Zeitung für Solidarität und Widerstand

Polizeiliche Machtdemonstration bei Razzia in Augsburger Club: „Das alles darf nicht zur Normalität werden“

Am Samstagabend waren etwa 200 Polizeikräfte an einer gewaltsamen Razzia im Augsburger City Club beteiligt. Das Lokal gilt als ein Treffpunkt der alternativen Szene der Stadt, im Laufe des Abends kam es zu Polizeigewalt und entwürdigenden Intimkontrollen. Tobias* war in der Clubnacht Türsteher – wir haben mit ihm über das schockierende Ereignis gesprochen.

Du warst an dem Abend der Großrazzia Türsteher im City Club. Kannst du das Geschehen nochmal aus deiner Sicht berichten?

An sich war der Abend bis dahin sehr entspannt. An dem Tag gab es einen Dayrave, das heißt, die Party ging schon um 15 Uhr los, die Stimmung war gut, die Leute hatten Spaß. Ich war mit mehreren Leuten an der Tür gestanden beim Rauchen. Die Person, mit der ich die erste Türschicht gemacht habe, war etwas weiter weg bei anderen Menschen gestanden, welche sich unterhalten haben.

Auf einmal ging es los, in wenigen Augenblicken gab es einen riesigen Tumult. Erst Beamte in Zivil, direkt dahinter vermummte USKler (Unterstützungskommando der bayrischen Polizei, Anm. d. Red.) mit Kamerastativ, Taschenlampen und Rammbock. Die ersten Beamten sind sofort zu mir, haben meine Hände geschnappt und sie auf das Kassenpult gelegt.

Währenddessen sind mit dem ersten Schwung ca. 50-60 vermummte Beamte – teils in USK-Uniform, teils in Zivilklamotten – in den Laden. Hinter der Tür geht es erstmal unten ins Café rein und über die Treppen geht es hoch in den Club. Einige Leute waren auf der Treppe, diese mussten auch erstmal die Hände hoch und vor dem Körper zusammen machen. Nachdem die Polizei das Überraschungsmoment genutzt hat, hat sich, soweit ich mitbekommen habe, die Lage entspannt. Die Menschen im Türbereich wurden nach draußen vor den Club gebracht, wo dann Bereitschaftspolizist:innen das „Aufpassen“ übernommen haben.

Perspektive Online, CC BY-NC-SA 4.0

Nach circa 30-40 Minuten war ich eine der ersten Personen, die zur Kontrollstation geführt wurden. Diese war hinter dem Gebäude aufgebaut und war über die ganze Straße gezogen. Mit mehreren Pavillons wurden kleine Kabinen gebaut, in denen man dann kontrolliert worden ist. Da ich Mitarbeiter bin, musste ich mich nicht komplett ausziehen. Es wurden nur meine Taschen, Schule, Hosenbund usw. kontrolliert. Bei anderen Gästen wurden auch richtige Leibesvisitationen gemacht und die mussten sich teilweise auch komplett ausziehen. Nach dieser Station wartete ich erstmal an einem Tisch, an dem drei Bullen mit Laptops den Papierkram erledigten.

Als ich dran war, habe ich erfahren, dass ich mein Handy abgeben muss, weil ich Mitarbeiter bin. Auf die Frage, ob ich einen Durchsuchungsbefehl sehen darf, wurde mir übrigens die ganze Zeit gesagt, dass ich diesen nicht sehen muss, da ich nicht der Betreiber bin, dass ich diesen noch sehen werde, wenn die Kontrolle vorbei ist, oder dass ich den Bullen schon glauben darf, dass da drin steht, dass sie mein Handy einsacken dürfen.

Spoiler: Ich habe die ganze Maßnahme über keinen Durchsuchungsbefehl gesehen. Am Ende wurde mir noch ein Sicherstellungsprotokoll vorgelegt, das ich natürlich nicht unterschrieben habe. Danach durfte ich mit einem Platzverweis die Maßnahme verlassen.

Videos in den sozialen Medien zeigen, wie sich etliche vermummte Polizisten durch die Clubtür quetschen, um die Gäste im Inneren zu schikanieren. Was für Auswirkungen hatte der Polizeieinsatz auf die Betroffenen im Club?

Die Leute waren natürlich erstmal geschockt. Alle hatten Spaß und plötzlich steht der ganze Laden voll mit Cops. Teilweise waren die Gäste mehrere Stunden draußen gestanden und haben ihre Jacken nicht bekommen. Eine Frau, die neben mir stand, wollte ihre Anwältin anrufen und hat den Beamten mehrmals nach seinem Namen und Dienstnummer gefragt. Nachdem sie zum dritten Mal ihr Handy zum Anrufen rausholte, wurden ihr direkt Handschellen angelegt. Über Funk hat man immer wieder über Widerstand im ersten Stock mitbekommen.

Als ich nach meiner Kontrolle auf den Papierkram gewartet habe, hörte ich nur ein Gespräch zwischen zwei Bullen. Der eine fragte den anderen, ob es Bock gemacht habe. Der andere antwortete: „Ja, war richtig geil mal wieder die Sau rauszulassen“, „die hat voll gebissen und gespuckt.“ Den Wortlaut danach habe ich nicht mehr richtig im Kopf, aber er meinte dann, dass es richtig nice war, mal wieder jemanden verhauen zu können. Solche Kommentare hat man von anderen Leuten auch mitbekommen. Ein Polizist meinte auch zu einem Gast, dass es den Laden eh nicht mehr lang geben würde.

Viele hat die ganze Maßnahme mitgenommen, von Seiten der Polizei gab es da gar keine Hilfsangebote. Zum Glück haben sich voll viele Augsburger:innen mit dem Club solidarisiert und haben direkt eine spontane Kundgebung angemeldet. Da konnten die Betroffenen das Ganze direkt ein wenig verarbeiten. Die Tage danach hat das AwA*-Kollektiv (Awareness Kollektiv Augsburg) auch Termine angeboten, an denen Betroffene über das Erlebte sprechen konnten.

Für den Club hatte das Ganze natürlich auch Auswirkungen, der Abend war erstmal gelaufen, alle Türen und der Tresor wurden aufgebrochen und die Kassensysteme und Kartenlesegeräte wurden mitgenommen. Das steckt der Laden aber ganz gut weg. Am Dienstag hatte das Café zum ersten Mal wieder auf und am Mittwoch öffnet der Club wieder seine Türen. In dem Haus sind aber auch noch Privatwohnungen und Räumlichkeiten von Vereinen, die absolut nichts mit dem Club zu tun haben; diese wurden auch durchsucht.

Perspektive Online, CC BY-NC-SA 4.0

Wie die Augsburger Allgemeine berichtet, wird gegen den Club scheinbar schon seit Ende 2024 ermittelt. Wie erklärst du dir diese massive Repression – und warum trifft es ausgerechnet den CC?

Der Club ist in Augsburg schon seit Jahren eine Institution, die Raum für Subkultur und linke Politik bietet. Dass das dem deutschen Staat ein Dorn im Auge ist, können wir hier in Augsburg auch schon seit Jahren beobachten. Ein gutes Beispiel ist das Modular Festival letztes Jahr.

Hier haben das Linke Zentrum Lilly Prem und das Offene Antikapitalistische Klimatreffen einen Infostand im Rahmen des Platzprogramms gemacht. Im Nachhinein wurde dazu eine riesige Diskussion losgerollt, die den Stadtjugendring und dessen städtische Finanzierung in Frage gestellt hat.

Wirtschaftskrise: Die Zukunft der Jugend ist besonders bedroht

Bundesweit können wir aber auch einen Trend beobachten. Bei linken Projekten werden die Gelder gestrichen. Räume, in denen man sich auch mal treffen kann, ohne Geld auszugeben, werden immer weniger. Den Menschen, die eh schon wenig Geld haben, werden die letzten Möglichkeiten genommen, sich wenigstens etwas von der ganzen Ausbeutung und Diskriminierung, die wir im Alltag erfahren, zu erholen.

Man sieht, wo der Trend hingeht: Mehr schuften, weniger Freizeit – für die deutsche Wirtschaft versteht sich.

Die Staatsanwaltschaft Augsburg hat den Ruf einer besonders „strengen“ und reaktionären Behörde, der Wikipedia-Artikel der Staatsanwaltschaft ist voller Kritiken und Skandale. Wie kommt das?

Die Staatsanwaltschaft ist sehr eng mit der CSU verstrickt, das sieht man auch im Wikipedia-Artikel. Wenn es um fortschrittliche Kräfte geht, flattern die Durchsuchungsbefehle nur so raus. Aber wenn man als guter Freund von der CSU oder sogar als CSU-Politiker selber ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung hat, dann werden Verfahren mal so lang gezogen, bis sie eingestellt werden.

In der politischen Widerstandsbewegung wird immer davon gesprochen, dass Augsburg ein Versuchsfeld der Polizei und des Staates ist. Hier wird ausprobiert, was in den nächsten Jahren auch in anderen Teilen Deutschlands an der Tagesordnung sein kann.

Massiver Anstieg der Repression gegen Augsburger Aktivist:innen

Die Repression wird die Betroffenen wohl noch eine Weile beschäftigen. Wie können wir uns – sei es als politische Aktivist:innen oder als Teil einer alternativen Subkultur – gegen derartige Angriffe der Staatsgewalt wehren?

Das Wichtigste ist, dass wir uns organisieren! Alleine werden wir gegen diese Angriffe immer verlieren. Nur gemeinsam, als Kollektiv oder politische Organisation, können wir den Angriffen des Staates standhalten. Das haben wir auch am Samstag gesehen. Hier standen aus allen verschiedenen Organisationen Menschen vor dem Club und haben bei deiner spontanen Kundgebung ihre Solidarität kundgetan. Das hat allen Betroffenen Kraft gegeben, niemand musste mit der Situation alleine klarkommen. Auch die Folgen von Repressionen kann man zusammen besser tragen.

Das konnten wir auch bei den Hausdurchsuchungen wegen palästinasolidarischer Laminaten beim Solidaritätsnetzwerk Augsburg im November 2024 sehen. Es wurde am gleichen Abend eine spontane Demo gemacht und auch in den Wochen und Monaten danach wurden zusammen Spenden gesammelt und man hat verschiedene Vorträge abgehalten. Die überzogene Repression wurde immer zum Thema gemacht. Man darf das alles nicht zu Normalität werden lassen – man muss das überzogene Vorgehen des Staates immer skandalisieren und öffentlich machen.

*Name geändert, echter Name ist der Redaktion bekannt.

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Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

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