Mehr als Mullahs und Monarchie: Das politische Spektrum im Iran

Die meisten westlichen Medien reduzieren das politische Geschehen im Iran und unter Exiliraner:innen auf ein Duell zwischen der Islamischen Republik und dem Sohn des 1979 gestürzten Schahs, Reza Pahlavi. Doch das Spektrum der politischen Kräfte ist viel breiter. ­– Ein Kommentar von Sohrab Mobasheri.

Über den Iran war in den letzten Monaten sehr häufig in westlichen Medien zu lesen. Ob während des Krieges gegen Israel und USA im Juni 2025 oder während der Massenproteste ab Januar 2026. Für USA, NATO und EU ist der politische Gegner klar: der alte Geistliche Ayatollah Ali Khamenei mit seiner jüngst als terroristisch gebrandmarkten Revolutionsgarde (IRGC, Islamic Revolutionary Guard Corps, auf Persisch kurz Sepah oder Pasdaran).

In Solidarität mit den anhaltenden Protesten gegen die iranische Regierung gab es auf der ganzen Welt Kundgebungen und Demonstrationen. Häufig zu sehen in Deutschland oder anderen Staaten des Westens waren dabei Fahnen des 1979 gestürzten Schah-Regimes und Israel-freundlichen Ex-Kronprinzen Reza Pahlavi. In Medienberichten westlicher Medien gibt es dann immer nur die Wahl zwischen „Mullahs“ oder Schah-Regime. Doch das iranische politische Spektrum innerhalb und außerhalb ist viel breiter.

Seit 36 Jahren an der Spitze des Regimes: Ali Khamenei

1989 starb Ayatollah Ruhollah Khomeini, unter dessen Führung 1979 die islamische Revolution der Monarchie im Iran ein Ende setzte. Zu Khomeinis Nachfolger wählte der laut der Verfassung der Islamischen Republik zuständige, aus Geistlichen bestehende Expertenrat (Khobregan) Ali Khamenei. Er hatte schon vorher zwischen 1981 und 1989 das Präsidentenamt inne.

Khameneis Wahl war für manche Beobachter eine Überraschung. Er war einmal von Khomeini dafür kritisiert worden, dass er nicht an die absolute Macht des Obersten Führers der Islamischen Republik glaubte. Als Khamenei die Nachfolge Khomeinis antrat, vergaß er seine Bedenken gegen absolute Macht und baute seine eigene im Laufe der Jahre so aus, dass nunmehr niemand im herrschenden System gegen ihn zu opponieren wagte.

Khamenei sagt von sich selbst, er sei auch an der Macht Revolutionär geblieben. Diese Haltung bezieht sich in erster Linie auf seinen außenpolitischen Kurs, vor allem gegen die USA und Israel. Seine Innenpolitik sieht er als Konsequenz seines internationalen Kurses. Schließlich gilt es aus Khameneis Sicht die Handlanger der USA im Iran zu unterdrücken. Die permanente Repression, deren bisher blutigster Höhepunkt die Ermordung von tausenden Protestierenden am 8. und 9. Januar 2026 war, wird von Khamenei stets als Kampf gegen die fünfte Kolonne der USA im Iran bezeichnet.

In die Wirtschaftspolitik mischt sich Khamenei nicht so offen ein wie bei der Außenpolitik und der Repression im Land. Über 36 Jahre wurde die Wirtschaft des Landes von der der obersten Aufsicht Khameneis unterstellten Bürokratie im Interesse einer immer reicher gewordenen Kapitalistenklasse gestaltet. Hin und wieder prangert Khamenei die Reichen und die Ungerechtigkeit an, ohne dass diesen Worten Taten folgen.

Der Ayatollah versucht, seiner treuen Anhängerschaft, zu denen auch manche sozial Benachteiligte gehören, das Bild eines nicht korrumpierten, asketisch lebenden Revolutionärs zu vermitteln. Seine Anhängerschaft ist so treu, dass sie die Verantwortung für die sozialen Missstände den Bürokrat:innen zuweist und die Augen davor schließt, dass Khamenei letztlich auch die Verantwortung für die Wirtschaftspolitik trägt.

Strömungen innerhalb der Islamischen Republik

Das lange im Westen vermittelte Bild der Konkurrenz zwischen Hardlinern und Reformern im System der Islamischen Republik ist überholt. Alle Strömungen innerhalb der Islamischen Republik haben einige grundlegende gemeinsame Interessen, allen voran die Erhaltung der Macht, an der sie beteiligt sind. Es gibt keine relevante politische Kraft innerhalb des Systems, die etwa das Zurückdrängen von Oligarchen fordert.

Zahlreiche Bänder geschäftlicher, familiärer und politischer Art halten die herrschenden Kapitalisten und die höchsten Funktionäre der Islamischen Republik zusammen. Die meisten Funktionäre selbst und ihre Familien gehören der Kapitalist:innenklasse an. Schon längst messen sie ihr Einkommen und Reichtum in US-Dollar und nicht in der iranischen Währung Rial. Ihre Dollar- und Euro-Guthaben halten die iranischen Kapitalist:innen auf Konten bei ausländischen Banken, zum Beispiel in den Arabischen Emiraten.

Der US-amerikanische Finanzminister Bessent prahlte neulich während seines Besuchs beim Wirtschaftsforum in Davos, dass es ihm und seinem Chef Donald Trump gelungen sei, eine massiven Flucht aus der iranischen Währung zu fördern. Ohne dass ein Schuss aus amerikanischen Waffen gefallen sei, entwickelten sich die Dinge im Iran sehr positiv, so Bessent. Diesen Erfolg verdanken die USA einem Regime im Iran, das vor allem den iranischen Dollarmillionär:innen und -milliardär:innen verpflichtet ist.

Spaltung in der Außenpolitik

In der Wirtschaftspolitik vereint, streiten sich die Fraktionen des Regimes über Außen- und Innenpolitik. Hauptsächlich stehen sich zwei Lager gegenüber. Die Mehrheit im Parlament, die meisten Kommandeure der Revolutionsgarde, die meisten Geistlichen und die brutal agierende Justiz treten für harte Repression und nur punktuelles Zugehen auf die USA ein. Einige von Ihnen favorisieren ein engeres Bündnis mit Russland und China, als es bisher der Fall ist. Russland ist beim Ausbau der Beziehungen zur Islamischen Republik mit Rücksicht auf Israel etwas zurückhaltend.

Trotz des von Israel ausgeführten Genozids pflegt Russland Beziehungen zu Tel Aviv, die es nicht mit einer allzu starken Parteinahme für den Iran gefährden will. Mit China hat die Islamische Republik in den letzten Jahren insbesondere die Wirtschaftsbeziehungen ausbauen können. China ist der wichtigste Absatzmarkt für iranisches Öl und die wichtigste Quelle der Importe des Iran. Über eine etwaige militärische Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern ist wenig bekannt. Die Volksrepublik setzt generell in ihren Bündnissen eher auf wirtschaftliche als auf militärische Beziehungen.

Der amtierende iranische Präsident Pezeshkian und die meisten Funktionär:innen der zivilen Exekutive haben einen faktischen Verzicht auf den Kopftuchzwang durchgesetzt. Sie sind für mehr Kompromissbereitschaft gegenüber den USA bekannt. Die graue Eminenz dieses Lagers ist Hassan Rohani, der zwischen 2013 und 2021 Präsident der Islamischen Republik war.

Ein anderer Ex-Präsident, der als Reformer bezeichnete Mohammad Khatami, tritt seltener in Erscheinung. Mahmood Ahmadinejad, Präsident zwischen 2005 und 2013 und einst Protegé von Khamenei, ist längst in Ungnade gefallen und arbeitet an einem Image als Kritiker der Herrschenden.

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Ex-Reformer:innen und national-religiöse Kräfte

Ein Teil der Administration des sogenannten Reformpräsidenten Khatami gehört schon längst der im Iran agierenden Opposition an. Zusammen mit den im Iran als national-religiös bezeichneten Liberalen treten die Ex-Reformer:innen für eine Änderung der Verfassung und teilweise auch für die Überwindung der Islamischen Republik und eine Trennung von Religion und Staat ein. Dieses Spektrum ist die konsequentere Verteidigerin des Kurses, der auch von Teilen der politischen Exekutive vertreten wird.

Weil Ex-Reformer:innen und National-Religiöse offener für eine Verständigung mit den USA und weniger Repression eintreten, befinden sich einige ihrer Vertreter:innen in Haft. Dieses Spektrum kritisiert die herrschende Wirtschaftspolitik nicht etwa von links, sondern eher von rechts. Es tritt überwiegend für eine konsequentere Privatisierung und eine Verkleinerung des Staates ein.

Es gibt keine harte Abgrenzung zwischen den meisten Ex-Reformer:innen und den National-Religiösen einerseits und der aggressiv pro-westlichen Opposition. Kräfte, die in der Islamischen Republik einst Regierungsverantwortung hatten (die National-Religiösen bis 1981, die sogenannten Reformer:innen ab 1997), haben insbesondere viele ihrer jüngeren Kader:innen an die offen gegen die Islamische Republik auftretenden Kräfte verloren. Einige der fanatischen Monarchie-Anhänger:innen haben ihre Karriere bei den sogenannten Reformer:innen der Islamischen Republik begonnen.

Sie alle eint die offene Huldigung des westlichen kapitalistischen Systems. Sie wollen eine politische Integration in oder zumindest Annäherung an den westlich orientierten internationalen Block, einen kleineren Staat und mehr Privatsektor. Für die meisten von ihnen ist die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich kein Problem, oder sie behaupten wider besseren Wissens, dass die Armen auch von Privatisierungen profitieren würden.

Am härtesten unterdrückt: Linke im Iran

Im Iran war die Linke nie an der Macht. Sie wird seit über einem Jahrhundert unterdrückt. Mit Ausnahme weniger Jahre der relativen Freiheit zwischen 1906 und 1926, nach der ersten Revolution im Iran zwischen 1941 und 1953, vor dem amerikanisch-britisch-geführten Putsch, sowie von 1979 bis 1981, unmittelbar nach dem Sturz des Schah-Regimes. Der Höhepunkt der brutalen Unterdrückung der iranischen Linke war 1988, als hunderte Kommunist:innen hingerichtet wurden.

Sie gehörten verschiedenen Parteien und Organisationen an: im Wesentlichen der prosowjetischen Tudeh-Partei, den verschiedenen Fraktionen der Volksfedayin und einigen Organisationen wie Peykar (Kampf), für die die Sowjetunion als revisionistisch galt. Von den Organisationsstrukturen dieser Gruppen ist im Iran nichts mehr übrig.

Einige ihrer Mitglieder und Anhänger:innen sind ihren Idealen treu geblieben. Andere sind keine Kommunist:innen mehr, sondern Sozialdemokrat:innen. Ein Teil hat das linke Lager verlassen und ist jetzt etwa liberal. Andere haben sich entpolitisiert. Die ehemals organisierte Linke im Iran hat keinen Nachwuchs. Andere Generationen von linken Aktivist:innen im Iran entstammen den Studierendenbewegungen der 1990er, der 2000er und der 2010er Jahre. Postmoderne Ideologien sind unter ihnen sehr verbreitet.

Weil unabhängige Gewerkschaften im Iran genauso unterdrückt werden wie linke politische Gruppen, gibt es nur wenige offen links auftretende Aktivist:innen aus der Arbeiter:innenklasse. Immerhin gibt es zum Beispiel die traditionsreiche Gewerkschaft des öffentlichen Nahverkehrs in Teheran. In ihrer jüngsten Erklärung hat sie die Ermordung tausender Protestierender im Januar 2026 verurteilt und zugleich gegen Krieg, ausländische Intervention und die Rückkehr der Monarchie Stellung bezogen. Die iranischen Gewerkschafter:innen sehen vor allem in der neoliberalen Wirtschaftspolitik der Islamischen Republik die Ursache der sozialen Misere und der politischen Krise.

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Politische Kräfte der ethnischen Minderheiten

Die iranische Bevölkerung setzt sich aus mehreren ethnischen Gruppen zusammen. Einige dieser Gruppen wie die aserbaidschanische, die kurdische, die turkmenische, die arabische und die belutschische Minderheit sprechen ihre eigene Sprache, die man auch mit guten persischen Sprachkenntnissen nicht versteht.

Zusätzlich gibt es mehrere regionale Dialekte, die zwar nicht als eigenständige Sprache gelten, jedoch auch nicht von nativen Persischsprachigen verstanden werden. Vergleichbar ist dies mit solchen Mundarten in Deutschland wie zum Beispiel Bayerisch. Diejenigen, deren Muttersprache mit der amtlichen Sprache im Iran, nämlich Persisch, identisch ist, könnten selbst auch eine Minderheit sein. Darüber gibt es jedoch keine offizielle Statistik.

Zusätzlich gibt es eine gewisse religiöse Vielfalt im Iran. Die größte Minderheit sind die sunnitischen Muslim:innen, zu denen die meisten Kurd:innen gehören. Im Iran gibt es eine lange Tradition des Kampfes gegen ethnische Diskriminierung. Aus diesem Kampf sind diverse politische Gruppen hervorgegangen, die vor allem regional tätig sind. Die größten dieser Gruppen sind die kurdischen.

Verschiedene kurdische Parteien

Die älteste kurdische Gruppe ist die Demokratische Partei (Democratic Party of Iranian Kurdistan, DPK-I), die sich auf die Tradition der kurzlebigen autonomen Republik Mahabad beruft. Diese autonome Regierung wurde in den 1940er Jahren von Ghazi Mohammad gegründet und nach einer kurzen Zeit vom Schah-Regime blutig unterdrückt. Ghazi Mohammad selbst wurde hingerichtet.

Die DPK-I hat feudale Elemente und ist in ihrer Ausrichtung mit der Regierungspartei der autonomen kurdischen Region im Nordirak vergleichbar. Der DPK-I-Chef Mustafa Hijri sprach sich in einem im Januar 2026 von BBC Persian ausgestrahlten Interview für die militärische Intervention der USA im Iran aus und behauptete, die USA haben in ihren Kriegen keine Zivilist:innen bewusst getötet.

Es gibt verschiedene unter dem Namen Komala (Vereinigung) tätige kurdische Organisationen, zum Beispiel die Komala-Partei des Iranischen Kurdistan unter Abdollah Mohtadi. Mohtadi forderte im Januar 2026 in einem gemeinsam mit anderen Personen unterzeichneten Brief an den US-Präsidenten Trump ebenfalls wie die DPK-I eine amerikanische Militärintervention im Iran. Neben der Mohtadi-Fraktion gibt es zum Beispiel eine sich als kommunistisch bezeichnende Komala-Fraktion.

Die Partei für ein freies Leben in Kurdistan (Partiya Jiyana Azad a Kurdistanê, PJAK) steht der PKK und der Führung in Rojava nahe. Sie hat einen jahrelangen bewaffneten Kampf gegen die Islamische Republik geführt. In letzter Zeit hat sie keine bewaffneten Aktionen mehr durchgeführt. PJAK kritisiert die meisten anderen kurdischen Parteien als feudale Kräfte, hat jedoch in der Vergangenheit punktuell mit diesen Parteien zusammengearbeitet.

Aserbaidschanische und belutschische Minderheiten

Die anderen ethnischen Minderheiten im Iran haben keine mit den kurdischen Parteien vergleichbare etablierte Vertretung. Innerhalb der größten ethnischen Minderheit, der aserbaidschanischen, gibt es einige, hin und wieder in Erscheinung tretende, mit türkischen Faschist:innen sympathisierende Elemente. Die aserbaidschanische und die türkische Identität haben gemeinsame asiatische Wurzeln.

Belutschistan im Südosten des Iran ist die ärmste Region des Landes. In dieser Region ist die sunnitische bewaffnete Gruppe Jond-Allah (Armee Gottes) aktiv. Unter den mehrheitlich schiitischen Araber:innen im iranischen Südwesten hat es auch in Vergangenheit bewaffnete Gruppen gegeben.

Soziale Bewegungen

Neben proletarischen Organisationen gibt es einige Bewegungen und Verbände sozialer Bewegungen im Iran. Diese reichen von Frauenorganisationen, Verbänden der Lehrkräfte, Umweltgruppen, dem Verband der Schriftsteller:innen, Menschenrechtsaktivist:innen bis hin zu Organisationen der Studierenden. Auch wenn die von der Islamischen Republik ausgeübten Repressalien die sozialen Bewegungen nicht verschonen, werden die nicht offen als politische Gruppierung auftretenden Gruppen weniger hart als die politische Opposition verfolgt.

Die sozialen Bewegungen konnten in den letzten Jahren einige Errungenschaften vorweisen, allen voran die Durchsetzung einer gewissen Bewegungsfreiheit von Frauen ohne Kopftuch. Dieser Erfolg ist der Jin-Jiyan-Azadi-Bewegung zu verdanken, die 2022 viele Orte im Iran erfasste.

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Linke Opposition aus dem Land gedrängt

Verschiedene politische Organisationen wurden nach der Revolution von 1979 der Reihe nach in den Untergrund oder in die Emigration gezwungen. Gleich während der Revolution oder kurz danach verließen zahlreiche Funktionär:innen des Schah-Regimes, ihre Familien und Anhänger:innen der Monarchie das Land und fanden hauptsächlich in den USA und Westeuropa Zuflucht. Aus dieser ersten Diaspora gingen verschiedene monarchistische Gruppen hervor.

Zu einer zweiten Welle der Emigration kam es ab 1981, als zeitgleich mit der Absetzung des ersten Präsidenten Abolhassan Banisadr eine blutige Repressionswelle gegen die damals mit Banisadr verbündeten Volksmojahedin (People’s Mojahedin Organization of Iran, PMOI, nach der persischen Bezeichnung auch mit MEK abgekürzt) sowie gegen die meisten linken Gruppen einsetzte.

Ab 1983 wurden die letzten noch im Iran agierenden linken Organisationen, die Tudeh-Partei und die Mehrheitsfraktion der Volksfedayin, Opfer einer gnadenlosen Verfolgung. Einige politische Gruppen, die ins Exil gezwungen wurden, haben in der Diaspora ihre Organisationsstrukturen wiederhergestellt. Andere lösten sich im Laufe der Jahre auf. Es kam zu Spaltungen, seltener zu Zusammenschlüssen. Einige Parteien und Organisationen wurden im Exil erst gegründet.

Monarchist:innen agieren aus dem Exil

Nach der Revolution brauchten die Monarchist:innen einige Jahre, um sich im Exil neu zu organisieren. 1980 starb der gestürzte Schah in Kairo. Seine Anhänger:innen treten seit 1980 für die Rückkehr des ehemaligen Kronprinzen Reza Pahlavi in den Iran ein. Einige Monarchist:innen erkennen den Systemwechsel von 1979 nicht an und halten Reza Pahlavi für den legitimen Monarchen.

Reza Pahlavi selbst beansprucht für sich das Recht, in einer Übergangsphase das iranische Volk zu vertreten und die politische Macht zu übernehmen, bis eine verfassungsgebende Versammlung zusammentritt und eine neue Verfassung ausarbeitet. Über diese soll in einem Referendum abgestimmt werden. Das von Reza Pahlavi und seinem Stab veröffentlichte Programm für die Übergangsphase räumt dem Ex-Kronprinzen weitreichende Befugnisse ein.

Davon, dass in einigen Demonstrationen vom Januar 2026 im Iran und insbesondere im Ausland Pro-Pahlavi-Parolen skandiert wurden, leiten die meisten Monarchist:innen einen Alleinvertretungsanspruch ab. Sie profitieren von der einseitigen Berichterstattung finanzstarker Medien im Westen.

Mehrere hauptsächlich in den USA und Westeuropa ansässige persischsprachige Fernsehanstalten räumen den Monarchist:innen den größten Teil ihrer Sendezeit ein. Zum Teil senden diese TV-Anstalten rund um die Uhr. Über Satellit und das Internet wird ihr Programm auch im Iran empfangen.

Faschistische Züge in monarchistischer Strömung

Das politische Programm der Monarchist:innen lässt sich wie folgt zusammenfassen: Wiederherstellung eines auf den Monarchen zugeschnittenen Systems, enge Beziehungen mit den USA und Israel, neoliberale Wirtschaftspolitik, Verleugnung des multiethnischen Charakters des Landes, Bezugnahme auf die Geschichte des antiken Persischen Reichs und der Monarchie und Unterdrückung linker und progressiver Kräfte. Anzeichen des letztgenannten Aspekts gibt es bereits heute. Andersdenkende, unter anderem Linke, werden von den Monarchist:innen verleumdet, bedroht und sogar körperlich angegriffen.

Die monarchistische Strömung nimmt immer mehr faschistische Züge an. Ihre Anhängerschaft marschiert in Städten Europas und der USA mit israelischen und ihren eigenen Fahnen. Sie bekennt sich zum Genozid gegen das palästinensische Volk und ruft mit Nachdruck zum militärischen Eingreifen des Westens im Iran auf. Anfang Januar 2026 rief Reza Pahlavi zu Angriffen auf staatliche Einrichtungen im Iran auf. Dieser Aufruf wird seit Wochen vom Propagandaapparat der Islamischen Republik als ein Beleg für die Behauptung angeführt, dass die Demonstrationen vom Ausland gesteuert wurden.

Liberale republikanische Kräfte

Es gibt in der iranischen Diaspora ein breites Spektrum liberaler republikanischer Kräfte. Am einen Ende dieses Spektrums befinden sich Strömungen, die in den Ex-Reformer:innen und den National-Religiösen ihre engsten Verbündeten im Iran sehen. Das andere Ende des liberalen republikanischen Spektrums bilden Oppositionelle, die für einen Sturz der Islamischen Republik eintreten.

Ihre Außen- und Wirtschaftspolitik weist Ähnlichkeiten mit dem Programm der Monarchist:innen auf. Vom monarchistischen Lager grenzt sich das republikanische Bürgertum hauptsächlich dadurch ab, dass es erbliche politische Ämter wie das eines Monarchen ablehnt. Liberale republikanische Kräfte haben eine signifikante Anhängerschaft unter iranischen Intellektuellen und Künstler:innen.

Volksmojahedin war Konkurrenz zur Revolutionsgarde

Die Volksmojahedin (MEK) wurden 1965 als islamisch-sozialistische Organisation gegründet. Wie die marxistischen Volksfedayin setzte die MEK auf den bewaffneten Kampf gegen das Schah-Regime. Die beiden Organisationen bildeten die Hauptgruppen der politischen Gefangenen in den 1970er Jahren.

Nach der Revolution von 1979 hatte die MEK einen breiten Zulauf, insbesondere von jungen Menschen. Die Führung der Islamischen Republik fühlte sich von einer Kraft bedroht, die sozialistische Ideen mit der islamischen Religion verband und für viele Angehörige der aktiven politischen Generation attraktiv war. 1981 kam es zur massiven und blutigen Unterdrückung der MEK im Iran, gefolgt von einem bewaffneten Kampf der MEK gegen die Islamische Republik.

Die MEK-Führung emigrierte zunächst nach Paris und nach wenigen Jahren in den Irak, der sich damals im Krieg gegen die Islamische Republik Iran befand. Unterstützt vom irakischen Saddam-Hussein-Regime unternahmen MEK-Mitglieder in den 1980er Jahren bewaffnete Vorstöße in den Iran, die allesamt scheiterten.

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Mit dem US-amerikanischen Einmarsch in den Irak 2003 verlor die MEK ihre wichtigste Operationsbasis. Nach blutigen Angriffen von den mit dem Iran verbündeten schiitischen Milizen mussten tausende MEK-Mitglieder den Irak verlassen. Sie agieren jetzt von verschiedenen europäischen Ländern aus.

Die MEK konkurriert mit den Monarchist:innen um die Gunst der Staaten des imperialistischen Westens. Einige Neokonservative in den USA sowie europäische Politiker:innen sehen in der MEK den Teil der iranischen Opposition, die am straffsten organisiert ist. Die Berichterstattung des deutschen Fernsehens von der MEK-Kundgebung am 7. Februar 2026 in Berlin erweckte den Eindruck, dass die MEK auch im deutschen Establishment Unterstützer:innen hat. Seit Anfang Januar 2026 ruft die MEK offen zum gewaltsamen Sturz der Islamischen Republik auf.

Zersplitterte Linke Exilorganisationen

Die meisten linken Organisationen der iranischen Diaspora leiden unter einer überalterten Mitgliedschaft, die ihre politische Sozialisierung überwiegend in den 1970er Jahren hatte. In den letzten Jahren haben die linken politischen Gruppen in der iranischen Diaspora nur ganz wenig Nachwuchs gewinnen können, meistens aus den Reihen der jüngeren Generation linker Aktivist:innen, die aufgrund anhaltender Repressalien den Iran verlassen mussten.

Das linke Spektrum erstreckt sich von Sozialdemokrat:innen bis zu Kommunist:innen. Dazu gehören solche Gruppen wie die Tudeh-Partei, die Iranische Linkspartei, verschiedene Organisationen, die aus den Volksfedayin hervorgegangen sind und diverse K-Gruppen. Die meisten von ihnen treten für ein Ende der Islamischen Republik, eine Zurückweisung der westlichen Einmischung im Iran und ein Bündnis gegen die Monarchist:innen ein.

Allerdings gibt es einige Differenzen unter linken iranischen Exilgruppen, insbesondere in Bezug auf die Art der internationalen Unterstützung, die sie für den Kampf der Iraner:innen erwarten. Ein Beispiel ist die Haltung der Linken zum jüngsten Beschluss der EU, die IRGC als terroristisch einzustufen. Die iranische Linkspartei begrüßte diesen Beschluss. Andere iranische Linke sehen in den sogenannten Terrorlisten der imperialistischen Staaten ein Instrument hegemonialer Bestrebungen.

Kampf dem iranischen Regime, Kampf dem Imperialismus

Drohender Bürgerkrieg?

Die verschiedenen aufgeführten politischen Kräfte agieren vor dem Hintergrund der beispiellosen Gewalt, die am 8. und 9. Januar 2026 im Iran ausbrach. Viele iranische Politik-Aktivist:innen befürchten einen Bürgerkrieg, in dem – viel mehr als ein Streit von Ideen und politischen Programmen – Hass und Rache den Gang der Dinge bestimmen werden.

Unabhängig davon, ob es zur militärischen Intervention der USA und Israels kommen wird, hat der gewaltsame Tod von tausenden Menschen sowohl unter den Anhänger:innen der Islamischen Republik als auch unter vielen ihrer Gegner:innen die Überzeugung gefestigt, dass die Waffen sprechen müssen. Diese Situation ist kein Vorabend eines Befreiungskrieges, zumal die sich auf Leben und Tod bekämpfenden Kräfte sowohl auf Seiten des Regimes als auch auf Seiten ihrer extremsten Opponenten faschistoide Züge aufweisen. Wann diese dunklen Wolken über dem iranischen Himmel vergehen, ist nicht absehbar.

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