Berlinale: Filmszene wehrt sich gegen Versuch der Unterdrückung Palästina-solidarischer Stimmen

Bei der diesjährigen Berlinale kam es zu verschiedenen palästina-solidarischen Stellungnahmen von Filmschaffenden, woraufhin Kulturstaatsminister Weimer die Kündigung der Intendantin Tuttle in den Raum stellte. Diese ist nach Protesten von über 700 Filmschaffenden vorerst vom Tisch.

Die Berlinale gehört zu den größten und bedeutendsten Filmfestivals der Welt. In diesem Jahr fand sie vom 12. bis 22. Februar statt. Wie schon 2024 kamen auch dieses Jahr der anhaltende Genozid in Gaza und die Rolle Deutschlands zur Sprache.

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Bei der Preisverleihung äußerten sich zwei Preisträger:innen besonders deutlich: Die libanesische Regisseurin Marie-Rose Osta, ausgezeichnet für ihren Film „Someday, a Child“, sowie der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib, dessen Film „Chronicles from the Siege“ als bestes Spielfilmdebüt prämiert wurde, übten deutliche Kritik an Israel.

Alkhatib richtete sich dabei auch direkt an die deutsche Bundesregierung: „Mein letztes Wort an die deutschen Regierungen: Ihr seid Komplizen des Völkermords Israels in Gaza.“

Die Reaktionen aus Politik und Medien fielen heftig aus. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ aus Protest umgehend den Saal, CDU-Politikerin Ellen Demuth sprach von „antisemitischen Ausfälle[n] […] mit Ansage“.

Tuttle als Sündenbock, doch die Filmszene wehrt sich

Besonders die Intendantin der Berlinale, Tricia Tuttle, wurde für den angeblichen „Eklat“ verantwortlich gemacht, da sie die palästina-solidarischen Reden nicht verhindert habe. Kulturstaatsminister Weimar berief für den vergangenen Donnerstag kurzfristig eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung des Berlinale-Trägers Kulturveranstaltungen des Bundes GmbH (KBB) ein, um über die künftige „Ausrichtung“ des Festivals zu beraten. Damit stellte er – gewollt oder ungewollt – Tuttles Rolle infrage.

Die Reaktion der Filmschaffenden war deutlich: Über 500 Mitarbeiter:innen der Berlinale unterschrieben einen offenen Brief zur Unterstützung von Tuttle. Auch internationale Kolleg:innen setzten sich für Kunst- und Meinungsfreiheit ein. Insgesamt 700 Filmschaffende machten klar: „Ein Filmfestival […] ist ein demokratisch-kultureller Raum, der es wert ist, geschützt zu werden“. Eine klare Positionierung der Szene und Branche.

Auch einzelne Personen und aktuelle Preisträger wie Ilker Catak, der den „Goldenen Bär“ als Hauptpreis des Festivals gewann, machten unmissverständlich klar, dass sie hinter der Kunstfreiheit stehen, und das zusammen mit Tricia Tuttle.

Ilker Çataks Film „Gelbe Briefe“ ist selbst ein politischer Film über politische Repression: Ein türkisches Paar wird wegen seiner politischen Meinung unter Druck gesetzt und verliert unter anderem auch seine Arbeit. Rückblickend betrachtet hätte die Jury keinen passenderen Film auszeichnen können, auch wenn die Entscheidung sicher nicht ausschließlich wegen seines Inhalts gefallen sein wird. Çatak antwortete jedenfalls ganz im Sinne seines Gewinnerfilms auf die angedrohte Entlassung der Intendantin: „Ich würde nie wieder einen Film der Berlinale geben“.

Bereits vor Beginn der Berlinale 2026 wurde ein offener Brief von fünfzig Filmschaffenden um Schauspielerin Tilda Swinton verfasst, die das Schweigen der Berlinale kritisierten. Schon in ihm wurde der Versuch der Zensur kritisiert und die Ungleichbehandlung im Vergleich zu der uneingeschränkten Solidarität thematisiert, welche die Berlinale gegenüber den Unterdrückten und Angegriffenen im Iran und in der Ukraine stets walten ließ.

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Der Protest zeigte zunächst Erfolg: Der öffentliche Druck und die klare Positionierung der Filmschaffenden haben eine Entscheidung am Donnerstag abgewendet – vorerst!

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