Kein neues Hanau!? Sechs Jahre später und die Gesellschaft rückt weiter nach rechts

Im Februar 2020 schoss ein faschistischer Attentäter in Hanau auf mehr als ein dutzend Menschen mit Migrationshintergrund, tötete 10 von ihnen. In Medien, Politik und Gesellschaft wurde diskutiert: Wie konnte es zu diesem schrecklichen Ereignis kommen? Heute, 6 Jahre später, kämpfen Freund:innen und Familie noch immer um Aufklärung und Gerechtigkeit, gleichzeitig ist die Gewalt von Rechts massiv angestiegen. Doch wessen Schuld ist das und was können wir dagegen unternehmen? – Ein Kommentar von Alexandra Magnolia.

Der Attentäter von Hanau vertrat eine rassistische und antisemitische Weltansicht, war Anhänger verschiedener Verschwörungstheorien, Teil der frauenfeindlichen Incel Subkultur und hatte einen Hass auf den Islam. Er radikalisierte sich vor allem im Internet, veröffentlichte dort auch selbst Videos, in denen er seine antisemitischen und islamfeindlichen Ansichten kundtat.

Kurz vor dem Anschlag veröffentlichte er online ein Manifest, in dem er unter anderem über die Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen in Westasien und Nordafrikas redete, seinen Hass auf Frauen und Migrant:innen äußerte und von einer herbeigeführten Degeneration des deutschen Volkes durch Geheimorganisationen sprach.

Psychisch kranker Einzeltäter oder eine Systemfrage?

Als Tobias R. am Abend des 19. Februar loszog, tat er das mit einem Plan. Er suchte sich gezielt Orte aus, die vor allem von Migrant:innen besucht wurden, sprühte einige Wochen vor dem Anschlag in genau diesem Viertel den Namen der Website, auf der er sein Manifest veröffentlichte, an eine Wand. Bereits eine Stunde vor dem Anschlag hielt er sich in der Nähe des Ortes auf.

Am Abend des Anschlags wurde der Abzug der Waffe zwar von einer Person gedrückt, die Ermordeten sind aber nicht nur die Opfer eines psychisch kranken Einzeltäters. Das Motiv war faschistisch, die Tat keine Affekthandlung.

In den Nachrichten wurde das vom Täter veröffentlichte Manifest häufig als „wirr“ oder „irre“ bezeichnet und in der Berichterstattung immer wieder die psychische Störung in den Vordergrund gerückt. Schizophrenie und Wahnvorstellungen werden als alleinige Begründung dargestellt, die Rolle von antisemitischen, frauenverachtenden und rassistischen Ideologien, die Tobias R. sich aus verschiedenen Chaträumen, Vorträgen und Internetseiten zusammensuchte, in den Hintergrund gerückt. In der Realität aber fand eine Radikalisierung statt, die sich in den Rechtsruck der gesamten Gesellschaft einreiht.

Die Gesellschaft rückt weiter nach rechts

Tobias R. ist nicht der Erste, der einen solchen Anschlag verübte und wird auch nicht der Letzte gewesen sein.

Rechte Positionen sind weiter in Parlamente, Talkshows und Kommentarspalten vorgedrungen, werden salonfähig gemacht. Nicht nur sitzt die als rechtsextremistisch eingestufte AfD in Parlamenten und Landtagen, auch andere Parteien sind weiter nach rechts gerückt. Während Angela Merkel sich nach dem Anschlag in Hanau öffentlich noch bestürzt zeigte und Rassismus als Gift in unserer Gesellschaft bezeichnete, ist ihr Nachfolger Friedrich Merz, auch Teil der CDU, heute bereits ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, rassistische Hetze zu befeuern und unsere Gesellschaft zu spalten.

Zum Beispiel, als er im Oktober letzten Jahres mit seiner Aussage zum Stadtbild für Aufmerksamkeit sorgte: „Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“

Wir sind das Stadtbild, wir sind eine Klasse

Schon heute müssen vor den Grenzen Europas tausende Geflüchtete ausharren, weil ihnen die Einreise verweigert wird. Die Zahl der Abschiebungen aus Deutschland ist seit 2023 massiv angestiegen und auch in Länder wie Afghanistan und Syrien, die als unsichere Herkunftsländer eingestuft sind, soll mehr abgeschoben werden. Das betonen Politiker:innen fast aller Parteien immer wieder in Talkshows, Interviews oder dem Bundestag. Die Politik heute forciert eine rassistische Migrationspolitik. Wo Abschottung und Abschiebung zum Leitprinzip erhoben wird, ist klar, dass manche Leben weniger wert sind als andere – und genau das beeinflusst auch das gesellschaftliche Klima.

Das sieht man nicht nur an den Wahlerfolgen rechter Parteien, auch außerparlamentarisch organisieren sich Rechte immer radikaler. Faschistische Jugendorganisationen wie die „Junge Nationalisten“ erfreuen sich großer Beliebtheit, Faschist:innen ziehen mit Demonstrationen durch viele deutsche Großstädte und die Angriffe und Straftaten von rechts nehmen zu. 2024 musste selbst das Bundeskriminalamt eine Steigerung von 47,8 Prozent bei rechts motivierten Straftaten einräumen, bei rechts motivierten Gewalttaten eine Steigerung von 17,2 Prozent.

In der Summe heißt das: faschistisches Gedankengut wird immer leichter zugänglich, Faschismus in der Gesellschaft immer mehr akzeptiert. Politik und Medien malen ein Bild der Ausgrenzung und spalten uns, gleichzeitig gewinnt die organisierte Rechte immer mehr an Zulauf. Anschläge wie der in Hanau sind in den letzten sechs Jahren immer wahrscheinlicher geworden, die Gefahr von rechts immer größer.

Zuwachs von rechter Gewalt in Deutschland

Rassismus staatlich organisiert?

Aber wer soll uns vor dieser Gefahr schützen? Der Staat? Wohl eher nicht. Nicht nur in Parlament, auch an anderen Stellen sieht man, dass der Staat knietief mit drin steckt.

Es werden immer wieder faschistische Strukturen in Polizei, Bundeswehr und Verfassungsschutz bekannt – Chatgruppen, Waffenlager, Feindeslisten. Die Aufarbeitung, wenn es überhaupt eine gibt, ist halbherzig. Viel eher schützt der Staat solche rechten Strukturen und die Verstrickung von Polizei und Bund in ihnen, wie zum Beispiel beim NSU. Papiere werden geschwärzt, sind unter Verschluss oder gehen verloren. Verantwortung übernehmen will niemand.

Bis heute sind auch im Fall Hanau viele Fragen ungeklärt. Warum war der Notausgang der Shisha-Bar verschlossen, warum war die Polizeistelle nicht ausreichend besetzt, sodass keiner der getätigten Notrufe durchgestellt werden konnte? Warum wurde jahrelang nicht gegen den Vater von Tobias R. vorgegangenen, der nach der Tat seines Sohnes Angehörigen der Ermordeten auflauerte und sie bedrohte, sondern stattdessen sogar den Hinterbliebenen geraten, aus Hanau wegzuziehen?

Warum wurde ihnen von den Behörden nicht geholfen, sondern ihnen eine Gefährderansprache gehalten? „Die Opferfamilien wären hier potenzielle Gefährder für den Vater, es müsste eine Art Gefährderansprache gemacht werden“, heißt es in einem Polizeibericht vom 23. Februar 2020. Dass Hinterbliebene bei solchen Anschlägen nicht auf die Hilfe des Staates hoffen können, sondern oft sogar gegen ihn antreten müssen, haben in der Vergangenheit noch weit mehr Fälle als der Anschlag von Hanau gezeigt. Oury Jalloh, der NSU oder der Brandanschlag von Solingen sind dabei nur einige Fälle.

Anschlag in Hanau: Täterschutz statt Opferschutz

Wer sehen will, wohin das führen kann, muss nur in die USA schauen. Dort ging die Trump-Administration zuletzt in puncto staatlich organisiertem Rassismus noch mehrere Schritte weiter.

Unzählige Razzien der Abschiebebehörde ICE, Masseninhaftierungen, die systematische Kriminalisierung von Migration. Videos auf Plattformen wie Instagram und TikTok zeigen brutale Verhaftungen und migrantische Kinder, die aus ihren Klassenräumen gezerrt werden. Gegen Anti-ICE Proteste wird mit Schlagstöcken und Tränengas brutal vorgegangen.

Zuletzt wurde während eines ICE-Einsatzes in Minneapolis eine 37-jährige Frau in ihrem Auto erschossen weil sie eine Verhaftung verhindert haben soll. Das Video zeigt, wie der ICE-Beamte zwei Schüsse abfeuert und die verstorbene „fucking bitch“, also „verdammte Schlampe“ nennt. Die Trump-Regierung deckt den Mord, bezeichnet das Opfer als linksextreme Terroristin und die Schüsse als Selbstverteidigung.

Die Situation in Amerika mag für viele noch weit weg klingen. Doch wer glaubt, hier in Deutschland sei man von dieser bitteren Realität noch weit entfernt, verkennt die Dynamik. Auch hier verschieben sich die Grenzen von dem, was sagbar, machbar und politisch durchsetzbar ist.

ICE erschießt US-Bürgerin – Tausende protestieren dagegen

Antifaschistischen Selbstschutz aufbauen

Wenn die Gesellschaft immer weiter nach rechts rückt, Parlamente und Politiker:innen den Rechtsruck nicht aufhalten und die Polizei uns nicht schützt, was ist dann unsere Alternative?

Die Welle an migrantischer Selbstorganisierung nach dem Anschlag von Hanau, als sich in ganz Deutschland Migrant:innen politisierten und in Organisationen zusammenschlossen, aber auch der Kampf einiger Hinterbliebenen zeigen, was antifaschistische Praxis konkret bedeuten kann: Erinnern, benennen, anklagen. Sich nicht abspeisen lassen mit Floskeln, sondern Konsequenzen einfordern. Die Fälle nicht isoliert, sondern im Kontext der Gesamtsituation betrachten, nicht als ein individuelles, sondern ein Problem des Systems. Und Wege finden, sich dagegen dauerhaft zu organisieren.

Aber der Kampf gegen rechte Gewalt und Strukturen geht nicht erst los, wenn es wieder zu einer Gewalttat gekommen ist. Er beginnt dort, wo wir zusammenkommen. Mit Nachbar:innen, Mitschüler:innen, Kommiliton:innen, Kolleg:innen und Freund:innen. Wo wir uns solidarisch begegnen und zusammenstehen gegen rechte Hetze. Er beginnt dort, wo wir uns organisieren gegen einen aufkommenden Faschismus. Er beginnt, wenn wir erkennen, dass uns dieser Staat mit seinen Institutionen nicht schützen wird, sondern uns in den Rücken fällt, wenn es darauf ankommt.

Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 107 vom Februar 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

Alexandra Magnolia
Alexandra Magnolia
Schülerin aus dem Ruhrpott und seit Oktober 2023 Korrespondentin für Perspektive. Besonders gerne schreibt sie über die Frauenrevolution, Militarisierung und die Jugend. Hobbykünstlerin und Katzenliebhaberin.

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