Im Iran spitzen sich die Klassenkämpfe seit Jahren immer weiter zu. Das islamische Regime kann sich nur noch mit äußerster Gewalt gegen die eigene Bevölkerung behaupten. Die USA drohen mit Bombardierungen. Doch die Zukunft des Landes muss den Arbeiter:innen und Unterdrückten gehören. – Ein Kommentar von Mohannad Lamees.
Im Dezember 2025 und Januar 2026 erlebte der Iran die gewaltigsten Protestwellen seit dem Revolutionsjahr 1979. Auslöser für die Proteste waren die immens steigende Inflation und die Entwertung der iranischen Währung. Selbst Lebensmittel wie Joghurt konnten nur noch auf Raten gekauft werden.
Wie schon bereits zum Jahreswechsel zwischen 2019 und 2020, als das Regime die Benzinpreise massiv anzog und sich die Wut der Bevölkerung in Demonstrationen gegen die Regierung entlud, richteten sich auch die diesjährigen Proteste gegen das Regime als Ganzes. Im Vergleich zu früheren Erhebungen protestierten dieses Jahr noch deutlich breitere Teile der Bevölkerung gegen die eigene Regierung – und gegen den Kapitalismus.
Waren die Bilder aus Iran in den ersten Tagen der Proteste noch hoffnungsvoll, so sorgte das islamische Regime mit seinem brutalen Vorgehen schnell für Angst und Schrecken: Nachdem am 8. Januar die Internetverbindungen und Telefonleitungen abrupt durch die Regierung gekappt wurden, schossen Armee und regimetreue Söldner die Proteste nieder. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch beruft sich auf iranische Quellen und geht davon aus, dass die iranischen Sicherheitsbehörden in ihren tödlichen Razzien in zahlreichen Provinzen mehrere tausend Protestierende gezielt ermordet haben.
Das wahre Gesicht des Regimes
Das Wohlfahrtssystem, mit dem sich die islamische Führung nach der Revolution 1979 die Unterstützung größerer Teile der Bevölkerung erkauft hatte, konnte sich das Regime spätestens in den 2010er Jahren nur noch für weniger und weniger Menschen leisten und agierte gleichzeitig, sozusagen als Korrektur, immer repressiver gegen eine wachsende Anzahl der eigenen Bürger:innen.
Dabei spielten die internationalen Sanktionen, die vor allem von der USA und Europa seit 2006 gegen den Iran verhängt wurden, eine wesentliche Rolle: Sie trugen und tragen zur dauerhaften Wirtschaftskrise im Iran bei und verstärken die Armut in immer größeren Teilen der Bevölkerung, während religiöse Führer und die Würdenträger der korrupten Revolutionsgarden sich sogar an ihnen bereichern können. Dass immer mehr Schichten verarmen, ist gleichzeitig der Grund dafür, dass immer breitere Teile sich offen von der Regierung abwenden.
Das Regime, das zeigen die jüngsten Entwicklungen, ist unterdessen durchaus geschwächt, aber noch immer in der Lage, seine Macht zu erhalten. Zwar musste der Iran seit dem 7. Oktober und besonders im sogenannten 12-Tage-Krieg mit Israel im Sommer 2025 große Rückschläge verkraften und seine regionalen Machtansprüche weit zurücksetzen.
Doch im Innern bleibt die Herrschaft über die eigene Bevölkerung robust – auch weil die Regimeführung erfahren in der Niederschlagung von Protesten und dem Geben von besänftigenden Zugeständnissen ist. Im Falle der Niederschlagung der Proteste von 2026 tat die iranische Regierung das beispielsweise, indem sie nach tagelangen Massakern der eigenen Bevölkerung und den USA großzügig verkündete, auf weitere Hinrichtungen zu verzichten.
Es braucht eine neue Revolution
Nach wie vor inszeniert sich die iranische Regierung in diesem Zusammenhang gerne als Festung des Anti-Imperialismus, den sie aus ihrer Feindschaft zur USA ableitet. Doch bei der eigenen Bevölkerung verfängt diese Erzählung immer weniger. Vielmehr wird sich das iranische Volk mehr und mehr des Charakters der ausbeuterischen Herrschaft im Iran bewusst.
Unter den widrigen ökonomischen und politischen Gegebenheiten bildeten sich in den letzten Jahren gleichzeitig verstärkt neue Organisationsformen in der iranischen Arbeiter:innenklasse, wie z.B. Betriebsgruppen, Streikkomitees und marxistische Zirkel. Während im Jahr 2022 nach der Ermordung Jina Aminis in den kurdischen Gebieten und Teheran Frauen für ihre Freiheit protestierten, organisierten Arbeiter:innen in strategisch wichtigen Industriesektoren große Streiks, so zum Beispiel in einigen petrochemischen Raffinerien des Landes.
In dieser Verbindung der Arbeiter:innenorganisierung mit den politischen Kämpfen der vom iranischen Regime besonders Unterdrückten – Frauen, LGBTI+ Personen, Kurd:innen und anderer nationaler Minderheiten – liegt das Potenzial, den eigenen Protesten deutlich höhere Schlagkraft zu verleihen.
Dass bei den Demonstrationen 2026 immer offener auch eine Überwindung des Kapitalismus gefordert wird, ist Ausdruck dieser Entwicklung in der iranischen Arbeiter:innenklasse. Noch können sie dem Regime nicht dauerhaft trotzen, noch müssen sich die vielerorts entstehenden Organisationsformen in einer einheitlichen Kampforganisation bündeln.
Doch auch wenn die Proteste vorerst niedergeschlagen wurden, waren die Kämpfe keineswegs umsonst. Die Massaker der Regierungstruppen an der eigenen Bevölkerung und die Repressionserfahrung sorgen für wachsende Wut auf das Regime und schwören so bereits heute die Proteste von morgen herauf. Die Erfahrungen aus den diesjährigen Aufständen ermöglichen die nächsten Schritte auf dem Weg zum revolutionären Sturz des islamischen Regimes.
US-Imperialismus bereitet sich auf das nächste Schlachtfeld im Iran vor
Kampf dem Imperialismus weltweit
Diesen Sturz und die Übernahme der Macht können sich die Ausgebeuteten und Unterdrückten im Iran nur selbst erkämpfen. Dazu ist es notwendig, dass diejenigen Kräfte, die heute an einer Hinwendung des Iran zu anderen imperialistischen Mächten wie den USA arbeiten, sich nicht gegen die revolutionären Teile der Bewegung durchsetzen – und auch, dass diese selbst begreifen, dass das Hoffen auf unterstützende US-Angriffe keine gute Taktik ist. Denn die imperialistischen Mächte, so viel muss klar sein, verfolgen nur ihre eigene Agenda.
Den USA und ihrem israelischen Schützling geht es weiterhin vor allem um die Sicherung ihrer Macht in der umkämpften Golfregion. Und sowohl Trump als auch Netanjahu haben zuletzt gezeigt, wie sehr sie bereit sind, diesem Ziel die Unterstützung für Regimegegner:innen im Iran unterzuordnen. Die iranische Bevölkerung ist in den Rechnungen der Imperialist:innen nur eine Randgröße. Vielmehr paktieren die USA lieber mit dem iranischen Regime, als es zu stürzen und so womöglich für größere Unruhe im Machtgefüge der Region zu sorgen. Zugleich setzten sie es mit dem aktuellen militärischen Aufbau massiv unter Druck.Â
Und auch der deutsche Imperialismus handelt nicht im Interesse der iranischen Bevölkerung, wenn er nun in Reaktion auf die Niederschlagung der Proteste eine weitere Verschärfung der Sanktionen gegen den Iran fordert. Während iranische Kapitalist:innen Mittel und Wege finden, um die Sanktionen zu umgehen, wird sich für den Großteil der iranischen Bevölkerung die Armut nur noch weiter vergrößern. So lange Deutschland selbst ein imperialistisches Land ist, so lange wird von den Herrschenden hier keine aufrichtige Unterstützung für Kämpfe gegen den Kapitalismus erfolgen – weder im Iran noch an anderen Orten auf der Welt.
Dieser Artikel erschien in der Perspektive-Print-Ausgabe von Februar 2026. Für die Online-Veröffentlichung wurde er leicht angepasst.

