Gerechtigkeit für Abdoulaye Ba – Senegals Studierendenbewegung steht erneut auf

Seit teilweise mehr als 13 Monaten haben Studierende der Cheikh Anta Diop-Universität in Dakar ihre staatlichen Stipendien nicht ausgezahlt bekommen. Proteste wurden mit einem massiven Gewaltexzess der Polizei beantwortet. Wir haben mit der ehemaligen UCAD-Studentin Fatoumata Diop über die aktuelle Situation gesprochen.

Am 9. Februar 2026 dringt die Polizei auf den Campus der Université Cheikh Anta Diop de Dakar (UCAD) ein – eine Szene, die in den letzten Jahren beinahe zur Gewohnheit geworden ist. Doch das Aufgebot hatte an diesem Tag ein höheres Niveau erreicht, und sehr schnell ging der Einsatz über eine bloße Kontrolle hinaus. Die Wohnheime wurden gestürmt und mit Tränengas geflutet. Gemeinschaftsräume wurden gewaltsam eingenommen und brutale Razzien durchgeführt.

Wenige Stunden später wurde die Bilanz des Polizeieinsatzes bekannt: Abdoulaye Ba, Student der Zahnchirurgie, wurde tot in seinem Zimmer aufgefunden – zu Tode geprügelt. Hinzu kamen etwa 250 Verletzte und 29 Verhaftete. Wenig später waren die Straßen um die Universität von Protesten und schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und Polizei geprägt.

Die ehemalige Studentin der UCAD, Fatoumata Diop, verfolgt die Demonstrationen seit mehreren Jahren und erklärte sich am 10. Februar 2026 bereit, über die Ereignisse zu sprechen, die derzeit nicht nur den Campus erschüttern.

Polizeigewalt: Unverzichtbarer Teil dieses Systems

Seit Monaten finden regelmäßig Studierendenproteste an der UCAD statt. Was ist der Hintergrund dieser Proteste?

Im Mittelpunkt der Proteste stehen ausstehende Zahlungen staatlicher Stipendien, die teilweise über 13 Monate nicht gezahlt wurden. Hinzu kam in den letzten Tagen die Schließung der Universitätsmensa. Diese Entscheidung wurde vom Zentrum für Universitätswerke in Dakar (COUD) auf Anweisung des Ministeriums für Hochschulbildung getroffen. Bereits im Dezember waren Studierende und Angestellte der Universitäten für mehr als drei Wochen in einen Streik getreten, um gegen Verzögerungen und ausbleibende Stipendienzahlungen zu protestieren. Der Protest verlagerte sich zunehmend vom Campus auf die Straßen der Hauptstadt, insbesondere entlang der Corniche Ouest, wo es zu Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und der Polizei kam.

In einem Land, in dem mehr als 75 Prozent der Bevölkerung jünger als 35 Jahre sind, geht die Studierendenfrage weit über den universitären Rahmen hinaus. Im Senegal, insbesondere in Dakar, sind Studierende historisch ein zentraler Motor politischer Mobilisierungen. Organisiert in verschiedenen Gruppen und Komitees spielen sie eine entscheidende Rolle in Protestbewegungen. Zuletzt mobilisierten sie 2023 und 2024 unter dem ehemaligen Präsidenten Macky Sall gegen Verarmung, Repression gegen Oppositionelle und gegen die neokoloniale Abhängigkeit von Frankreich. Der öffentliche Druck trug zu Macky Salls Verzicht auf eine dritte Amtszeit bei.

Die Partei PASTEF kam anschließend mit der Unterstützung eines bedeutenden Teils dieser Jugendbewegung an die Macht und brachte Bassirou Diomaye Faye ins Präsidentenamt. Dennoch trafen 2025 neue Haushaltskürzungen den Bildungssektor, und staatliche Stipendien wurden gekürzt. Viele fühlen sich nun verraten, insbesondere vom ehemaligen Oppositionellen Ousmane Sonko, der nun das Amt des Innenministers innehat.

Deutsche Polizeiausbildung für Technokraten-Regierung in Gaza

Wie ist die soziale Lage der Studierenden, und welche Bedeutung haben diese staatlichen Stipendien für sie?

Im Senegal lebt fast die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, besonders betroffen ist die Bevölkerung der ländlichen Gebiete. Ein großer Teil der Studierenden der UCAD stammt aus diesen Regionen. Nur sehr wenige kommen aus finanziell stabilen oder wohlhabenden Familien, die sie unterstützen könnten. Die Mehrheit der Studierenden ist daher allein, fern von ihren Angehörigen, lebt unter prekären Bedingungen und muss sich mit allen Mitteln durchschlagen, um zu überleben – obwohl das staatliche Stipendium ein verfassungsmäßiges und soziales Recht jedes senegalesischen Studierenden darstellt.

Diese alltäglichen Schwierigkeiten wirken umso gravierender im Vergleich zu öffentlichen Ausgaben in anderen Bereichen. Kürzlich, nach dem Erfolg der Fußballnationalmannschaft im Africa Cup, kündigte Präsident Bassirou Diomaye Faye umfangreiche finanzielle und Grundstücksprämien für die Spieler und Mitglieder des Sportverbands an. Jeder Spieler erhielt eine Prämie von 75 Millionen CFA-Franc (etwa 114.000 Euro) sowie ein Grundstück an der Petite Côte, Senegals Luxusküste. Auch andere Mitglieder des Verbande und der nationalen Delegation erhielten Prämien und Grundstücke, und mehr als 300 Millionen CFA-Franc kamen dem Sportministerium zu.

Ein Schlag ins Gesicht für die Studierenden, die seit Monaten auf ihre Stipendien warten, welche mit 40.000 CFA im Monat (etwa 60 Euro) ohnehin kaum Schulmaterial, Unterkunft, Transport und Nahrung decken.

Für die meisten sind diese Stipendien lebensnotwendig. Viele kommen aus Kleinstädten und Dörfern und könnten ihr Studium in Dakar ohne diese Unterstützung nicht fortsetzen. Die Unterkünfte auf dem Campus und die subventionierten Mahlzeiten stellen oft die einzige Sicherheit dar, die sie haben. Die aktuellen Entscheidungen der Regierung machen der Jugend eindeutig klar: Es stimmt nicht, dass dem Staat das Geld fehlt, um ihre Zukunft zu sichern – vielmehr setzt er andere Prioritäten.

Geheimdienst und Polizei: Gemeinsame Sache trotz Trennungsgebot?

Welche Reaktionen hat der Tod des Studenten Abdoulaye Ba und die Gewalt auf dem Campus am 9. Februar ausgelöst?

Angesichts der Ermordung von Abdoulaye Ba und den Gewaltexzessen durch die Polizei am 9. Februar 2026 verfolgt der Staat eine klare Strategie der Zurückweisung von Verantwortung. In offiziellen Reden erklärten Premierminister Ousmane Sonko und der Minister für Hochschulbildung, Daouda Ngom, die Studierenden würden von äußeren Kräften manipuliert, und der Staat habe technisch gesehen keine Verpflichtung gegenüber den Studierenden. Diese Haltung löste eine massive Solidaritätswelle in der Bevölkerung aus.

Die Intersyndicale des Zentrums für Universitätswerke in Dakar (COUD) rief zu einem verlängerbaren 48-Stunden-Streik auf, um die Unsicherheit auf dem Campus anzuprangern, während die sieben größten Gewerkschaften der Lehrkräfte ihre bereits im Januar begonnenen Arbeitsniederlegungen und Vollstreiks fortsetzten, um die Einhaltung staatlicher Zusagen einzufordern.

Unter dem Hashtag #freeUCAD werden in sozialen Netzwerken Nachrichten verbreitet, zu Protesten mobilisiert und eine Spendenkampagne geführt. Auch Rückführungsaktionen werden von zivilgesellschaftlichen Akteuren organisiert, um Studierenden eine sichere Ausreise aus Dakar zu ermöglichen. Viele entschieden sich, den Campus und die Hauptstadt zu verlassen und in ihre Herkunftsstädte und -dörfer zurückzukehren.

Wie die nächsten Tage und Wochen aussehen, ist noch unklar, es ist jedoch mit weiteren Repressionen zu rechnen. Aus diesem Grund ist die internationale Aufmerksamkeit und Solidarität für die Studierenden im Senegal aktuell ein wichtiges Anliegen.

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!