Neue Protestwelle nach Polizeimord in Indonesien

In Yogyakarta belagerten Student:innen über mehrere Stunden das Polizeihauptquartier, nachdem ein 14-Jähriger von einem Polizisten getötet wurde. Die Proteste richteten sich gegen den anhaltenden Machtmissbrauch von Polizei und Regierung und zeigen Parallelen zu den Massenaufständen des letzten Jahres.

In Indonesien sind am Dienstag erneut Proteste ausgebrochen. In der Stadt Yogyakarta stürmten Student:innen aus verschiedenen Universitäten der Stadt das regionale Polizeirevier. Über Stunden hinweg sammelten sich immer mehr Gruppen von Student:innen und Bürger:innen im Gebiet rund um das Polizeihauptquartier. Gleichzeitig blockierten sie mehrere Straßen im Umkreis.

Anlass der aktuellen Proteste ist der Tod des 14-jährigen Jugendlichen Arianto Tawakal. Er wurde in der Stadt Tual auf den Südostmolukken durch einen Polizisten der Brimob-Einheit getötet. Dieser schlug den Jugendlichen mit einem Stahlhelm gegen den Kopf, während dieser mit einem Motorrad an dem Polizisten vorbeifuhr. Der Jugendliche starb später im Krankenhaus an seinen Verletzungen.

Die Mobile Brigade Corps, kurz Brimob, ist eine taktische Einheit der indonesischen Polizei und hat in der Vergangenheit unter anderem im Kontext von massiven Repressionen gegen die letztjährigen Proteste Schlagzeilen gemacht. Die indonesische Polizei und Politik versuchen den Mord an Tawakal herunterzuspielen, da dieser mutmaßlich an illegalen Straßenrennen beteiligt gewesen sei. Laut Amnesty International ist die Vertuschung der Wahrheit auf diese Art kein neues Vorgehen der indonesischen Behörden.

Polizeigewalt ist ein anhaltendes Problem

Zwar hatten die Proteste einen aktuellen Auslöser; eine Verbindung zu den landesweiten Massenprotesten im letzten Jahr ist dennoch zu erkennen. So gingen im letzten Jahr in Indonesien immer wieder eine große Zahl an Menschen auf die Straße, um gegen Korruption und Machtmissbrauch in Politik und Polizei zu protestieren. Konkret richteten sie sich unter anderem gegen die Erhöhung von Abgeordnetengehältern und Morde durch die Antiaufstandspolizei.

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Die nun erneut ausgebrochenen Proteste machten sich allerdings nicht nur an dem aktuellen Vorfall fest, sondern richteten sich auch ganz klar gegen die Strukturen der indonesischen Polizei: „Menschen in Yogyakarta verstehen heute, dass die gesamte Institution verrottet ist, nicht nur einige Polizist:innen“, erklärt der protestierende Ude gegenüber Tempo.

Dass gerade die indonesische Polizei und besonders die Brimob im Mittelpunkt der Proteste stand, ist dabei keine sonderliche Überraschung. Schon im vergangenen Jahr waren die Sicherheitsbehörden nach der Tötung des 21-jährigen Motorradtaxifahrer Affan Kurniawan zu einem klaren Feindbild der Demonstrierenden geworden. Dieser Vorfall spielte auch eine zentrale Rolle in der Eskalation der Proteste, erklärt Ravio Patra von der Faktfindungskommission. Ob ein Polizeimord auch in diesem Jahr eine Protestwelle lostreten oder zumindest befeuern wird, bleibt abzuwarten.

Gleichzeitig waren die Proteste immer wieder von Repressionen und Angriffen auf die Meinungs- und Pressefreiheit begleitet. Die indonesische NGO The Alliance of Independent Journalists berichtet von 60 dokumentierten Angriffen auf Jounalist:innen und Medien zwischen Januar und August 2025. Diese äußerten sich unter anderem in Form von Drohungen, physischer Gewalt und Cyber-Attacken und wurden mutmaßlich zum Großteil durch Beamte von Polizei und Militär ausgeübt.

Keine Besserung der Verhältnisse

Den Protestierenden geht es nun vor allem aber auch um ausbleibende Verbesserungen seit den vorangegangenen Protesten. Versprochene Reformen des Polizeisystems dauern nun schon seit Januar 2025 an. „Das Vertrauen in die fruchtlosen Bemühungen zur Polizeireform ist zerbröckelt“, bringt es Ude auf den Punkt. Der Sturm des Polizeireviers sei dementsprechend auch ein Ventil für die angestaute Wut und Unzufriedenheit der letzten Monate gewesen.

Auch über Polizeireformen hinaus bleiben viele nach den Protesten versprochene Maßnahmen aus. Die daraufhin erlassenen Reformen und Konsequenzen für politische Verantwortliche bewirkten insgesamt kaum eine Änderung. So wurden beispielsweise diverse Politiker:innen, die wegen Fehlverhalten abgesetzt wurden, nun von der Regierung wieder eingesetzt.

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