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EU und Indien schaffen größte Freihandelszone der Welt

Indien und die EU haben beschlossen, die größte Freihandelszone der Welt aufzubauen. Beide Seiten erhoffen sich Vorteile für ihre eigene Wirtschaftsstrategie. Für Deutschland ist das Abkommen mit der faschistischen Modi-Regierung ein Baustein beim Wiederaufbau der eigenen Exportwirtschaft.

Indien und die EU haben sich auf ein Freihandelsabkommen geeinigt. Damit wird der größte Freihandelsraum der Welt mit knapp zwei Milliarden Menschen geschaffen. Durch das Freihandelsabkommen werden für die Unternehmen Zollbarrieren gesenkt und der Marktzugang erleichtert. Dieses Abkommen folgt einer stärkeren Annäherung, insbesondere zwischen Deutschland und Indien.

Mitte Januar hatte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit dem indischen Premierminister Nerendra Modi von der faschistischen Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP) getroffen. Unter Modi verfolgt die BJP seit 2014 offen die Hindutva-Ideologie, die Indien als hinduistische Nation definiert, religiöse Minderheiten diskriminiert und gleichzeitig rigoros gegen die Arbeiter:innenklasse vorgeht.

Das Abkommen bietet den europäischen, allen voran den deutschen, ebenso wie den indischen Konzernen einen großen Markt für ihre Waren. Darüber hinaus versuchen sich sowohl Indien als auch die EU gegenseitig als zuverlässige, langfristig stabile Handelspartner im Gegensatz zu den USA darzustellen. Ab 2007 hatte es bereits Verhandlungen über ein breites Handels- und Investitionsabkommen gegeben, das jedoch 2013 ausgesetzt und nicht abgeschlossen wurde.

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Schwankende deutsche Wirtschaft

Für die deutsche exportorientierte Wirtschaft ist das nun in Aussicht stehende Abkommen ein Zugewinn. Diese befindet sich seit Beginn der Wirtschaftskrise 2019 in einer schwankenden Stagnation. Der Zusammenbruch der Handelsketten während der Corona-Pandemie sowie der sich zuspitzende Handelskrieg mit China und den USA, der unter anderem zu höheren Zollschranken gegenüber den vorherigen größten Handelspartnern führte, erschwerten die Lage.

Das zeigt sich auch am deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP), das als gesamtwirtschaftlicher Indikator vor allem die realisierten Einnahmen des in Deutschland verankerten Kapitals abbildet und in den letzten fünf Jahren insgesamt stagniert hat. Währenddessen liegt die Außenhandelsbilanz mittlerweile wieder auf den Stand vor 2020.

Im Gegensatz dazu ist die indische Wirtschaft eine der am schnellsten wachsenden der Welt. Zuletzt wurde im Finanzjahr von April 2024 bis März 2025 ein BIP-Wachstum von 6,5 Prozent verzeichnet. Im aktuellen Finanzjahr wird ein Wachstum von 6,8 Prozent erwartet.

Anhand dieser Zahlen lassen sich einige Vorteile für beide Seiten in diesen offenen Handelsbeziehungen erkennen. Für Deutschland bietet es die Möglichkeit, die eigene Wirtschaft mit Exporten in das bevölkerungsreichste Land der Welt wieder zu stabilisieren. Für Indien bietet es eine Möglichkeit, die eigene wachsende Wirtschaft auch nach Europa zu erweitern und den eigenen Markt mit europäischen Produkten und Know-how zu versorgen. Dass dieses Interesse besteht, zeigt auch, dass der Handel zwischen Deutschland und Indien im Jahr 2025 bereits um 1,5 Prozent gewachsen ist.

Autoindustrie im Fokus

Dabei sollten die Details des Deals nicht außer Acht gelassen werden. Denn das Freihandelsabkommen bedeutet nicht, dass beide Seiten uneingeschränkten Zugang zu den jeweiligen Binnenmärkten erhalten. Vor allem wird dieses Abkommen als Unterstützung für die Autoindustrie gesehen, die in den letzten Jahren besonders stark eingebrochen ist.

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Das Abkommen regelt den Zugang zum drittgrößten Automarkt und ermöglicht ein stärkeres, wenn auch eingeschränktes Wachstum. Denn laut Abkommen kann die EU bis zu 250.000 Autos zu einem reduzierten Zoll nach Indien exportieren. Dies betrifft dabei allerdings eher Luxusautos als Kleinwagen. Das bedeutet für diese Schlüsselindustrie des deutschen Kapitals eine Entlastung, aber keinen Ausgleich zu den bisherigen Verlusten auf dem chinesischen und dem US-amerikanischen Markt.

Neben der Autoindustrie soll durch den Deal mit Indien auch die deutsche Rüstungsindustrie profitieren. Während des Besuchs von Merz beim indischen Premierminister Modi stand ein U-Boot-Deal über 8 Milliarden Euro zwischen Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) und der indischen Marine im Mittelpunkt.

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Zudem versucht der deutsche Staat über die engere Partnerschaft mit Indien, den eigenen Fachkräftemangel abzuschwächen. So schloss Merz Mitte Januar eine Absichtserklärung, die bürokratische Hürden bei der Anwerbung von billigen Pflegekräften abbauen soll. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der in Deutschland beschäftigten Inder:innen bereits von etwa 25.000 auf etwa 170.000 gestiegen.

EU auf der Suche nach neuen Partner:innen

Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien ist allerdings nicht die einzige Initiative des Bündnisses um auf die veränderte Weltsituation zu reagieren. Neben dem Abkommen mit Indien befindet sich die EU auch noch in Verhandlungen zum Mercosur-Abkommen. Dieses würde eine Freihandelszone zwischen der EU und den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay eröffnen.

Das Abkommen ist dabei sehr stark auf die Interessen der deutschen Industrie ausgelegt. Im Gegenzug für vereinfachte Exporte deutscher Autos und Chemieprodukte soll der Zugang der südamerikanischen Agrarindustrie den Verkauf auf dem europäischen Markt erleichtern. Dies stellt eine starke Konkurrenz für die europäische Agrarindustrie dar und treibt Bäuer:innen seit Monaten auf die Straße.

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Doch auch diese beiden großen Freihandelszonen, die gerade mit den Mercosur-Staaten sowie Indien aufgebaut werden, sind nicht das Ende der Suche der EU nach neuen Partnern, um in der Neuaufteilung der Welt nicht unterzugehen. Die EU und Deutschland haben auch vor kurzem ein Handelsabkommen mit Indonesien geschlossen und schielen darauf, sich am Wiederaufbau Syriens zu beteiligen.

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