Delegation aus deutschen Journalist:innen und Aktivist:innen wurde in Bakur (Nordkurdistan) von der türkischen Polizei festgenommen. Einer Pressemitteilung zufolge waren sie dabei auf dem Weg nach Mardin, welches sich in der Nähe der türkisch-syrischen Grenze zu Rojava befindet. Auch unsere Korrespondentin von Perspektive befindet sich aktuell in der polizeilichen Maßnahme.
Anwält:innen vor Ort teilten mit, dass die Festgenommenen in einer Einrichtung der türkischen Migrationsbehörde festgehalten werden. Die Anwält:innen hätten bislang weder Zugang noch Kommunikation mit den Aktivist:innen gehabt. Auch über die genauen Vorwürfe bestehe Unklarheit. Vermutlich werden die Betroffenen aktuell nach Istanbul gebracht. Die zuständigen Behörden äußerten sich bislang nicht zu dem Vorgehen.
Die Delegation selbst befindet sich mittlerweile seit Sonntag, dem 25. Januar in den nordkurdischen Gebieten. Dort haben sie sich mit verschiedenen Initativen, Organisationen und politischen Parteien getroffen, um gemeinsam Aufmerksamkeit für die anhaltenden Angriffe auf Rojava zu generieren und internationale Solidarität zu leisten.
Parallel dazu hat die internationalistische Auto-Karawane die griechisch-türkische Grenze erreicht und wird dort scheinbar vom türkischen Staat aufgehalten. Unter den von der Delegation Festgenommenen befinden sich auch Aktivist:innen verschiedener deutscher Organisationen, darunter die Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO), die Demokratische Jugend (YUNA) und der Kommunistische Aufbau (KA). Letzterer schreibt dazu in einer aktuellen Stellungnahme, dass es jetzt umso wichtiger sei, „Öffentlichkeit herzustellen, nach Deutschland zu tragen und die Verantwortlichen auch hier zur Rechenschaft zu ziehen“.
Mittwoch, 28. Januar – 10 Uhr
Der Direktor des US National Counterterrorism Center, Joe Kent, ist nach Bagdad gereist, um die laufenden Operationen zum Transfer von IS-Häftlingen aus Nordostsyrien in irakische Gefängnisse zu unterstützen. Bereits am Samstag wurden etwa 150 IS-Häftlinge von Syrien in den Irak verlegt. Dies ist die zweite Transferwelle, nachdem die US-Militärführung insgesamt die Verlegung von bis zu 7.000 Kämpfern angekündigt hatte.
Nachdem es am Montag und Dienstag trotz Waffenruhe zu Angriffen auf kurdische Gebiete gekommen war, soll am heutigen Morgen ein relativer Ruhezustand entlang der meisten Kontaktlinien in den Gebieten Jazira und Kobanê zwischen den SDF und der HTS herrschen.
Selbstverwaltung wirft westlichen Staaten politische Verharmlosung der Angriffe vor
Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien kritisiert die Erklärung westlicher Staaten zur Lage in Rojava als realitätsfern. Sie kritisiert, dass fortgesetzte Angriffe der syrischen Übergangsregierung und verbündeter Milizen ignoriert und durch Appelle an „alle Seiten“ politisch verharmlost würden. Gefordert werden konkrete internationale Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung.
Annäherung der rechten CHP an die kurdische Bewegung?
Am vergangenen Tag haben sich die Republikanische Volkspartei (Cumhuriyet Halk Partisi, CHP) und die DEM-Partei (Halkların Eşitlik ve Demokrasi Partisi) in der Türkei zu einem Gespräch über die Lage in Rojava getroffen. Die kurdisch-nahe DEM-Partei hat eine Gesprächsreihe mit allen Parlamentsparteien angekündigt.
Das Gespräch mit der CHP verlief nach Berichten der DEM-Partei überraschend; Vorsitzender der DEM-Partei, Tuncer Bakırhan, nannte es „konstruktiv und dringend notwendig“. Anscheinend habe sich die CHP dafür ausgesprochen, die Grenze zwischen Syrien und der Türkei zu öffnen und Hilfslieferungen aus CHP-geführten Kommunen nach Kobanê zu koordinieren.
Die CHP stellt für Erdoğans AKP die derzeit größte Bedrohung aus dem rechten Lager dar und ist die größte kommunalpolitische Kraft der Türkei. Sie stellt sich selbst in die Tradition des Staatsgründers der Türkei Mustafa Kemal Atatürks und ist der kurdischen Bevölkerung, ebenso wie Atatürk in seinen Zeiten, nicht wohlgesonnen. Im Gegenteil: In ihren Regierungszeiten hat sie den Krieg gegen die kurdische Nationalbewegung mit ebensolcher Härte durchgeführt wie die AKP. Eine Zusammenarbeit mit der DEM-Partei und dieser Annäherungsversuch an die kurdische Bewegung könnte also eher taktischer Natur sein.
Demonstrationen in Griechenland und an der syrisch-türkischen Grenze
In Thessaloniki und Lavrion demonstrierten hunderte Menschen gegen die Belagerung Rojavas und die Angriffe auf kurdische Gebiete. An den Protesten beteiligten sich auch Teilnehmende der internationalen Initiative „Peoples Caravan to Defend Humanity“, die ihre Weiterreise in die Türkei ankündigten.
Die internationalistische Delegation aus Deutschland ist an die Grenze bei Nusaybin gegenüber von Qamishlo gereist und beteiligt sich dort an Protesten. Nach eigenen Angaben kam es in den vergangenen Tagen zu massiver Polizeigewalt gegen Demonstrierende. Immer wieder gelang es diesen jedoch, die Grenze nach Nordostsyrien zu überqueren.
Dienstag, 27. Januar – 19:15 Uhr
Eigentlich gilt noch immer eine Waffenruhe zwischen der SDF und der syrischen Übergangsregierung und ihren Verbündeten – die Realität sieht jedoch anders aus. Immer wieder kommt es zu Angriffen auf kurdische Gebiete, bei denen auch immer wieder Zivilist:innen massakriert werden. So wurden am Montag in der Nähe von Kobanê fünf Zivilist:innen durch Artilleriefeuer getötet und fünf weitere verletzt. Menschenrechtsorganisationen berichten von systematischen Massakern an Zivilist:innen in den Dörfern um Kobanê. Bei vieler der Opfer handelt es sich hierbei um Kinder.
Insgesamt bleibt die humanitäre Lage in Nordostsyrien auch neben gezielten Massakern an Zivilist:innen katastrophal. So berichtete der Geflüchtetenrat von Efrîn-Şehba am Montag von der Ankunft von über 150.000 vertriebenen Menschen. Die meisten von ihnen flohen aus Aleppo und den Städten Raqqa und Tabqa. Währenddessen berichten Ärzt:innen aus dem belagerten Kobanê, dass neben dem Mangel an Wasser, Strom, Lebensmittel und Treibstoff auch bald der Vorrat an Medikamenten ausgehen wird. Sie warnen vor einer bevorstehenden humanitären Krise.
Trotz alledem leisten die Demokratischen Kräfte Syriens, sowie die Volks- und Frauenverteidigungseinheiten weiter Widerstand und konnten zuletzt einige Angriffe der Islamisten verteidigen: Militärische Quellen berichten, dass um die Gemeinde Çelebiyê im Süden Kobanês syrische und türkische Milizen zurückgedrängt werden konnten. In Reaktion hagelte es Luftangriffe durch türkische Drohnen. Auch in anderen Gebieten kam es zu heftigen Kämpfen, so konnten kurdische Kräfte unter anderem einen Durchbruch vor der Kleinstadt Çil Axa verhindern.
Bei weiteren Gefechten und Luftangriffen auf Stellungen von dschihadistischen Milizen berichten die QSD von einer hohen Zahl getöteter oder verletzter Milizen – Verluste auf Seiten von QSD, YPJ und YPG sind nicht bekannt.
Auch die Involvierung der Türkei, die weit über die Unterstützung und Ausstattung der SNA geht, offenbart sich immer weiter. Eine Videoaufnahme lässt vermuten, dass das türkische Militär direkt in die Angriffe auf Kobanê involviert ist. Das Video zeigt, wie Angriffsbefehle auf türkisch erteilt werden.
Westen weiter stumm, Sharaa kündigt Putin-Besuch an
Weiterhin weigern sich westliche Großmächte die demokratische Selbstverwaltung zu unterstützen. Zwar gibt es in den USA inzwischen auch laute Forderungen aus dem republikanischen Lager die Kurd:innen zu unterstützen und auch ein US-Flugzeugträger wurde in die Region verlegt, jedoch gibt es keine Anzeichen der US-Regierung auf einen Kurswechsel. Der Flugzeugträger sei aufgrund der Situation im Iran verlegt worden.
Jedoch scheint auch das Verhältnis zwischen der HTS-Übergangsregierung und den NATO-Staaten nicht vollständig sicher zu sein. So kündigte al-Sharaa an am Mittwoch Vladimir Putin zu besuchen, um „Aspekte der Entwicklung von bilateralen Beziehungen“ und „Entwicklungen im mittleren Osten“ zu diskutieren.
Messerangriff auf kurdischen Mann in Leipzig
Währenddessen kam es am Montag im Zuge des Jahrestags der Befreiung Kobanês und den Aktionstagen zur Verteididung Rojavas zu Aktionen in ganz Deutschland. In dutzenden Städten zeigten Aktivist:innen Solidarität und wollen den deutschen Staat zum Handeln zwingen.
Jahrestag zur Befreiung Kobanês: Aktionen in Solidarität mit Rojava
Allerdings kam es auch vielerorts zu Anfeindungen gegenüber Kurd:innen, bis hin zu einem Messerangriff auf einen kurdischen Mann in Leipzig am Montagabend. Nachdem zwei Männer mutmaßlich überhört hatten, wie er sich mit jemand anderem auf kurdisch über Rojava unterhielt, beleidigten sie ihn auf türkisch und arabisch. Zudem sollen sie ihm gedroht und erklärt haben, dass Rojava und alle Unterstützer:innen „vernichten“ zu wollen. Anschließend folgten sie dem Mann und griffen ihn mehrfach mit einem Messer an.
Der Anfang 30-jährige schwebte nicht in Lebensgefahr, wurde aber von Rettungskräften in ein Krankenhaus gebracht. Ein Verdächtiger wurde zwischendurch festgenommen, sei aber nach erkennungsdienstlicher Behandlung wieder auf freiem Fuß, der zweite Beteiligte ist weiterhin auf der Flucht.
Montag, 26. Januar – 9:30 Uhr
Heute vor elf Jahren – am 26. Januar 2015 – endete die Schlacht um Kobanê. Die Anti-IS-Koalition, angeführt von der YPG und YPJ, ging als Sieger hervor und befreite nach viermonatigen Kämpfen die Region vom IS. Damals war die Grenzstadt zur Türkei eingekesselt und der Frontverlauf lief lange Zeit quer durch die Stadt. Viele sehen heute in Kobanê ein ähnliches Bild.
Südlich der Stadt verläuft die Front zu den Milizen der neuen syrischen Regierung. Trotz angeblichem Waffenstillstand kommt es weiterhin zu Gefechten und auch die Versorgung der Region mit Strom, Wasser und Lebensmitteln wurde zeitweise gekappt. Mittlerweile sind erste UN-Hilfslieferungen angekommen, um die katastrophale humanitäre Lage vor Ort zu bekämpfen.
Anlässlich dessen, haben weltweit hunderte fortschrittliche Organisationen und Einzelpersonen zu den „Globalen Aktionstagen zur Verteidigung von Rojava“ aufgerufen. Die Aktionswoche findet seit dem gestrigen 25. Januar, bis zum 1. Februar statt. Am heutigen Jahrestag der Befreiung ruft etwa auch das Bündnis „Rheinmetall Entwaffnen“ dazu auf die „Stimme des Widerstands in Rojava nach Europa tragen“.
Denn auch aktuell kommt es trotz Waffenruhe immer wieder zu Angriffen auf das Umland von Kobanê. Die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) meldeten am heutigen Montagmorgen Angriffe auf das 50 Kilometer südlich von Kobanê gelegene Dorf Xirab Eşkê. Dabei kam schwerer Artilleriebeschuss zum Einsatz.
Sonntag, 25. Januar – 21 Uhr
Trotz der verlängerten Waffenruhe kommt es weiterhin zu schweren Gefechten im Umland von Kobanê. Die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) und die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) wehren Angriffe syrischer Regierungsmilizen ab. Schwerpunkt der Durchbruchsversuche sind die Orte Zêrîk, Şêxler (Şiyûx) und Çelebiyê am Euphrat. In Çelebiyê wurden zwei gepanzerte Fahrzeuge der Angreifer zerstört und weitere beschädigt, während in Şêxler zahlreiche Angreifer getötet oder verletzt worden sein sollen. Gleichzeitig hält die Belagerung von Kobanê an, wodurch mehr als 400.000 Menschen weiterhin ohne Strom, Wasser, Lebensmittel und medizinische Versorgung sind.
Internationale Solidarität und Repressionen
Der türkische Staat geht im Zuge der Angriffe auf Rojava massiv gegen Proteste gegen den Krieg vor. In zahlreichen Provinzen lässt die Polizei seit Tagen Kurd:innen, Aktivist:innen, Anwält:innen und oppositionelle Politiker:innen festnehmen. Allein in Istanbul nahm sie bei einer Demonstration gegen die Belagerung von Kobanê 95 Menschen in Gewahrsam, darunter führende Vertreter der DEM-Partei; mehrere Betroffene wurden dabei misshandelt.
Auch in Agirî, Adana, Amed, Dersim, Êlih, Wan, Wêranşar und Îdir griffen die Sicherheitskräfte durch, nahmen Dutzende Menschen fest und ordneten Untersuchungshaft oder Hausarrest an. Die Behörden begründen das Vorgehen meist mit Verstößen gegen das Versammlungsgesetz oder mit dem Vorwurf der „Terrorpropaganda“. Menschenrechtsorganisationen berichten zudem von Folter, verweigerter medizinischer Versorgung und gezielter Einschüchterung.
Die internationale Solidaritätskarawane für Rojava hat auf ihrem Weg in die Region Station in Wien gemacht. Auf dem Heldenplatz protestierten Aktivist:innen gemeinsam mit lokalen Unterstützer:innen gegen die anhaltende Belagerung Kobanês und kritisierten das internationale Schweigen. Danach setzte der Konvoi seine Reise Richtung Südosteuropa fort, mit dem Ziel, die syrisch-türkische Grenze zu erreichen und politischen Druck für einen humanitären Korridor nach Kobanê aufzubauen.
Derweil berichtet Perspektive-Korrespondentin Tanja Wetzel, die als Teil einer Delegation von deutschen Internationalist:innen in Amed (türk.: Diyarbakır) ist, von der aktuellen Situation in Rojava.
Sonntag, 25. Januar – 12 Uhr
Nachdem die HTS am Samstagnachmittag das Bestehen eines einmonatigen Waffenstillstand dementiert hatte, gab sie am Samstagabend bekannt, dass der Waffenstillstand zwischen der HTS und der SDF um 15 Tage verlängert wurde. Die Waffenruhe soll am Samstag, den 24. Januar, um 23 Uhr begonnen haben.
Nach Angaben der HTS dient die Verlängerung der Unterstützung einer US-Operation, bei der IS-Kämpfer, die bislang in Gefängnissen im Nordosten Syriens festgehalten wurden, in Haftzentren im Irak verlegt werden sollen. Die SDF hat die Verlängerung der Waffenruhe ebenfalls bestätigt.
Nach Angaben der SDF wurde der Waffenstillstand auch vor der Verlängerung wiederholt von den HTS-Truppen gebrochen. Am Nachmittag meldeten die kurdischen Kräfte einen Drohnenangriff in Al-Safa, einem Dorf südlich der Stadt Çel Agha (al-Jawadiyah). Zudem wird berichtet, dass die HTS umfangreiche Truppenverlegungen sowie die Verlagerung schwerer Waffen in die Umgebung von Hesekê vorgenommen hat.
Auch die SDF verlegt Kräfte nach Hesekê: Am Samstag sind weitere Konvois aus Qamişlo, Amûdê und Dirbêsiyê in die belagerte Stadt eingerückt.
In einer Rede in der eingeschlossenen Stadt Kobanê warnt SDF-Kommandant Cemîl Kobanê vor einem unmittelbar drohenden Krieg gegen Rojava, der über Ländergrenzen hinausreicht: „Vor uns liegt ein großer Krieg. Was wir derzeit erleben, ist nicht nur ein regionaler Konflikt – es ist der Beginn des Dritten Weltkriegs.“ Internationale Mächte wollten demnach in der Region einen autoritären Staat durchsetzen und würden dabei bewusst die Existenz sowie den politischen Willen der Bevölkerung ignorieren.
Angesichts der katastrophalen humanitären Situation in Kobanê sind nun mehrere Hilfskonvois unterwegs: 24 LKWs mit Lebensmitteln, medizinischer Versorgung und weiteren Notwendigkeiten, haben die Stadt bereits erreicht. Die syrische Übergangsregierung hat am Sonntag angekündigt, in den Gouvernements Aleppo und Hasakah zwei neue humanitäre Korridore zu eröffnen, um die Lieferung von Hilfsgütern nach Kobanê zu ermöglichen.
Aktionstage zur Verteidigung der Revolution in Rojava
Die internationalen Netzwerke RiseUp4Rojava und WomenDefendRojava rufen vor dem Hintergrund der militärischen Angriffen der HTS in Nord- und Ostsyrien gemeinsam mit 183 Organisationen sowie 72 Einzelpersonen aus 39 Ländern zu „Globalen Aktionstagen zur Verteidigung von Rojava“ auf. Diese sollen von heute bis zum 1. Februar 2026 stattfinden.
Ziel der Protest- und Solidaritätsaktionen ist es, eine kritische Gegenöffentlichkeit zu schaffen, Regierungen in die Verantwortung zu ziehen und die politische sowie rechtliche Anerkennung der Demokratischen Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien (DAANES) einzufordern.
Für den 26. Januar 2026 rufen die Organisator:innen alle demokratischen Kräfte – insbesondere Jugendliche und Frauen – dazu auf, sich im Rahmen eines internationalen „Kobanê Action Day“ an konkreten Aktionen zu beteiligen.
Der 26. Januar markiert den Jahrestag der Befreiung Kobanês von der islamistisch-fundamentalistischen ISIS im Jahr 2015. Heute ist die Stadt erneut Angriffen derselben Kräfte ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund richtet sich der Aufruf an die weltweite Öffentlichkeit, Kobanê als Symbol des Sieges über den IS-Terror durch dezentrale Aktionen überall auf der Welt zu verteidigen.
Für den 31. Januar 2026 wird weltweit zu Aktionen unter dem Motto „Women Defend Rojava“ aufgerufen, um die Frauenrevolution zu verteidigen. Die Errungenschaften der Frauenrevolution stehen derzeit unter massivem Angriff durch eine vom islamistisch-fundamentalistische geprägte Ideologie. Frauen, die zu den zentralen Trägerinnen der Revolution gehören, sind Verfolgung, Entführungen, Folter und Mord ausgesetzt.
Trotz dieser Gewalt stehen heute kurdische, arabische, armenische und assyrische Frauen gemeinsam mit den Kämpferinnen der YPJ, Aktivistinnen von Kongra Star, HPC Jin und Bet Nahrain geschlossen zusammen, um ihre hart erkämpften Errungenschaften zu verteidigen. Für sie ist klar: Ohne die Befreiung der Frau kann es keine Befreiung der Gesellschaft geben.
Vor diesem Hintergrund wird dazu aufgerufen, am 31. Januar auf die Straße zu gehen und der internationalen Öffentlichkeit zu zeigen, dass der Kampf für ein Leben in Würde ein gemeinsamer ist. Die Verteidigung der Frauenrevolution wird dabei nicht nur als Hoffnung für Westasien, sondern als Perspektive für die ganze Welt verstanden.
Internationale Entwicklungen
Syrische und israelische Vertreter sollen möglicherweise bald unter US-Vermittlung zusammentreffen, um ein Abkommen zwischen Damaskus und Jerusalem abzuschließen. Dies erzählte eine Quelle nahe des syrischen Präsidenten Ahmed al-Sharaa einem israelischen Nachrichtenportal.
Das Abkommen könnte Regelungen umfassen wie die Eröffnung einer israelischen Botschaft in Damaskus bis Ende des Jahres. Im Gegenzug könnten die Golanhöhen für 25 Jahre an Syrien verpachtet werden. In der Vergangenheit hat Israel wiederholt die Rückgabe jeglicher Teile der Golanhöhen, geschweige denn des gesamten Territoriums, abgelehnt.
Derzeit sind hunderte Internationalist:innen aus europäischen Ländern auf dem Weg nach Kurdistan, um dort die Errungenschaften der demokratischen Revolution und der Frauenrevolution zu verteidigen. Eine Karawane aus Wien, die gestern losgefahren ist, soll heute in Belgrad eintreffen und über Thessaloniki nach Ankara fahren. In Zürich hat am Samstag eine Pressekonferenz der Karawane stattgefunden.
Eine Sprecherin aus Kolumbien zog Parallelen zwischen der Situation in Rojava und der in vielen anderen imperialistisch ausgebeuteten Ländern: „Wir betrachten ihren Kampf als unseren Kampf, weil auch wir unter Kriegen gelitten haben, die uns von Mächten aufgezwungen wurden, die unsere Gebiete nur als wirtschaftliche Profitquelle sehen, aber nicht die Menschen, die dort leben, und ihr Recht, in Frieden zu leben, ihr Recht, selbst zu entscheiden und in Freiheit zu leben, beachten.“
Eine Delegation aus Deutschland befindet sich zurzeit in Amed (türk.: Diyarbakır) in den kurdischen Gebieten der Türkei, um auch von dort internationale Solidarität zu leisten. Eine Delegierte der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO) betont, dass es Aufgabe von Internationalist:innen sei, die Revolution in Rojava auch in Deutschland zu verteidigen und den eigenen Imperialismus anzugreifen.
Die Delegation ruft dazu auf, sich auch in Deutschland in Aktion zu setzen – seien es mit Kundgebungen, der Beteiligung an Demonstrationen oder kreative Aktionen bei Kriegstreibern.
In zahlreichen Städten fanden am Samstag große Demonstrationen in Solidarität mit der kurdischen Bevölkerung und zur Verteidigung der Errungenschaften Rojavas und der Frauenrevolution statt: In Berlin kamen etwa 6.000 Menschen zusammen, während in Hamburg sogar um die 10.000 Menschen auf die Straße gingen.
Samstag, 24. Januar – 13 Uhr
Die syrische Regierung in Damaskus und die kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) haben sich darauf verständigt, die Waffenruhe im Nordosten Syrien, in Rojava, um mindestens einen weiteren Monat zu verlängern. Dies erklärte ein ranghoher Vertreter der kurdisch geführten Selbstverwaltung der Region. Die Einigung auf einen Waffenstillstand wurde wenige Stunden vor Ablauf der ursprünglich gesetzten Frist am Samstag endgültig beschlossen.
Der Vorsitzende der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) Masoud Barzani erklärte am Freitag, dass er, wenn sich die Gelegenheit dazu bieten würde, kurdische Peschmerga-Kräfte aus der Autonomen Region Kurdistans im Irak nach Kobanê entsenden würde – genau wie 2014, als der IS eine ernsthafte Bedrohung für die Stadt darstellte.
Die Lage in Qamishlo, Hasakah und Kobanê scheint seit Freitag, 15 Uhr ruhig zu sein. In den vergangenen drei Tagen ist die Zahl der Binnenvertriebenen allein in der Provinz Hasakah jedoch auf rund 134.803 Menschen angestiegen. Und die Situation für die Zivilbevölkerung spitzt sich in Kobanê weiter zu: Kobanê ist derzeit vollständig eingeschlossen, Fluchtwege existieren nicht mehr. Anders als bei der IS-Belagerung 2014 gibt es für die Zivilbevölkerung auch keine Möglichkeit mehr, in Richtung Türkei zu fliehen.
Seit Tagen sind in in Kobanê Strom-, Wasser- und Internetverbindungen unterbrochen, wodurch die Versorgung der Bevölkerung weitgehend zusammengebrochen ist und Kommunikation kaum noch möglich ist. Die Angriffe richten sich damit gezielt gegen das zivile Leben. Dabei sind nach Berichten des Kurdischen Roten Kreuzes fünf Kinder an den widrigen Bedingungen in Kobanê gestorben.
Eine Mutter aus Kobanê schildert die dramatische humanitäre Lage in der eingeschlossenen Stadt: „Wir schmelzen Schnee, um Trinkwasser zu haben. Kinder sterben im Schnee, sie erfrieren. Wir können unsere Toten nicht bergen, sie liegen im Schnee und warten darauf, abgeholt zu werden. Es gibt keine Medikamente. Wo sind heute all die Menschenrechtsaktivist:innen der Welt?“
Die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) haben angesichts jüngster Angriffe auf ihre Kämpferinnen eine scharfe Warnung ausgesprochen und weltweit zur Mobilisierung im „Geist von Kobanê“ aufgerufen. Hintergrund sind Berichte über die Ermordung und schwere Verstümmelung mehrerer YPJ-Kämpferinnen in Nord- und Ostsyrien.
Gleichzeitig betonen die Frauenverteidigungseinheiten, dass diese Angriffe nicht zur Einschüchterung geführt hätten. Im Gegenteil: In Rojava wachse die Entschlossenheit vieler Frauen, sich zu organisieren und Widerstand zu leisten. Die YPJ kündigten an, an allen Fronten präsent zu sein und erklärten unmissverständlich, dass die Verbrechen an ihren Kämpferinnen nicht straflos bleiben würden.
Internationale Solidarität
In mehreren Städten der kurdischen Regionen im Irak (Südkurdistan) sind am Freitag zehntausende Menschen auf die Straßen gegangen, um ihre Solidarität mit dem Widerstand in Rojava und Nordostsyrien zu zeigen. Trotz eisiger Temperaturen beteiligten sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten an den Protesten.
In Silêmanî zog eine Kilometerlange Menschenmenge durch das Stadtzentrum und skandierte Parolen zur Unterstützung Rojavas. Auch in Hacîawa, Hewlêr (Erbil) und Kelar fanden große Demonstrationen statt, bei denen Redner:innen die Angriffe auf Rojava verurteilten und zur kurdischen Einheit aufriefen.
Aus Europa sind am Freitagabend die ersten Karawanen in die betroffenen kurdischen Gebiete gestartet. Aus Deutschland und Lyon (Frankreich) reisen etwa 100 Menschen an.
Die Initiative ruft dazu auf, sich der „Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit“ anzuschließen oder sie auf andere Weise zu unterstützen. Ziel ist es, in Städten auf die Lage in Kurdistan aufmerksam zu machen, logistische Hilfe bereitzustellen und Solidarität zu zeigen. In dem Aufruf heißt es: „Wir rufen alle auf, sich zu versammeln, unsere Karawane zu begleiten oder sie auf anderen Wegen zu unterstützen – sei es durch Organisation von Transport, Verpflegung, medizinischer Versorgung oder Öffentlichkeitsarbeit.“
In Freiburg kamen am Freitagabend etwa 2000 Menschen zusammen, um die Karawane mit Internationalist:innen aus Darmstadt, Köln und Frankfurt, mit dem Ziel über Freiburg nach Zürich zu fahren, in Empfang zu nehmen. Bei einer kämpferischen Spontandemonstration kam es jedoch zu mehreren Festnahmen. Auch für Samstag, um 14:30 Uhr, ist in Freiburg wieder eine Großdemonstration geplant.
Aus Berlin machten sich am Samstag 55 Menschen auf den Weg nach Kurdistan. Zwischenstopp ist am Samstag München, wo eine Pressekonferenz stattfindet. In Berlin ist am Samstag eine Großdemonstration um 15 Uhr am Breitscheidplatz geplant.
Auch Grußbotschaften aus Kobanê und anderen Orten Kurdistans erreichen Demonstrierende: Eine Gruppe von Kämpfer:innen aus Kobanê grüßt Demonstrierende in Stuttgart, die am Samstag um 14 Uhr zum wiederholten Mal auf die Straße gehen. Die Sprecherin möchte den Demonstrierenden und der Welt mitgeben, dass sich das kurdische Volk nicht ergeben wird.
Am Freitag grüßte auch eine YPJ-Kommandeurin die Demonstrierenden in Dortmund, die dort um 17 Uhr auf die Straße gingen. „Rojava hat sich dank Eurer Demonstrationen nicht alleine gefühlt“, so die YPJ-Kommandeurin. Nach Berichten kamen am Freitag Abend tausende Menschen in Dortmund zusammen.
Beim Derby des FC St. Pauli gegen den Hamburger HSV am Freitag Abend haben Fans des FC St. Pauli Banner mit der Aufschrift „Berxwedan Jiyan e! Fuck Al-Scharaa! Fuck Erdogan!“ und „Rojava verteidigen!“ gezeigt.
Im Raum Stuttgart fand eine internationalistische Aktion mit Farbbeuteln gegen die Unterstützung des türkischen Regimes durch deutsche Konzerne und Politiker:innen statt. Kritisiert wurde deren Mitverantwortung an den Angriffen auf Rojava und die Zerstörung von Demokratie, Frauenbefreiung und Selbstverwaltung.
Freitag, 23. Januar – 13 Uhr
In den heutigen Morgenstunden übergaben die SDF das Aktan-Gefängnis in Raqqa an die Übergangsregierung. In der Einrichtung waren rund 2.000 ISIS-Mitglieder inhaftiert. Videos zeigen, dass die SDF-Soldat:innen von ihren Gefängnis-Kontrollposten nun in Kobanê (Kobani) angekommen sind, um die belagerte Stadt zu verteidigen. Auch Zivilist:innen in Kobanê bestätigten ihre Ankunft.
Am Donnerstagabend hatte ein Treffen zwischen Mazloum Abdi, SDF-Generalkommandeur, dem US-Botschafter Tom Barrack und Admiral Brad Cooper, dem Kommandeur des US-Zentralkommandos im kurdischen Teil des Irak, stattgefunden.
Die USA dankten der irakischen Regierung daraufhin für deren „Bereitschaft, die internationale Gemeinschaft vor der anhaltenden Bedrohung durch IS-Häftlinge zu schützen“. Sie planen, 7.000 IS-Häftlinge in den Irak zu verlegen, damit diese nicht beim Krieg gegen Rojava unkontrolliert frei kämen.
Mazloum Abdi, SDF-Generalkommandeur, sprach von einem produktiven und konstruktiven Treffen mit US-Botschafter Barrack und Admiral Cooper. Die Unterstützung der USA für den Waffenstillstand und die Vermittlung mit der syrischen Übergangsregierung seien von größter Bedeutung. Abdi unterstrich, die SDF würden sich mit aller Kraft und unter Einsatz all ihrer Fähigkeiten dafür einsetzen, eine „echte Integration“ der Autonomen Administration Nord- und Ostsyrien und Westkurdistan (AANES) in den syrischen Staat zu erreichen und den derzeitigen Waffenstillstand aufrechtzuerhalten.
Internationale Solidarität
Verschiedene Kräfte in Rojava warnen vor einem „genozidalen Vernichtungsfeldzug“ gegen Rojava und rufen zu internationaler Mobilisierung und geschlossenem Widerstand auf. Auch internationalistische Jugendliche rufen dazu auf, nach Rojava zu kommen.
Diesem Aufruf sind bereits etliche Menschen gefolgt. So haben hunderte Menschen in Nisêbîn zum Beispiel die türkisch-syrische Grenze überquert, um sich dem Widerstand in Rojava anzuschließen. Auch aus Deutschland und der Schweiz wird eine Karawane organisiert, die sich als Ziel gesetzt hat, nach Kobanê zu kommen und die Stadt zu verteidigen.
Erste Konvois aus Deutschland sind seit Freitag unterwegs. In Wien schließen sich Gruppen aus Süd- und Osteuropa an. Die Initiative ruft zur breiten Beteiligung auf und bittet um logistische, medizinische und mediale Unterstützung, um Aufmerksamkeit für Rojava zu schaffen und Solidarität praktisch erlebbar zu machen.
Donnerstag, 22. Januar – 20 Uhr
Seit dem 13. Januar 2026 wird Rojava von der syrischen Armee, unterstützt durch die Syrische Nationalarmee (SNA) unter türkischer Führung, angegriffen. Zunächst waren nur zwei Viertel in der Stadt Aleppo betroffen, doch seit dem 17. Januar hat sich der Angriff in eine große Offensive auf ganz Rojava ausgeweitet. Mehrere Gebiete konnten bereits von den HTS-Banden der syrischen Übergangsregierung (STG) eingenommen werden.

Das Gebiet der SDF wurde innerhalb von zwei Wochen von 50.000 km² auf 10.000 km² verkleinert. Aktuell sind nur noch kurdische Städte und Ortschaften in den Händen der SDF. Mindestens 18.000 überwiegend kurdische Menschen wurden aus Raqqa und Tabqa vertrieben. Seit dem 6. Januar sind insgesamt 170.000 Menschen auf der Flucht.
Kobanê, die Stadt, die vor über 10 Jahren vom IS befreit wurde, ist nun wieder von faschistischen Kräften umzingelt und von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten. Trotz des ausgerufenem Waffenstillstands am Dienstag halten die Angriffe an.
Die Kommandantin der Frauenverteidigungseinheiten YPJ, Nesrîn Abdullah, hat vor einer dramatischen Eskalation in der nordsyrischen Stadt Kobanê gewarnt. Die Region befinde sich unter massivem militärischem Beschuss, die humanitäre Lage sei katastrophal. Abdullah zufolge bereitet die Türkei zusätzlich zu den Angriffen der sogenannten syrischen Armee und ihrer Proxy-Truppen eine Bodenoffensive vor – ein Eingreifen, das nach ihren Worten „zehntausende Zivilist:innen das Leben kosten könnte“.
Die Bevölkerung von Kobanê habe sich „entschieden, Widerstand zu leisten – gegen jede Form der Invasion“, erklärte Abdullah während einer Zoom-Pressekonferenz am Donnerstag, an der internationale Journalist:innen teilnahmen.
Die Front verläuft derzeit bei Sirrîn (Sarrin). Die Kämpfe dort sind äußerst intensiv. Zwischen Sirrîn und Kobanê liegt ein Streifen von etwa 30 Kilometern mit zahlreichen Dörfern. Aus Angst vor Massakern haben viele Menschen ihre Häuser verlassen und suchen Schutz im Stadtzentrum.
Das führt zu einer enormen Belastung und droht, eine humanitäre Katastrophe auszulösen. Die Angreifer halten sich nicht an die Waffenruhe und handeln, als wollten sie ein Gebiet erobern – sie setzen schwere Waffen und türkische Militärtechnik ein.
Internationale Solidarität
Am Donnerstagabend gegen 19:30 Uhr wurde eine Rojava-Demonstration in Antwerpen von mutmaßlichen HTS- oder IS-Anhängern angegriffen: Sechs Menschen wurden durch Messerstiche verletzt, zwei davon schwer. Letztere sind jedoch mittlerweile außer Lebensgefahr.
Orhan Kilic, Sprecher von NavBel, einer kurdischen Organisation in Belgien, welche die Proteste organisiert, spricht von einem Terroranschlag: „Dies hängt mit der kurdischen Frage und den jihadistischen Angriffen auf die Kurd:innen in Syrien zusammen. Ganz klar politisch motiviert. Man sieht, dass islamistisch inspirierte Organisationen und Personen uns verbal angreifen und nun offenbar auch physisch.“
In Hamburg besetzten Aktivist:innen des kurdischen Vereins am Donnerstag Abend zwei Gleise am Hauptbahnhof. Die Aktion führte zeitweise zur Sperrung des Bahnhofs und richtete sich in Solidarität mit Rojava gegen die Angriffe auf die dortige Revolution. Tausende Menschen demonstrierten zeitgleich vor dem Hamburger Hauptbahnhof. Noch bevor der Lautsprecherwagen den Startpunkt der Demonstration erreichen konnte, wurde er von der Polizei gestoppt, die alle Fahnen der YPJ und YPG beschlagnahmte.
20 Demonstrierende besetzten außerdem am frühen Abend aus Protest gegen die Unterstützung des HTS-Regimes durch Deutschland und das Schweigen zu den Angriffen auf Rojava die SPD-Zentrale in München. Vor der Zentrale demonstrierten zwischenzeitlich um die hundert Menschen.
In Stuttgart kamen bei einer Demonstration am Donnerstagabend hunderte Menschen zusammen, um ihre Solidarität mit der kurdischen Bevölkerung in den angegriffenen Gebieten zum Ausdruck zu bringen. Bereits am Dienstag waren in Stuttgart über 2000 Menschen auf der Straße und haben mit Pyrotechnik und Feuerwerk ihren Protest unterstrichen. Die Polizei reagierte auf die kämpferische Demonstration mit massiver Polizeigewalt in Form von Knüppeln, Pfefferspray und Polizeihunden und kesselte die Demonstration über Stunden ein.
Auch in Paris kam es bei einer Demonstration zu massiver Polizeigewalt. Die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke ein.
Aktivist:innen von Women Defend Rojava protestierten tagsüber im niedersächsischen Landtag gegen Angriffe auf Rojava. Dabei wendete der Sicherheitsdienst Gewalt gegen einen Vertreter der Presse an.
Auch aus Myanmar kommen Solidaritätsbekundungen: Die Internationale Anti-Fascist International Front (AIF) hat am Donnerstag Nachmittag ein Statement veröffentlicht, in dem sie ihre Solidarität mit der YPG und der SDF ausdrücken.












