Der Kampf um Einfluss am Roten Meer verlagert sich immer mehr zu offener Konfrontation. Regionale Mächte und ihre Verbündeten nutzen bestehende Bürgerkriege, um strategische Häfen, Handelsrouten und militärische Stützpunkte zu sichern. Die Region droht weiter zum Brennpunkt zwischenimperialistischer Rivalität zu werden. – Ein Kommentar von Kurt Zimmermann.
Sowohl das Rote Meer als auch der Golf von Aden haben sich in den letzten Jahren zu neuen Zentren der Widersprüche verschiedener imperialistischer Lager in der Region entwickelt. Diese Entwicklung hängt sowohl mit den sich gerade im letzten Jahr stark verschiebenden Machtverhältnissen in Westasien als auch dem Aufstreben neuer regionaler Akteure zusammen. In diesem Kontext bilden sich einerseits immer weiter zwei feste Lager und andererseits immer komplexere Bündnissysteme heraus.
Auf der einen Seite stehen Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Die Strategie beider Staaten hin zur regional dominierenden Kraft beruht auf einer grundsätzlichen Neuordnung der Verhältnisse. In ihrer Außenpolitik fallen sie somit besonders dadurch auf, dass ihre Verbündeten bestehende Staatsgrenzen und -gefüge oder etablierte Machtverhältnisse innerhalb von Staaten hinterfragen.
Ihnen gegenüber steht ein Lager, das besonders innerhalb bestehender Ordnungen seine Chance sieht, an die Spitze der regionalen Machtpyramide zu kommen. Hierzu zählen Saudi Arabien, die Türkei und Ägypten.
Alte Konflikte als imperialistischer Schauplatz
Bisher wurde der Kampf um Einfluss in der Region besonders im Jemen, im Sudan und zu gewissen Anteilen in Libyen ausgetragen. Doch auch andere regionale und globale Mitakteure spielen eine Rolle in den Konflikten.
Im Jemen ringen seit Ausbruch des Bürgerkrieges 2014 besonders Saudi Arabien und die VAE sowie der Iran um Einfluss. Während Saudi Arabien die international anerkannte Zentralregierung stützt und der Iran im Westen, in den von den Huthis kontrollierten Regionen, einen Proxy-Staat aufgebaut hat, versuchten die VAE mithilfe des Southern Transitional Council (STC, dt. Südlicher Übergangsrat), das Land zu spalten.
Der STC strebt einen unabhängigen Staat im Südjemen an nach den Grenzen der ehemaligen Demokratischen Volksrepublik Jemen. Zuletzt hatte dieser große Geländegewinne gegenüber der Zentralregierung erzielen können. Diese wurden aber durch das direkte militärische Eingreifen Saudi Arabiens zurückgeschlagen. Nachdem die VAE daraufhin ihre Unterstützung für den STC abbrachen, wurde das gesamte Territorium des STC durch die Zentralregierung eingenommen. Somit wurde der Einfluss der VAE hier fast vollständig zurückgedrängt.
Auch für Israel war der STC ein möglicher Partner in der Bekämpfung der Huthis. Diese beschießen seit Ausbruch des Gaza-Krieges 2023 Israel mit Raketen. Außerdem sind sie ein wichtiger Partner von Israels größtem Gegner – dem Iran.
Westasien: Huthi-Miliz droht mit Angriffen auf Mittelmeer-Schiffe
Im Sudan tobt seit 2023 einer der brutalsten Bürgerkriege unserer Zeit. Hier kämpfen die, vor allem von den VAE unterstützten, Rapid Support Force (RSF) gegen die von der Türkei und Ägypten unterstützte Sudanesische Armee (SAF). Der Zugang zu strategisch wichtigen Häfen an der Küste zum Roten Meer ist für diese Staaten von großem Interesse.
Besonders in diesem Krieg spielen einige umliegende Staaten eine Rolle, da wichtige Routen für den Nachschub durch ihre Gebiete verlaufen. Einige Fraktionen im Bürgerkrieg in Libyen, als auch im Tschad, Südsudan und in Äthiopien übernehmen diese Rolle.
Militärische Auseinandersetzungen nehmen zu
Besonders am Horn von Afrika eskaliert die Lage zunehmend: Äthiopien versucht schon seit Jahren, sich als regionale Kraft durchzusetzen. Dabei prägt der Kampf um den Nil mit Ägypten und die eigene Zielsetzung, einen Zugang zum Meer zu haben, die Strategie des Landes. Auf der einen Seite sympathisiert Äthiopien dazu mit den Kontrahenten Ägyptens im Bürgerkrieg im Sudan, also den RSF. Zum anderen versucht die Regierung entweder durch einen militärischen Konflikt mit Eritrea oder einem Deal mit dem de facto-Staat Somaliland Zugang zu einem Hafen zu erlangen.
Eritrea selbst unterstützt Rebellen in der äthiopischen Region Tigray. Hier wird bereits ein erneuter Bürgerkrieg befürchtet, sollten sich die Beziehungen zwischen den Staaten weiter verschlechtern.
Eine mögliche Anerkennung Somalilands als Staat im Gegenzug für einen Hafen, sowie die Sympathien für die RSF zeigen die sich überschneidenden Interessen Äthiopiens mit denen Israels und den VAE. Beide unterstützen die Republik Somaliland, die seit 1991 faktisch unabhängig ist, aber bisher nur von Israel anerkannt ist. Israel sieht das Land als möglichen Stützpunkt für Operationen gegen die Huthis, während sich die VAE hier direkten Zugang zum Golf von Aden versprechen.
Somaliland steht wegen seiner faktischen Unabhängigkeit im Konflikt mit Somalia. Innerhalb des Landes haben sich auf bundesstaatlicher Ebene zwei Lager gebildet: Auf der einen Seite die Bundesstaaten, die loyal gegenüber der Zentralregierung sind. Und auf der anderen Seite diejenigen Bundesstaaten, die schon länger Autonomie- beziehungsweise Unabhängigkeitsbestrebungen haben. Die Zentralregierung wird hierbei besonders von der Türkei und Ägypten gestützt.
Die Widersprüche spitzen sich weltweit zu
Die immer deutlichere Konfrontation und das Aufkommen fester Lager spiegelt die weltweite Zuspitzung der zwischenimperialistischen Widersprüche. Das heißt konkret, dass der Kampf um Macht und Einflussgebiete immer offener mit militärischen Mitteln ausgetragen wird und bestehende oder lange etablierte Einflusszonen grundsätzlich von den Akteuren hinterfragt werden.
Die Konflikte zeigen, wie weit die Imperialist:innen gehen, um die Welt neu aufzuteilen. Denn alle wollen einen „Platz an der Sonne“ erhalten.

