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Venezuela nach der Entführung Maduros: Machtkampf, Öl und der Griff der USA

Nach der Entführung Maduros buhlen Vizepräsidentin Rodríguez und Oppositionelle Machado um US-Präsident Trumps Unterstützung und wollen sich die Regierung Venezuelas sichern. Dieser macht derweil seinen Machtanspruch klar und beginnt die Ölproduktion wieder anzukurbeln.

Nachdem Nicolas Maduro am 3. Januar von den USA durch eine militärische Operation entführt worden war, kontrollieren die USA Venezuela de facto. Diese militärische Operation erklärte das Justizministerium nun am Dienstag auch rechtlich. Demnach handelte es sich dabei um einen „bewaffneten Konflikt“, der „in der einseitigen konstitutionellen Autorität des Präsidenten“ liegt.

Diese Argumentation ist für die US-Regierung insofern wichtig, dass sie den Überfall nicht als Kriegsakt darstellt – dafür hätte es nämlich der Zustimmung des Repräsentantenhauses bedurft.

In diesem Zuge betonte die Regierung, dass es „keinen Plan für die Durchführung einer wesentlichen und dauerhaften Operation“ gäbe. Diese Strategie ist keineswegs neu, sie kam beispielsweise auch beim Vietnamkrieg zum Einsatz.

Venezuela als Lehrstück über das sogenannte „Völkerrecht“

Trump macht Machtanspruch offensichtlich

Weniger euphemistisch geht US-Präsident Donald Trump mit der Kontrolle Venezuelas um, ganz im Gegenteil macht er seinen Machtanspruch deutlich: So teilte er auf seiner eigenen Social Media Plattform Truth Social ein bearbeitetes Bild seiner eigenen Wikipedia-Seite, dass ihn als „Acting President of Venezuela“ (amtierender Präsident Venezuelas) bezeichnet.

Zudem richtete Trump ein Komitee zur Führung Venezuelas ein, das die Landesführung übernehmen soll. Außenminister Marco Rubio soll dieses anleiten, auch mit dabei sind Kriegsminister Pete Hegseth, Militärfunktionär Dan Caine, CIA-Direktor John Ratcliffe, Trumps Berater Stephen Miller, Energieminister Chris Wright und Innenminister Doug Burgum. Auch Trump selbst soll darin stark eingebunden werden.

Der US-Präsident forderte die derzeit Regierende Vizepräsidentin Delcy Rodríguez auf, mit diesem Komitee zu kooperieren. Laut Trumps Aussage habe er weitere militärische Angriffe auf Venezuela bisher abgeblasen, da Rodríguez sich überaus kooperativ gezeigt hätte.

Rodríguez oder Machado – Wer übernimmt Venezuela?

Delcy Rodríguez steht für politische Kontinuität nach der Entführung von Maduro. Sie selbst sagt, er bleibe Präsident, weswegen bisher keine Neuwahlen abgehalten werden mussten. Dabei dürfte es sich aber eher um ein rechtliches Manöver handeln. – Es ist unwahrscheinlich ist, dass Maduro in absehbarer Zeit nach Venezuela zurückkehren wird.

Insgesamt näherte sich Rodríguez zuletzt immer weiter an die USA an und zeigte sich bereit für eine Führung des Landes im US-Interesse. Schon lange vor der Invasion soll Rodríguez der US-Regierung zusammen mit anderen führenden venezolanischen Politiker:innen einen Plan für eine US-freundlichere Regierung nach dem Konzept „Madurismo ohne Maduro“ vorgestellt haben.

US-Angriff auf Venezuela: Einigung mit der „Boli-Bourgeoisie“?

Dennoch ist die Führung Venezuelas aktuell nicht unumstritten. Neben Rodríguez versucht María Corina Machado weiterhin an Einfluss zu gewinnen. Sie ist eine wichtige Oppositionelle und gehört selbst zu den reichsten Teilen der alten venezolanischen Oligarchie.

2025 war ihr der Friedensnobelpreis für ihr „Engagement für die Demokratie“ verliehen worden, den sie am liebsten an Donald Trump weitergegeben hätte. Seit der Verleihung des Preises befindet sie sich nicht mehr in Venezuela, hat aber diese Woche einen persönlichen Termin mit Trump. Dieser hatte ihre Ambitionen, an der Regierung mitzumischen, zuletzt beiseite gewischt mit der Aussage, sie habe nicht die notwendige Unterstützung aus dem Volk. Was bei dem Termin herauskommt, bleibt vorerst abzuwarten; im Gegenzug besuchten Vertreter:innen des US-Außenministeriums am vergangenen Freitag Delcy Rodríguez in Caracas.

Insgesamt wird deutlich, wie das Vorgehen der USA darauf abzielt, sich nicht nur Kontrolle über die venezolanischen Öl-Vorkommen zu sichern, sondern auch politische Kontrolle über das Land selbst. Die Rivalinnen Rodríguez und Machado buhlen beide darum, sich möglichst mit Trump gut zu stellen, um dadurch auch ihren eigenen Einfluss wahren zu können.

Freilassung politischer Gefangener

Die Annäherung an die USA offenbart sich inzwischen auch in ganz konkreten Maßnahmen: Die neue venezolanische Führung hat nach Absprachen mit den USA begonnen, verschiedene politische Gefangene freizulassen.

Unter Maduro waren fortschrittliche, gewerkschaftliche und oppositionelle Kräfte politischer Verfolgung ausgesetzt, daher die hohe Zahl an politischen Gefangenen, über deren Verbleib zu großen Teilen nichts bekannt ist.

Die Regierung spricht von über 400 bisher Freigelassenen, ob diese Zahl stimmt, ist allerdings unklar. Menschenrechtsorganisationen sprechen zum Teil von deutlich weniger Freigelassenen und vermuten, dass noch mehrere hunderte Menschen, die freigelassen werden sollten, weiterhin inhaftiert sind. Insgesamt ist der Prozess undurchsichtig. Es gibt keine geordneten oder verifizierten Informationen zur Anzahl der Entlassenen und auch kaum Angaben zu ihrer Identität.

Unter den bisher Freigelassenen sind venezolanische Oppositionelle und Journalisten sowie auch amerikanische und italienische Staatsbürger. Die US-Regierung sieht die Freilassung mehrerer amerikanischer Staatsangehöriger als positives Zeichen der Zusammenarbeit seitens der venezolanischen Regierung und Rodríguez.

Ölproduktion und -export wieder hochgefahren

In den USA wird derweil bereits mit dem Handel und Verkauf venezolanischer Rohstoffe begonnen. Nach der militärischen Operation am 3. Januar hat die Trump-Administration angefangen, den Zugang zu venezolanischem Öl zu nutzen und einen ersten Verkauf von Öl im Wert von circa 500 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Die aus dem anlaufenden Öl-Export generierten Einnahmen werden von den USA kontrolliert.

Venezuela: Der nächste Krieg ums Öl?

Die US-Regierung hat vor, den amerikanischen Öl-Konzernen einen führenden Platz im neu entstehenden Markt mit venezolanischem Öl zu sichern. Der Ölhandel und -export von Venezuela war jahrelang von Produktionseinbrüchen und Instabilität geprägt; die USA wollen das nun ändern und den Export wieder aufbauen. Davon sollen vor allem US-Konzerne profitieren, Kapital schlagen und sich den Zugang zu venezolanischen Öl-Reserven sichern. Auch die wirtschaftliche Lage in Venezuela selbst soll durch die Ölproduktion wieder stabilisiert werden.

Während die US-Regierung also versucht, die venezolanische Wirtschaft zu beruhigen, bleibt die politische Lage im Land weiterhin angespannt. Das US-Außenministerium hat US-Bürgern in Venezuela dringend geraten, das Land sofort zu verlassen. Hintergrund sind Berichte, dass regierungsnahe bewaffnete Gruppen, sogenannte „Colectivos“, die Straßen kontrollieren und gezielt nach US-Bürgern suchen. Aktuell gibt es vermehrt Berichte über eine verstärkte militärische Präsenz.

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