„Die Stimme von Hind Rajab“ – Das Zeugnis eines Völkermords

Der Film „Die Stimme von Hind Rajab“ verweigert die Illusion, man könne bei einem Genozid das Geschehen einordnen und anschließend zur Tagesordnung übergehen. Stattdessen zwingt er sein Publikum, der Stimme eines palästinensischen Kindes zuzuhören, das inmitten eines Völkermords um Hilfe ruft. Darin liegt seine ästhetische und politische Sprengkraft. – Ein Kommentar von Ali Najjar.

Die Geschichte von Hind Rajab, einem 5-jährigen Mädchen aus dem Gazastreifen, ging Anfang 2024 um die Welt. Sie ist eines von über 20.000 offiziell registrierten palästinensischen Kindern, die während des Genozids in Gaza gewaltsam ums Leben kamen. Hind und ihre Familie flohen aus Gaza-Stadt, als ihr Fahrzeug von der Armee beschossen wurde. Dabei kamen alle ihre Verwandten ums Leben. Hind Rajab blieb stundenlang allein im Fahrzeug zurück, während sie am Telefon mit Sanitäter:innen des Palästinensischen Roten Halbmond (PRCS) Kontakt hielt.

Spielfilm mit dokumentarischem Anspruch

Mit den Originalaufnahmen des Telefonats zeichnet der Film „Die Stimme von Hind Rajab“ die letzten Momente des jungen Mädchens nach. Formal bewegt sich der Film damit bewusst an einer Grenze. Die Verbindung aus dokumentarischem Tonmaterial und inszenierten Bildern erzeugt eine Spannung, der man sich nicht entziehen kann.

Der Film wurde zudem in enger Abstimmung mit Überlebenden aus Hinds Familie – darunter ihre Mutter – sowie mit den Mitarbeiter:innen des Notrufs produziert. Diese hatten am anderen Ende der Leitung verzweifelt und bis zuletzt versucht, Hinds Leben zu retten, wie Regisseurin Kaouther Ben Hania darlegte.

Die Handlung spielt fast ausschließlich in der Notrufzentrale des Roten Halbmonds in der Stadt Ramallah im Westjordanland – einem angesichts der Thematik fast unheimlich steril wirkenden Büro-Setting. Dennoch schafft es der Film, die Schrecken und das ungeheuerliche Unrecht eines kolonialen Vernichtungskriegs eindrücklich zu vermitteln.

Der Film widersetzt sich der Logik, dass Leid nur dann legitim erzählt werden darf, wenn es sachlich abstrahiert wird. Er fragt nicht einfach nur: „Was ist passiert?“, sondern: „Was bedeutet es, diese Dokumente des Zeitgeschehens zu hören – und dennoch wegzusehen?“

Die Staatsräson hat den Film ebenfalls kommentiert

„Die Stimme von Hind Rajab“ wurde bereits bei den renommierten Filmfestspielen in Venedig 2025 mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Für das Jahr 2026 ist der Streifen unter anderem für die Oscars und die Golden Globes in den Kategorien ​​„Bester internationaler Film“ und „Bester nicht-englischsprachiger Film“ nominiert.

In der bürgerliche Medienlandschaft finden sich aber auch ganz andere Urteile über den Film: Von der rechten Springer-Presse bis zur sich links verortenden Taz wollen Kritiken des Werks darin vor allem eine emotionalisierende Propaganda erkennen. Das Wort Völkermord setzen sie in diesem Kontext nach wie vor in Anführungszeichen.

Berichterstattung über Gaza: Die deutschen Medien verlieren ihre letzte Glaubwürdigkeit

„Einseitig“ und „parteiisch“ sei die filmische Nacherzählung des Mords an Hind Rajab. Als wolle man in Einklang mit der deutschen Staatsräson sagen: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Der Springer-Konzerns ist derweil eng mit zionistischen Lobbygruppen und dem israelischen Staat verbunden und profitiert unter anderem mit dem Verkauf von Immobilien in den besetzten Siedlungen im Westjordanland. Diese Verbindungen sind weitläufig bekannt und eine etablierte Tradition. Die inhaltliche Linie ist daher nur folgerichtig.

Aber auch die Taz hat während des Genozids in Gaza immer wieder schrille menschenverachtende Texte veröffentlicht, Kriegsverbrechen relativiert oder geleugnet und israelische Kriegspropaganda reproduziert. So las man dort schon die Verklärung des Genozids zum „Abwehrkrieg gegen die Hamas“ oder davon, dass Journalist:innen in Gaza auch legitime militärische Ziele sein können. Der Taz-Redakteur Nicholas Potter unterhält seinerseits beste Kontakte zur Israel-Lobby und bekam erst im Dezember 2025 einen Preis von der Lobbyorganisation ELNET verliehen.

Der Widerspruch der Realität

Währenddessen zeigt der Film die Widersprüchlichkeit, welche die koloniale Situation in Palästina mit sich bringt und die im Zuge der beispiellosen Gewalt in Gaza noch deutlicher zu Tage tritt. Die Mitarbeiter:innen des Roten Halbmonds in Ramallah finden sich in einem moralischen Dilemma wieder, in dem eine gewisse Absprache mit den Organen der Besatzung selbst – der israelischen Armee und der sogenannten Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) – unvermeidlich ist, um überhaupt die geringe Chance für erfolgreiche Rettungsmissionen zu eröffnen.

Als Spiegel dieser paradoxen Situation erschien es, als zu einem offiziellen Screening in Berlin neben zahlreichen Vertreter:innen aus der bürgerlichen Politik auch der offizielle Botschafter der Autonomiebehörde Laith Arafeh anwesend war. Er prangerte die Kriegsverbrechen in Gaza an, während die Kollaboration seiner Behörde bei der Aufrechterhaltung der kolonialen Herrschaft insgesamt eine entscheidende Rolle spielt.

Darüber geraten die Protagonisten in der Notrufzentrale in offenen Streit miteinander, der die komplexe Frage aufwirft, inwieweit eine gewisse „Kollaboration“, um in der unmittelbaren Situation Menschenleben zu retten, notwendig ist und was dies für die langfristige Perspektive der palästinensischen Befreiung bedeutet.

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Eine Antwort darauf bietet die Realität selbst, die der Film mit seinem dokumentarischen Charakter unverstellt wiedergibt. Am Ende werden Hind Rajab wie auch die Rettungskräfte, die sich zu ihr auf den Weg gemacht hatten, durch die Armee getötet, nachdem über die korrekte Prozedur und die Besatzungsbürokratie grünes Licht für die Rettungsmission gegeben worden war.

Was bleibt nach dem Abspann?

„Die Stimme von Hind Rajab“ erzählt in den Worten von Regisseurin Ben Hania die Geschichte, wie ein „Kind um Hilfe ruft und niemand kommt“, sodass seine Stimme für immer verstummt. Der Film lässt in dieser Hinsicht keinen Raum für optimistische Ausblicke nach dem Abspann, welche die aktuelle Realität schlicht nicht hergibt. Es erzeugt nur noch blanke Wut und Abscheu mit anzusehen, wie weite Teile des bildungsbürgerlichen Feuilletons sich beißend und kreischend dieser Realität verweigern, die das Projekt Israel und den Zionismus empfindlich diskreditiert.

Unterdessen haben palästina-solidarische Aktivist:innen in Berlin den Hermannplatz im Stadtteil Neukölln inoffiziell in „Hind Rajab-Platz“ umbenannt. Am Jahrestag von Hinds Ermordung Ende Januar wurde hier eine Gedenkkundgebung abgehalten, bei der Bilder abgelegt, Kerzen entzündet und Reden gehalten wurden.

Was der Film also ohne Zweifel leistet, ist, für die Nachwelt wie auch die Gegenwart Zeugnis abzulegen über das bisher blutigste Verbrechen in einer langen Verkettung zionistischer Kolonialgewalt. Und so bleibt immerhin die stille Hoffnung, dass sich im Streben nach einem vollständigen Ende der Besatzung in Palästina in der Zukunft neue Wege bahnen und dass die zionistische Ideologie und der Kolonialstaat auf Palästinas Boden möglicherweise ihren eigenen Genozid nicht überleben werden.

Ali Najjar
Ali Najjar
Muslimischer Sozialist aus Berlin und Perspektive-Autor seit 2023. Fördert gern revolutionären Optimismus und Desillusionierung über den bürgerlichen Staat. Student der Sprachwissenschaften und Palästinenser.

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