Eine neue, umfassende Studie zeigt, dass weniger als zehn Prozent aller Gewalterfahrungen in Deutschland bei der Polizei angezeigt werden. Besonders betroffen sind Frauen, Migrantinnen und LGBTI+ Personen. Die Untersuchung offenbart strukturelle Probleme im Umgang mit Gewalt.
In Deutschland wird nur ein Bruchteil der tatsächlich erlebten Gewalt auch formal zur Anzeige gebracht. Das ist das zentrale Ergebnis der großangelegten Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“, die gemeinsam vom Bundeskriminalamt (BKA), dem Bundesministerium des Innern (BMI) und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) durchgeführt und im Februar 2026 veröffentlicht wurde. Befragt wurden rund 15.000 Personen im Alter von 16 bis 85 Jahren. Die Studie wirft ein Schlaglicht auf ein massives Dunkelfeld von Gewalt und offenbart, welche Gruppen in der Gesellschaft besonders vulnerabel sind.
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Das Ausmaß des Dunkelfelds: Über 90 Prozent der Fälle bleiben im Verborgenen
Der vielleicht erschütterndste Befund der Studie ist die immense Diskrepanz zwischen erlebter und angezeigter Gewalt. Weniger als zehn Prozent aller Gewalterfahrungen führen demnach zu einer polizeilichen Anzeige. Das bedeutet, dass über 90 Prozent der Gewalttaten im gesellschaftlichen Dunkelfeld verbleiben, sie werden weder staatlich erfasst noch justiziell verfolgt. Bei psychischer und physischer Gewalt in (Ex-)Partnerschaften liegt sie sogar bei unter fünf Prozent.
Die Gründe für diese hohe Nicht-Anzeige-Quote sind vielfältig. Sie reichen von Scham- und Schuldgefühlen der Betroffenen über die Angst vor Retraumatisierung durch Ermittlungsverfahren bis hin zur ökonomischen oder emotionalen Abhängigkeit vom Täter, insbesondere im Bereich häuslicher Gewalt. Hinzu kommt oft die Befürchtung, nicht ernst genommen, sogar selbst beschuldigt zu werden oder einfach keine Hilfe zu bekommen. Dass Letzteres tatsächlich häufig der Fall ist, zeigen aktuelle Erkenntnisse aus Berlin und Brandenburg: So stellt die Staatsanwaltschaft drei von vier Verfahren wegen häuslicher Gewalt ein.
Ungleiche Verteilung: Frauen, Migrantinnen und LGBTI+ Personen besonders betroffen
Die LeSuBiA-Studie zeigt zudem, dass Gewalt nicht gleichmäßig über die Gesellschaft verteilt ist. Bestimmte Gruppen sind einem signifikant höheren Risiko ausgesetzt, Opfer von Gewalt zu werden. Gleichzeitig zeigt sich eine klare Verteilung hinsichtlich der Täterschaft.
Frauen sind in fast allen erfassten Gewaltbereichen besonders stark betroffen. Dies gilt in besonderem Maße für sexualisierte Gewalt, digitale Gewalt, Stalking und Gewalt in (Ex-)Beziehungen. Die Studie zeigt, dass Gewalt gegen Frauen keine Einzelschicksale sind, sondern ein strukturelles gesellschaftliches Problem mit klar geschlechtsspezifischem Muster.
Migrantinnen erfahren diese Vulnerabilität noch verstärkt. Sie sind sowohl aufgrund ihres Geschlechts als auch aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Aufenthaltsstatus einem erhöhten Gewaltrisiko ausgesetzt. Spezifische Formen der Gewalt, wie etwa Bedrohungen im Zusammenhang mit dem Aufenthaltsrecht oder rassistische Gewalt, kommen hier hinzu. Die Studie weist darauf hin, dass migrantische Frauen oft zusätzliche Barrieren haben, Hilfe zu suchen. Dies passiert aufgrund von Sprachproblemen, Unkenntnis des Rechtssystems oder der Angst vor aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen.
Ebenso sind LGBTI+ Personen überdurchschnittlich häufig von Gewalt betroffen. Dabei handelt es sich oft um gezielte Hasskriminalität, die auf die sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität oder den Lebensstil der Betroffenen abzielt. Diese Gewalt dient der Aufrechterhaltung von patriarchalen Strukturen und hat für die Betroffenen oft schwerwiegende psychische Folgen.
Täter sind mehrheitlich Männer
Ein wichtiger Aspekt, den die LeSuBiA-Studie benennt, ist die Frage der Täterschaft. Während die Studie bestätigt, dass sowohl Männer als auch Frauen von verschiedenen Formen der Gewalt betroffen sein können, zeigt sich, dass der Großteil der Gewalt gegen Frauen gerichtet wird. Die Täterschaft hingegen liegt bei den allermeisten Gewaltdelikten überwiegend bei Männern. Dies ist ein gesellschaftliches Faktum, das in der Diskussion um Gewaltprävention und Täterarbeit eine zentrale Rolle spielen muss. Die Studie stellt beispielsweise fest, dass auch männliche Opfer von sexualisierter Belästigung oder digitaler Gewalt sehr häufig Männer als Täter haben.
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