Zeitung für Solidarität und Widerstand

„Internationale Solidarität mit Rojava soll kriminalisiert und gebrochen werden“

Vor kurzem reiste eine deutsche Delegation nach Nordkurdistan, um Solidarität zu zeigen und gegen die Angriffe auf Rojava zu protestieren. Nun berichtet Lena C.*, wie der türkische Staat sie daran hinderte und mit Gewalt zurück nach Deutschland abschob.

Mit einer Delegation von 16 Personen, bestehend aus Aktivist:innen und Journalist:innen, reisten wir als Internationalist:innen nach Bakur (Nordkurdistan, türkisches Staatsgebiet – Anm. der Redaktion), um gegen die anhaltenden Angriffe auf Rojava zu protestieren und unsere Solidarität zum Ausdruck zu bringen.

Im Rahmen der Delegation haben wir uns an Demonstrationen in Amed und Nusaybin beteiligt, nahmen an Veranstaltungen der Demokratischen Partei der Völker (DEM) teil und führten Gespräche mit politischen Vertreter:innen.

Festnahme und Abschiebung durch türkische Behörden

Am vierten Tag unserer Reise wurden wir auf dem Weg von Nusaybin nach Mardin, wo eine Pressekonferenz sowie die Teilnahme an einer Demonstration geplant waren, vom türkischen Staat gestoppt und festgenommen. Nach der Festnahme wurden wir zunächst in Mardin in den Zellen einer Polizeiwache festgehalten und anschließend über eine etwa 20-stündige Busfahrt mit je einer Polizeibewachung pro Person nach Istanbul in ein Abschiebezentrum gebracht. Während dieser Zeit wurden uns persönliche Gegenstände abgenommen, wir hatten keinen Zugang zu unseren Reisepässen, Telefonen und Geld; zudem wurde uns der Kontakt zu Anwält:innen verwehrt.

Nach wenigen Stunden, in denen wir in Istanbul in der Abschiebebehörde festgehalten wurden, wurden wir in ein Flugzeug gebracht, mit dem wir abgeschoben werden sollten. Da wir alle einen deutschen Pass besitzen, gehen wir davon aus, dass der türkische Staat beabsichtigte, uns möglichst schnell und geräuschlos außer Landes zu bringen, auch wenn der Zweck der Abschiebung die Unterbindung politischer Solidaritätsarbeit und die Verdrängung kritischer Öffentlichkeit darstellt.

Da unser ursprüngliches Ziel darin bestand, die Revolution in Rojava von Bakur aus zu unterstützen und die Angriffe des türkischen Staates öffentlich zu machen, entschieden wir uns, die Abschiebung nicht kommentarlos hinzunehmen. Im Flugzeug machten wir deshalb auf die Abschiebung sowie auf die fortgesetzten Angriffe auf Rojava aufmerksam. Dieser Protest stellte einen Wendepunkt dar. Nachdem wir einer Aufforderung, das Flugzeug zu verlassen, nicht nachkamen, wurden wir gewaltsam aus dem Flugzeug entfernt und in einen Bus gezwungen, der uns zurück in Abschiebehaft bringen sollte.

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Beleidigungen, Drohungen und Gewalt

Bereits im Bus wurden wir von Polizeikräften mit den Worten „Welcome to Turkey“ empfangen. Mehrere Beamt:innen äußerten Parolen wie „Fuck you, Rojava“, traten und schlugen auf uns ein, rissen an unseren Haaren und legten uns Kabelbinder an. Während der Fahrt wurde nationalistische Musik abgespielt, wir wurden beleidigt und verhöhnt.

Anschließend wurden wir für mehr als zehn Stunden in Einzelzellen festgehalten. In dieser Zeit kam es wiederholt zu körperlicher Gewalt, zudem waren wir massiven Bedrohungen und sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Es wurden Anspielungen auf die Vergewaltigung von Frauen durch türkische Soldaten gemacht, außerdem zeigte man uns Videos misshandelter kurdischer Kämpferinnen.

Als wir aus den Zellen geholt wurden, wurden mehreren Personen Zwangsjacken angelegt, die wohl von Antiterroreinheiten genutzt werden. Zudem wurden Maulkörbe verwendet, um erneutes Rufen von Parolen zu unterbinden. Diese Fesselungen wurden teilweise erst bei der Landung in Deutschland entfernt, sodass einige von uns über etwa fünf Stunden in dieser unnatürlichen Haltung gefangen waren und sich kaum bewegen konnten.

Updates aus Rojava und von der internationalen Solidaritätsbewegung

Solidarität bleibt notwendig

Die Eskalation der Gewalt macht deutlich, dass es dem türkischen Staat um eine gezielte Einschüchterung und Bestrafung politischer Aktivist:innen geht. Internationale Solidarität mit Rojava soll kriminalisiert und gebrochen werden.

Dieses Vorhaben ist jedoch gescheitert: Trotz unserer Festnahme und Abschiebung sind weitere Delegationen und Einzelpersonen nach Bakur gereist, um ihre Solidarität zu zeigen. Auch in den Städten, aus denen wir kommen, gehen politische Arbeit, Öffentlichkeitsarbeit und Solidaritätsaktionen weiter.

Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Lage ist dies umso dringlicher: Allein in den letzten Tagen kam es in der Türkei erneut zu über hundert Festnahmen politisch aktiver Menschen. Darum ist es wichtig, dass wir im imperialistischen Zentrum umso lauter sind. Deshalb kämpfen wir weiter – für Gerechtigkeit für alle, die vom türkischen Staat angegriffen werden, und für die Verteidigung der Revolution in Rojava.

*Name geändert, echter Name ist der Redaktion bekannt.

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