Am Montag wurde eine Frau in Lichtenberg getötet. Kurz darauf griff ein Mann eine Frau nur einen Kilometer entfernt des ersten Tatorts mit einem Messer an. Währenddessen existiert im Berliner Stadtteil kein einziges Frauenhaus.
In den frühen Montagmorgenstunden ist im Berliner Ortsteil Lichtenberg eine Frau tot aufgefunden worden. Gegen 3 Uhr entdeckte ein Passant den leblosen Körper in der Altenhofer Straße und alarmierte die Feuerwehr. Nach dem Eintreffen der Einsatzkräfte übernahm die Polizei die Ermittlungen.
Erste Hinweise deuten auf ein Gewaltverbrechen hin. Der eigentliche Tatort wird nach Angaben der Polizei in einer nahegelegenen Grünanlage vermutet. Ein Tatverdächtiger befindet sich inzwischen in Gewahrsam. Weitere Angaben zu Identität, Motiv oder Tathergang machten die Ermittlungsbehörden bislang nicht.
Noch am selben Tag kam es in Lichtenberg zu einer weiteren schweren Gewalttat. Am Vormittag wurden Einsatzkräfte zu einer Wohnung gerufen, in der sie eine verletzte Frau antrafen. Die Betroffene gab an, von einem maskierten Mann mit einem Messer angegriffen worden zu sein. Sanitäter stellten Stichverletzungen am Arm und am Kopf fest. Die Frau wurde medizinisch versorgt und in ein Krankenhaus gebracht. Zu den Hintergründen der Tat liegen bislang keine gesicherten Erkenntnisse vor.
Gewalt gegen Frauen nimmt weiter zu
Über die konkreten Umstände beider Gewalttaten ist aktuell wenig bekannt. Dennoch stehen beide Taten exemplarisch für eine bundesweite Entwicklung: Die Zahl frauenfeindlicher Straftaten ist in Deutschland zuletzt deutlich gestiegen.
Nach Angaben des Bundeskriminalamts nahmen entsprechende Delikte im Jahr 2024 um mehr als 73 Prozent zu, nachdem im Vorjahr bereits ein Anstieg von über 56 Prozent verzeichnet wurde. Im Jahr 2023 wurden bundesweit 938 Frauen Opfer versuchter oder vollendeter Tötungsdelikte. Rund 80,6 Prozent der getöteten Frauen sind durch ihren aktuellen oder ehemaligen Partner ermordet wurden. Insgesamt kamen 360 Frauen ums Leben; somit ereignete sich nahezu täglich ein Femizid.
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Femizide in Lichtenberg
Die Stadtteilorganisation Solidaritätsnetzwerk war noch am Montag vor Ort und erklärte gegenüber Perspektive, dass tödliche Gewalt gegen Frauen auch in ihrem Stadtteil kein Einzelfall sei. Fälle dieser Art seien in Lichtenberg wiederholt zu beobachten. In einer Stellungnahme verwies die Organisation auf mehrere Femizide in den vergangenen Jahren und ordnete diese als Ausdruck patriarchaler Macht- und Ungleichheitsverhältnisse ein.
Einer der genannten Fälle ist der Femizid an Nikki im Ortsteil Friedrichsfelde. Im August 2024 wurde die 28-Jährige vor ihrem Wohnhaus von ihrem ehemaligen Partner mit einem Messer angegriffen und tödlich verletzt. Sie hatte sich zuvor mehrfach hilfesuchend an Behörden gewandt und auf die konkrete Gefährdung hingewiesen. Ein wirksamer Schutz blieb jedoch aus.
Der Fall sorgte über den Stadtteil hinaus für Aufmerksamkeit und lenkte den Blick auf den Umgang staatlicher Stellen mit bekannten Gefährdungslagen, sowie die Folgen fehlender präventiver Maßnahmen. Anwohner:innen errichteten gemeinsam mit dem Solidaritätsnetzwerk und dem Frauenkollektiv in der Nähe von Nikkis Wohnort ein Hochbeet als Gedenkort. Zudem wurde eine Demonstration organisiert, um an Nikki zu erinnern und auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen.
Mangelnde Schutzangebote in Berlin-Lichtenberg
Während die Gewalt gegen Frauen also weiter zunimmt, reicht das Angebot an Schutz- und Unterstützungsstrukturen vielerorts nicht aus. In Berlin fehlen gemessen an den Vorgaben der Istanbul-Konvention rund 500 Frauenhausplätze. Im Bezirk Lichtenberg existiert derzeit kein einziges Frauenhaus.
Gleichzeitig wurden die Mittel für Frauenhäuser, Beratungsstellen und Hilfetelefone in den vergangenen Jahren massiv gekürzt. Einrichtungen berichten von Personalabbau und eingeschränkten Angeboten bei zugleich steigender Nachfrage. Schutzsuchende werden zudem vermehrt an den Kosten ihres Aufenthalts beteiligt – eine Praxis, die insbesondere arme und prekär lebende Frauen faktisch vom Gewaltschutz ausschließt.
Der Berliner Senat hält dennoch an seinem Sparkurs fest. Bereits in den Haushaltsjahren 2024 und 2025 wurden Einsparungen vor allem in den Bereichen Soziales, Bildung und Kultur umgesetzt. Auch im Haushaltsentwurf für 2026 ist eine Fortsetzung dieser Kürzungspolitik vorgesehen.
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Repression statt Prävention
Parallel zu Kürzungen im sozialen Bereich setzt die Berliner Landespolitik verstärkt auf repressive Instrumente der inneren Sicherheit. Mit einer Reform des Berliner Polizeigesetzes wurden im Dezember 2025 unter anderem elektronische Fußfesseln sowie erweiterte Kontakt- und Annäherungsverbote eingeführt. Diese Maßnahmen greifen in der Regel jedoch erst dann, wenn es bereits zu einer Eskalation gekommen ist. Strukturelle Ursachen patriarchaler Gewalt – etwa ökonomische Abhängigkeiten, fehlende soziale Absicherung oder unzureichende Beratungsangebote – bleiben dabei weitgehend unberücksichtigt.
Kritiker:innen weisen zudem darauf hin, dass repressive Maßnahmen zwar staatliche Handlungsfähigkeit demonstrieren würden, jedoch keine verlässliche Sicherheit für Betroffene gewährleisten könnten. Gewalt gegen Frauen werde schlicht instrumentalisiert, um staatliche Kontrollbefugnisse auszuweiten, während notwendige Investitionen in Prävention und strukturelle Gewaltbekämpfung weiterhin ausblieben.

