Nach dem Ende der Olympischen Winterspiele versinken die Leistungssportler:innen wieder in der Unbekanntheit. Doch die Frage bleibt: Was bedeutet Sport im Kapitalismus überhaupt? – Ein Kommentar von Andrej Hoffmann.
Die Olympischen Winterspiele in Norditalien sind vorbei. Damit endet auch die Zeit der Curling-Videos auf unseren For-You-Pages auf Instagram und Co. Ob die Wintersportbegeisterung anhält, bleibt fraglich; trotzdem brachten die Olympischen Spiele die sonst eher unbekannten Wintersportarten ins Rampenlicht.
Auch wenn man selbst keine Olympischen Spiele geschaut hat, kam man an ihnen wohl kaum vorbei. Egal ob auf Arbeit, in der Schule oder im Zug – irgendwer hatte immer den Livestream mit den halsbrecherischen Sportarten nebenbei laufen. Und gerade wenn man in Ostdeutschland mit den Eltern oder Großeltern gemeinsam die Spiele geschaut hat, kam man an einem Thema nicht vorbei: die Namen der DDR-Sportlegenden wie Frank-Peter Rötsch (Biathlon), Katharina Witt (Eiskunstlauf), Karin Enke (Eisschnelllauf) oder Ulrich Wehling (Nordische Kombination), welche allesamt „damals für uns zu erreichen“ waren.
Doch wieso sind die ostdeutschen Sportlegenden auch 36 Jahre nach dem Ende der DDR noch so präsent in den Köpfen und Herzen der Menschen in Ostdeutschland, während sie in der medialen Berichterstattung kaum eine Rolle spielen?
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Sport – tief verankert im System
Dies liegt vor allem an ihren Erfolgen, denn die DDR war Vorreiter im Sport. Das beginnt bei einem qualitativ hochwertigen Sportunterricht, geht über breite Massensichtungen von Talenten bis hin zu großen Anstrengungen, neue Methoden und Techniken zu entwickeln und zu fördern – und das mit beachtlichen Erfolgen. Auch heute, 35 Jahre nach dem Ende der DDR, nimmt sie mit insgesamt 519 Medaillen den 15. Platz im ewigen Medaillenspiegel der Olympischen Spiele ein. Im gleichen Zeitraum erreichte das bevölkerungstechnisch und wirtschaftlich deutlich besser aufgestellte Westdeutschland nur 243 Medaillen und wäre heute ein vergleichbar abgeschlagener 22. Platz.
Bei den Olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo belegte die DDR im Medaillenspiegel Platz zwei, hinter dem großen Bruder Sowjetunion. Allein beim Rennrodeln wurden acht von acht möglichen Medaillen abgeräumt. Die Sportler:innen der DDR erreichten insgesamt 14 Medaillen, die der Bundesrepublik lediglich fünf. 1980 in Lake Placid war es dann der erste Platz im Medaillenspiegel, knapp vor sogar der Sowjetunion und deutlich vor den anderen Weltmächten.
Die Finanzierung und Förderung des Sports in den beiden deutschen Staaten waren grundverschieden. Während in Westdeutschland und später – nach der Annexion der DDR – auch in Ostdeutschland Sport vor allem eine Sache war, die in Vereinen und Verbänden organisiert wurde, war dies in der DDR anders. Sport war hier vor allem in und um die Betriebe organisiert. Allein ein Blick auf die Namen der Fußballvereine zeigt dies deutlich: Lokomotive Leipzig, in dem die Eisenbahner:innen spielten, oder der BSG Stahl Brandenburg, der Verein der Arbeiter:innen der Stahl- und Walzwerke Brandenburgs. Auch der Schulsport spielte eine größere Rolle. Es war nicht unüblich, dass man als Schulteam am Samstag mit den Sportlehrer:innen zu Wettkämpfen fuhr.
Auch die Bedeutung von Spitzensportler:innen war in der DDR höher. Sie wurden als „Diplomaten im Trainingsanzug“ bezeichnet und sollten durch sportliche Erfolge die Anerkennung der DDR in der Welt fördern. Deshalb wurden in der DDR erfolgreiche Olympiateilnehmer:innen vom Staat ausgezeichnet. Für eine Silbermedaille im Gewichtheben erhielt Gerd Bonk bereits den Vaterländischen Verdienstorden.
Bis heute hat sich an der grundlegenden politischen Rolle von Sportler:innen wenig verändert, lediglich welche Sportarten im Mittelpunkt stehen, hat sich verschoben: Heute erhalten nämlich vor allem Fußballspieler wie Philipp Lahm oder Toni Kroos das gleichgültige Bundesverdienstkreuz. Der vierfache Olympiasieger Francesco Friedrich (Bob) wurde hingegen „lediglich“ fünffacher Sportler des Jahres in Sachsen.
Die Schattenseite des Sports: Doping
Man kann die damaligen ostdeutschen Sportler:innen aber nicht völlig unkritisch feiern – unter dem Vorwurf des Staatsdopings werden mittlerweile quasi alle erfolgreichen Sportler:innen der DDR in ihren Leistungen verunglimpft. Vielen wurden die Aufnahme in die „Hall of Fame des Sports“ verwehrt. Fest steht: Es gab ein staatliches Dopingprogramm. Der „Staatsplan 14.25“ regelte die Förderung von Doping bei Leistungssportler:innen durch die höchsten Stellen des DDR-Staates. Besonders Testosteron wurde angewendet, um die Leistungen auf unerlaubte Art und Weise zu steigern.
Jedoch wurde auch in Westdeutschland und fast überall sonst gedopt, wenn auch nicht immer in der gleichen Intensität und Bandbreite. Besonders nennenswert ist dabei der Fall des Dopings, angetrieben durch die Sportmedizin an der Universität Freiburg, der 2007 zufällig ans Licht kam. Die fehlende Aufklärung in diesem Fall ist laut dem an der Evaluierungskommission beteiligten LKA-Sachverständigen Helmut Mahler ein „gewolltes systemisches Versagen“.
Auch heute ist Doping im Spitzensport allgegenwärtig, auch wenn die Überwachung der Sportler:innen engmaschiger ist. Ebenso ist der Kampf um, beziehungsweise gegen, das Doping weiterhin ein hochpolitischer. Zuletzt machte US-Präsident Donald Trump mit ausbleibenden Zahlungen an die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) Schlagzeilen. In einem am Anfang Februar beschlossenen Gesetz wurden die Zahlungen an die WADA an die Bedingung geknüpft, dass die selbsternannte Weltpolizei USA auch die Kontrolle über die Institutionen des Weltsports erhält.
Leistungssportler:innen sowie ihre sportlichen Leistungen waren und bleiben eben immer auch politisch und wichtig für die Staaten, die sie repräsentieren. Dass man die „Diplomaten im Trainingsanzug“ also dopet oder über Doping hinwegsieht, liegt nahe. Vertuschen, das machen eben immer nur die anderen.
Vor allem der Geldbeutel schwitzt
Heute ist der Sport jeglicher Art vor allem durch Individualismus geprägt. Überall sprießen Fitnessstudios aus dem Boden, während Vereine aufgrund fehlender Aktiver schließen müssen. Und wenn Sport betrieben wird, dann meist, um zu gewinnen – sprich: besser als die anderen zu sein. Die kapitalistische Leistungslogik ist also fest im Sport verankert.
Eine Ursache: Vereinssport ist vor allem eines – teuer. Gerade wenn mehr als ein Kind Mitglied in einem Verein ist, werden allein die Mitgliedsbeiträge schnell kostspielig. Doch darin ist die Ausstattung noch nicht enthalten – gerade bei den Disziplinen des Wintersports ist das ein Fass ohne Boden.
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Auch Trainingslager sowie Fahrten zum Training und zu Wettkämpfen kosten einiges. Und wenn man etwas weiter weg wohnt, bleibt oft nur der Einzug in ein Sportinternat. Spätestens hier ist auch mit gutem Willen und vielen Entbehrungen der Geldbeutel leer. Zudem sind Sportförderprogramme bei Weitem nicht so ausgebaut, wie sie es sein müssten.
Sport im Tarnanzug
Zwar gibt es einige wenige soziale Hilfen für Sport, jedoch sind sie selten ausreichend und meistens nur für Kinder und Jugendliche. Stattdessen nimmt die BRD subtiler Einfluss, ohne dabei Sportprogramme zu finanzieren, die allen zugute kämen: In Deutschland sind viele Leistungssportler:innen in den Sicherheitsorganen angestellt. Allein bei der Bundeswehr gibt es nach eigenen Angaben 890 Stellen im Leistungssport. Dutzende weitere existieren beim Zoll und bei der Polizei. Wer also abwertend meint, in der DDR seien Sportler:innen Teil der Staatspropaganda gewesen, sollte diese Anstellungsverhältnisse zumindest äußerst kritisch betrachten.
Doch selbst diese Förderungen reichen für viele Sportarten nicht aus und da greifen dann die kalten Gesetze des Kapitalismus. So müssen sich Spitzensportler:innen heute jede Saison um Sponsorenverträge bemühen und für Konzerne Werbung machen. So kommt es dann dazu, dass selbst die für sexuelle Ausbeutung bekannte Plattform OnlyFans versucht, durch das Sponsoring von Sportler:innen ihr Image aufzubessern.
Auch wenn der deutsche Leistungssport nicht mehr im gleichen Fokus steht, spielt der Staat doch eine entscheidende Rolle. An die Erfolge des Sports der DDR kommt man heute zwar nicht mehr heran, dafür muss man aber auch nicht mehr irgendwelche teuren Programme für die Massen finanzieren.
Schaffen wir unseren eigenen Sport!
Historisch ist der Sport im Imperialismus also immer ein politisches Werkzeug. Leistungssportler:innen sind „Diplomaten im Trainingsanzug“, die, mal mehr, mal weniger direkt, die außenpolitischen Interessen des Staats vertreten. Davon abgesehen dient man dann als Werbegesicht für die Bundeswehr oder irgendwelche Konzerne. Das ist die Bedeutung von Sport im Kapitalismus.
Doch statt Millionen in einen Leistungssport zu stecken, der nur wenigen nützt, ist es von größerer Bedeutung, dass Sport in der Breite unserer Klasse zu einem Ort wird, an dem wir zusammenkommen, Spaß haben und etwas für unsere Gesundheit tun. Statt allein ins Fitnessstudio zu gehen und den einzigen Kontakt mit anderen Sportler:innen nur im Vergleich zu erleben, sollten wir uns auch im Sport als Arbeiter:innen verbinden.
Trainieren für den Klassenkampf – eine kurze Geschichte der Arbeiter:innensportbewegung
Dafür ist es notwendig, Massenorganisationen aufzubauen und einen Sport von der Arbeiter:innenklasse für die Arbeiter:innenklasse zu schaffen – so, wie es ihn zu Beginn des 20. Jahrhunderts häufig gab. In diesem Sinne: Sport frei!

