Femizide in Deutschland: Gewaltsame Realität und der Kampf dagegen

Mindestens 360 Frauen wurden im Jahr 2025 in Deutschland durch Gewalt getötet. Das ist fast eine Frau pro Tag. Die Dunkelziffer liegt vermutlich höher; die Tendenz ist steigend. In den vergangenen Wochen gab es erneut mehrere Femizide, aber auch Proteste dagegen.

Die Nachrichten der letzten Tage fügen sich in ein erschreckendes Muster ein: In Hagen wurde eine Frau Opfer eines Messerangriffs; sie starb noch am Tatort. In Oberfranken/Pressig kam eine 75-jährige Ehefrau durch Gewalt ums Leben und in Rosenheim tötete ein Mann seine 84-jährige Mutter. In Leipzig überlebte eine Frau einen versuchten Femizid nur knapp. Und in Berlin-Lichtenberg wurde am Morgen des 9. Februar eine Frau tot aufgefunden, nur einen Kilometer entfernt griff Stunden später ein Mann eine weitere Frau mit einem Messer an.

Dieses Jahr sind schon mindestens 15 Frauen von Femiziden betroffen. Diese sind keine isolierten Einzelfälle. Sie sind Ausdruck eines strukturellen Problems, das sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht.

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Patriarchale Gewalt und ihre vielen Gesichter

Die Taten folgen oft ähnlichen Mustern, auch wenn die Umstände variieren. In vielen Fällen handelt es sich um Morde durch aktuelle oder ehemalige Partner. Das Bundeskriminalamt beziffert diesen Anteil auf über 80 Prozent der vollendeten Tötungsdelikte an Frauen.

Die Gewalt hat unterschiedliche Erscheinungsformen. Zum Beispiel der Mord an der Ex-Partnerin, die sich getrennt hat und dennoch vom Mann weiter verfolgt, bedroht und schließlich getötet wird. Die Frau in Hagen wurde nach ersten Erkenntnissen von ihrem Ex-Partner getötet. Da ist der Mord an der Mutter, oft im Zusammenhang mit Sorgerechts- oder Trennungskonflikten. In jedem Fall werden Frauen aber vor allem aufgrund ihres Geschlechts zum Ziel von männlicher Gewalt.

Protest und Gegenwehr

Gegen diese Gewalt formiert sich aber auch zunehmend Protest. In Berlin-Lichtenberg war die sozialistische Stadtteilorganisation Solidaritätsnetzwerk noch am Tag der Tat vor Ort. Die Gruppe wies darauf hin, dass Femizide in ihrem Stadtteil kein Einzelfall sind. Bereits im August 2024 wurde im Ortsteil Friedrichsfelde die 28-jährige Nikki vor ihrem Wohnhaus von ihrem Ex-Partner mit einem Messer getötet. Sie hatte sich zuvor mehrfach hilfesuchend an Behörden gewandt. Ein wirksamer Schutz blieb aus.

Anwohner:innen errichteten damals gemeinsam mit solidarischen Personen und Organisationen in der Nähe von Nikkis Wohnort ein Hochbeet als Gedenkort. Es folgte eine Demonstration, um an Nikki zu erinnern und auf das Thema aufmerksam zu machen.

Frau in Berlin-Lichtenberg getötet – Zweite Gewalttat am selben Tag

Auch in Leipzig fand im Stadtteil Altlindenau eine Kundgebung zu dem versuchten Femizid statt, nachdem die Polizei seit Ende letzter Woche öffentlich nach dem Täter sucht. Der Mordversuch selbst geschah bereits im Januar, als ein mutmaßlicher Freier in einem Wohnungsbordell eine 26-jährige Prostituierte an der Haustür tätlich angriff. Frauen in der Prostitution sind dabei besonders stark von patriarchalen Übergriffen und Gewalt betroffen.

Auf der Kundgebung selbst haben sich die Initiative Sachsen gegen Femizide, das Solidaritätsnetzwerk und die Organisation Frauenkollektiv zusammengeschlossen. Auf Bannern war dabei groß zu lesen: „Jeden Tag ein Femizid, aber wir halten zusammen!“ Die Kundgebung stieß dort auf besonderes Interesse in der Nachbarschaft und bei den direkten Nachbar:innen der Überlebenden. Gemeinsam wurde sich dabei ausgetauscht, wie man sich auch im Stadtteil solidarisch gegen patriarchale Gewalt zur Wehr setzen kann.

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Die mediale Berichterstattung und das Schweigen

Die Berichterstattung über Femizide folgt dabei oft bestimmten Mustern. Häufig ist von „Beziehungstaten“ oder „Familiendramen“ die Rede. Diese Begriffe verharmlosen die Taten. Sie stellen sie als etwas dar, das im Privaten passiert und damit die Öffentlichkeit nichts angeht. Die Rede von der „eifersüchtigen Tat“ individualisiert das Geschehen und lenkt von den gesellschaftlichen Ursachen ab.

Tatsächlich aber handelt es sich bei Femiziden um die extremste Form geschlechtsspezifischer Gewalt. Sie sind kein individuelles Beziehungsversagen, sondern Ausdruck patriarchaler Machtverhältnisse. Wenn Männer ihre Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen töten, ist das allen voran ein Ausdruck von Machtausübung und Besitzansprüchen.

Dabei fällt immer wieder auf, dass der Staat keinen ausreichenden Schutz bietet – und das besonders in Zeiten, in denen Plätze in Frauenhäusern knapper werden und die Einrichtungen von Kürzungen betroffen sind. Viele getötete Frauen hatten außerdem zuvor Kontakt zu Polizei, Gerichten oder Beratungsstellen. Sie hatten Anzeigen erstattet, Schutzanträge gestellt, auf die Gefahr hingewiesen, was ihnen im Zweifel aber nicht das Leben rettet.

Studie zu Femiziden: Systematische Gewalt und ein Staat, der Frauen im Stich lässt

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